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Inhaltsverzeichnis
GegenStandpunkt 1-08
Nicolas Sarkozys „rupture“:
La Grande Nation – zu klein!
Frankreichs neuer Staatspräsident ist nicht zufrieden. Mit seiner
Nation nicht, weil die in der Welt von heute einfach nicht die Rolle
spielt, die ihr in den Augen ihres obersten Nationalisten zukommt;
daher auch nicht mit der Welt und der in ihr herrschenden Ordnung, die
seinem Land den ihm gebührenden Status verwehrt. „Frankreich ist ins
Hintertreffen geraten gegenüber dem Rest der Welt“ (Neujahrsansprache,
Le Monde, 2.1.08); und damit will der neue Chef sich keinesfalls
abfinden. Sich selbst und seiner Nation verlangt er in aller
Bescheidenheit eine „politique de civilisation“ ab, „damit Frankreich
die Seele der neuen Renaissance wird, die die Welt braucht“
(Neujahrs-Pressekonferenz, 8.1.08), auch wenn die das noch gar nicht
bemerkt hat. Seiner Regierung erteilt er den entsprechenden Auftrag;
und der Erste Minister versteht: Es geht darum, „Frankreich
grundsätzlich zu ändern, damit es in der Welt stets an der Spitze
steht; mit einer erobernden Wirtschaft, aber auch mehr respektiert in
der Welt.“ (Premierminister François Fillon, Le Monde, 2.1.)
Originell ist dieses Aufbruchsprogramm nicht, noch nicht einmal die –
freilich sehr französische – Rhetorik. In den letzten Jahrzehnten tritt
in kaum einer namhaften Demokratie eine Führungsmannschaft zur Wahl und
eine gewählte Regierung ihr Amt an, ohne unter Titeln wie „Change“ oder
„Wende“ die gründliche Mobilmachung der Nation zu versprechen. Das
macht den französischen Fall jedoch nicht uninteressant, sondern
exemplarisch: Auch in Frankreich sieht der neue Präsident sich berufen
und durch seine Wahl dazu beauftragt, seine Nation fit zu machen für
Siege in einem Konkurrenzkampf der bedeutenden kapitalistischen Mächte,
für den alle Beteiligten sich ganz neue Anstrengungen abverlangen. Er
reagiert damit – der Premierminister deutet es an – auf eine gewisse
Beschädigung seiner Nation: ihres kapitalistischen Reichtums, dessen
Wachstum unter der „Allmacht der Märkte“ leidet; nämlich, genauer,
unter dem „Lohn-, Geld- und Sozialdumping“ (Sarkozy in einer Rede vor
der Parlamentsmehrheit am 20.6.07) der einen und einem hemmungs- und
rücksichtslosen „Finanzkapitalismus“ (ein großes Thema seiner
Neujahrs-Pressekonferenz) gewisser anderer Weltwirtschaftsmächte.
Beschädigt ist ebenso die Weltgeltung der Grande Nation: Wenn der
Präsident in der Staatenwelt ein Defizit an französischer
„civilisation“ feststellen muss und dabei eine zunehmend kriegerische
Grobheit im internationalen Verkehr im Auge hat, dann ist das seine
Art, ebenso kritisch wie selbstkritisch zur Kenntnis zu nehmen, dass
die wichtigsten Macher des Weltgeschehens die Maßstäbe
imperialistischer Durchsetzungsfähigkeit zurechtgerückt haben und
Frankreich den entsprechenden Anforderungen in Sachen Respekt
erheischender Gewalt derzeit nicht genügt. Die so zu Frankreichs und zu
ihrem eigenen Nachteil veränderte Welt sieht der Präsident zudem durch
neue mächtige Subjekte bevölkert – Indien und China nennt er in seiner
Rede am 20.6. beim Namen, Russland restauriert seine politische Gewalt,
und zur amerikanischen „Supermacht“ müssen sich ohnehin alle Staaten,
die auf dem Globus etwas zu melden haben wollen, ganz neu ins
Verhältnis setzen –: Subjekte, neben denen Frankreich sich noch gar
nicht richtig als maßgeblicher Akteur etabliert hat und gegen deren
Ambitionen es das unbedingt tun muss.
Das sind so im Groben die Herausforderungen, vor die Sarkozy sein Land
gestellt sieht – es sind die, vor die die paar Mitglieder der
imperialistischen Elite auf dem Erdball zu Beginn des 21. Jahrhundert
sich wechselseitig stellen. Und so wenig wie in der kritischen Bilanz
unterscheidet die neue Führung Frankreichs sich im Ansatz ihrer
herausfordernden Antwort auf die diagnostizierte Lage von ihren
Rivalen, agiert vielmehr auch da beispielhaft: Sie geht davon aus, dass
ihre Nation ganz zweifelsfrei vermag, wozu sie herausgefordert ist und
worauf sie ein Recht hat. Eine Weltmacht von Rang zu sein, das steht
Frankreich nicht bloß fraglos zu; für den neuen Chef ist es eine
ausgemachte Sache, dass sein Staat das Zeug dazu hat, das auch wieder
zu werden und sich gegen alle anderen durchzusetzen – er muss es nur
tun. Dazu braucht es nicht mehr als den entschlossenen Willen, das
eigene Schicksal in die Hände zu nehmen. Allerdings auch nicht weniger.
Und dafür braucht es eine historische Gestalt wie ihn: einen Sarkozy,
den neuen Danton:
„De l'audace, toujours de l'audace,
encore de l'audace et la France
sera sauvée!» („Mut, mehr Mut, noch mehr Mut und Frankreich wird
gerettet sein!“) (Georges Danton 1792 vor dem Konvent während des
Krieges; Nicolas Sarkozy vor den UMP-Parlamentariern am 20.6.07)
I.Selbstkritische Besichtigung des nationalen Innenlebens:
Defizitdiagnose und Therapiekonzepte
Vor dem hoffnungsvollen Aufbruch steht die kritische Diagnose; und die
fällt vernichtend aus: Ein „Land,
das seit dreißig Jahren zögert, seine
Strukturen und seine Gewohnheiten zu überdenken“ (Fillon,
Regierungserklärung, 3.7.); ein durch und durch in Agonie versunkenes
Gebilde, hauptsächlich regiert durch eine Tradition von „verschleppten
und fehlgeschlagenen Reformen“ und maßgeblich geprägt von „Jahrzehnten
des Konservatismus und Einheitsdenkens, das so bequem fortzuführen war“
(Neujahrs-Pressekonferenz, 8.1.08); ein Etwas, das nicht nur alt an
Jahren, sondern in seinem inneren Bestand auch genauso beisammen ist
wie ein Fossil: „Frankreich ist ein
altes Land. Viele seiner
Institutionen sind altbacken und verknöchert“ (Attali-Kommission,
Le
Monde, 20.1.08) „Das kann so nicht weiter gehen!“ (Sarkozy, eigentlich
immerzu)
Die starken Sprüche, mit denen Frankreichs neue politische Führung ihr
Land schlecht macht, so als könnte sie es kaum fassen, was für einen
Laden die Vorgängerregierung, der Sarkozy selber ja immerhin angehört
hat, ihr hinterlassen hat, zeugen von einem starken Veränderungswillen
– und einer fast ebenso großen Verlegenheit. Der Welterfolg ihrer
Nation lässt für ihren Geschmack ganz enorm zu wünschen übrig; aber ein
Defekt, der sich als Ursache bestimmen und durch gezielte Eingriffe
beheben ließe, ist nicht recht auszumachen – „Verkrustung“ ist ja keine
Diagnose in dem Sinn, weder über die politische Ökonomie des Landes
noch über deren Erträge für die politische Macht; jedenfalls nicht in
dem Sinn, dass daraus zweckmäßige Maßnahmen zur Steigerung des
Wachstums oder zur Auffüllung der Staatskasse abzuleiten wären. Der
erbitterte Erfolgswille des Präsidenten findet in seiner fundamentalen
Unzufriedenheit mit der Performanz der nationalen Ökonomie und Politik
wenig Handhaben für konkrete großkalibrige Verbesserungen.
Der eine Grund dafür ist allgemeiner Natur und betrifft im Prinzip die
politische Herrschaft im Zeitalter des modernen Weltkapitalismus
generell. Die braucht und will und „fördert und fordert“ nach Kräften
eine Sorte Nationalreichtum, den die kapitalistischen Unternehmen in
eigener Regie und im globalen Konkurrenzkampf mit ihresgleichen aus dem
Land, seinen Leuten und den darin schon angesammelten produktiven
Reichtümern herauszuwirtschaften haben. Für den Erfolg, auf den es ihr
ankommt, weil davon ihre Macht abhängt, schafft die zuständige
Obrigkeit mit ihren Gesetzen und ihren Haushaltsmitteln, Schulden
inklusive, die Bedingungen; nach bestem Wissen und Gewissen – und
beraten durch zahllose Lobbys, deren Ratschläge einander allerdings
regelmäßig durchkreuzen, sowie außerdem durch Sachverständige, die gar
nichts dabei finden, dass sie ihre Prognosen Monat für Monat gemäß dem
tatsächlichen Konjunkturverlauf korrigieren – wirkt sie mit Maßregeln
und Geld auf den Konkurrenzkampf ein, in dem „ihre“ nationale
Firmenwelt siegen soll. Doch eben weil es um Erfolge in der
internationalen Konkurrenz ums Geld der Welt geht – und solange es nach
dem Willen einer auf Marktwirtschaft abonnierten Staatsgewalt auch
genau darum und um nichts anderes gehen soll –, sind rechtliche
Vorgaben kein erfüllbarer Plan und sogar Geldsummen keine Gewähr dafür,
dass ihre Verwendung im Endeffekt den erwünschten Ertrag abwirft. Diese
eigentlich banale Eigenart allgemeiner Geschäftsbedingungen, keine
verlässlichen Wirkursachen und schon gar keine Erfolgsgarantien zu
sein, irritiert die verantwortlichen Machthaber zwar überhaupt nicht in
ihrem festen Standpunkt, es gäbe für sie so etwas wie zuverlässig
wirkende Erfolgsstrategien, und mit der Macht der Politik müsste sich
doch herbeimanipulieren lassen, was sie von ihrer Klassengesellschaft
haben wollen. Damit verdoppeln sie aber nur den Konkurrenzkampf der
Firmen, dessen Ausgang eben eine Frage des ökonomischen Kräftemessens
ist, um den der Nationen – also um ihre eigenen Konkurrenzmanöver, mit
denen sie einerseits bloß auf Siege und Niederlagen „ihrer“ Konzerne
reagieren und andererseits die Ergebnisse, die „am Markt“ zustande
kommen, beständig zu korrigieren suchen.
Dabei steht völlig außer Frage, dass eine tatkräftige Staatsmacht mit
ihren Maßregeln und Subventionen enorm viel an produktiven
Anstrengungen, in Sachen Ausbeutung wie an spekulativer
Kreditvermehrung, in Gang setzen und in Schwung halten – und dadurch
anderswo kaputt machen – kann. In den altgedienten kapitalistischen
Nationen, zu denen Sarkozy sein Frankreich rechnet, verhält es sich
bloß so, dass die politische Herrschaft dort schon seit langem ein
reichhaltiges Instrumentarium an Rechten und Krediten zum Einsatz
bringt, so dass den Managern des Kapitals nicht mehr viel Zweckmäßiges
zu wünschen übrig bleibt – man merkt es an dem etwas absurden Ansinnen
„neoliberaler“ Helden der marktwirtschaftlichen Freiheit, der Staat
möchte am besten sich selbst als Kostenfaktor ganz aus dem Verkehr
ziehen. Gerade in Europa haben die großen Machthaber ihre Länder
konsequent zu Kapitalstandorten durchgestylt; die Nationen konkurrieren
mit perfekter Infrastruktur und Niedrigsteuern, mit Subventionen und
machtvoller Rechtssicherheit auch für Auslandsgeschäfte, mit guter
Währung und einer Arbeits- und Sozialpolitik, die das nationale
Lohnniveau konsequent absenkt, so dass die Lohnstückkosten mit denen
aufstrebender asiatischer Billiglohnländer mithalten können. Natürlich
findet sich da immer noch einiges umzubauen. Gerade die
sozialstaatlichen Errungenschaften früherer Jahrzehnte, die für viel
Effektivität bei der rentablen Verwendung von Arbeitskraft gesorgt
haben, bieten noch einige Handhaben für eine kapitalfreundliche
Minderung der Unterhaltskosten des nationalen Fußvolks. So viel steht
aber auch fest: Mit noch ein paar weiteren Steuernachlässen für
Unternehmer und sozialen Gemeinheiten gegen Arbeitslose ist die
Wettbewerbssituation des nationalen Kapitalismus dieser Länder nicht
wirklich durchgreifend zu verbessern. Das ist der zweite, etwas
speziellere Grund dafür, dass ein frisch gewählter Staatschef in seiner
Unzufriedenheit mit Macht und Reichtum seiner Nation so
fundamentalistisch auf den Putz haut und dass es absurd wäre, einen
Mann wie Sarkozy zu fragen, warum es mit welchen „Strukturen“ in seinem
Land unmöglich so wie bisher „weiter gehen kann“ und welche
„Verkrustungen“ die französische Wirtschaft denn im einzelnen daran
hindern, von China bis Brasilien die Weltmärkte zu erobern: Sein
regierungsamtliches Leiden an unzureichendem Erfolg der Nation steht in
keiner plausiblen Beziehung zu einzelnen oder auch zur Summe aller
einzelnen Behinderungen von Geschäft und Gewalt.
Was nicht heißt, dass der Präsident und seine Leute nicht jede Menge
davon aufzuzählen wüssten. Mit einschlägigen Beschwerden und
Verbesserungsvorschlägen hält der neue Mann sich aber gar nicht groß
auf. Er steigt gleich auf einer höheren Abstraktionsebene ein, geht ins
Grundsätzliche und wirft seinen Reformelan zuerst auf die Gesamtheit
der staatlichen Einrichtungen und Prozeduren, die dafür da sind – und
nach seinem Urteil ganz generell an ihrer Aufgabe versagen –,
zweckmäßige Regeln für eine garantiert erfolgreiche Bewirtschaftung des
nationalen Kapitals und der nationalen Klassengesellschaft – und der
nationalen Arbeiterklasse durchs nationale Kapital – zu erlassen. Wenn
von irgendwelchen Maßnahmen gegen irgendwelche Missstände die für
fällig erachtete Renovierung der Macht der Nation gar nicht zu erwarten
ist, dann – so der kühne, aber systemimmanent folgerichtige Schluss des
Präsidenten – muss die produktive Aufmischung des Herrschaftsapparats
den nötigen Fortschritt bringen. Neue Maßregeln fürs Tätigwerden der
Herrschaft selber: Darauf zielen seine wortgewaltigen Nörgeleien. Aus
Sarkozys Sicht hat die Nation sich 30 Jahre lang mit ihren doch so
offensichtlichen Defiziten eingerichtet! Trotz ihrer lausigen und im
Endeffekt immer lausiger werdenden internationalen Performance hat die
Republik in Gestalt des sie leitenden Führungspersonals es sich in
ihren verknöcherten Verhältnissen „bequem“ gemacht. Ihre wechselnden
politischen Vorstände haben genau genommen gar nicht regiert, sondern
ewig nur dasselbe „Einheitsdenken“ ihrer Vorgänger vor sich hin gedacht
– anstatt einmal gescheit zu „überdenken“, ob die Machtmittel, über die
sie gebieten, überhaupt für den Zweck taugen, den sie verfolgen; oder
ob sie, was auf dasselbe herausläuft, beim Gebrauch ihrer Macht nicht
schon längst den Zweck vollkommen aus den Augen verloren haben, dem der
zu dienen hat. So oder so: Für den neuen Präsidenten der Republik haben
seine Vorgänger jedenfalls den Skandal herbeigewirtschaftet, dass der
Staat nicht nur den Dienst am Erfolg der Nation schuldig bleibt. Für
ihn stellt sich bei genauerer Betrachtung heraus, dass heute der Staat
selbst „das Hindernis für das Wachstum und für den Fortschritt ist“
(Sarkozy, 20.6.07). Und was das Schlimmste ist: Auch ihrem Volk haben
die bisherigen Regenten Frankreichs in ihrer grenzenlosen
Selbstzufriedenheit gestattet, es sich bequem zu machen und sich
gemütlich einzurichten – in Verhältnissen, mit denen ein nationaler
Führer, dem es ernst ist mit dem Erfolg seiner Nation, nie und nimmer
zufrieden sein kann!
So kommt bei Sarkozy zum Idealismus einer herrschaftlichen
Erfolgsmethodik der ebenso tatendurstige Glaube an Erfolgstugenden, die
im Volk im Prinzip zwar vorhanden, tatsächlich aber verschüttet sind –
und darauf warten, dass er sie wieder freilegt.
1. Kampf um die Mobilisierung herrschaftlicher Potenzen
Bei der Umsetzung des Projekts, dem staatlichen Machtapparat zum
besseren Funktionieren für seinen Auftrag zu verhelfen, braucht ein
Staatsmann natürlich das Wissen von Experten. Gefragt ist da ein
Sachverstand, der den grandiosen Einfall des Präsidenten, ausgerechnet
den politischen Urheber und machtvollen Regenten des zweitgrößten
europäischen Kapitalstandorts als Wachstumshindernis zu identifizieren,
konstruktiv weiterdenkt, ihn in zielführende therapeutische Maßnahmen
überführt und sich in diesem Sinne an die kritische Durchmusterung der
staatlichen Einrichtungen und ihrer funktionellen Zuordnung macht. Also
richtet sich der große Kritiker der staatlichen Bürokratie und ihrer
‚Verknöcherung’ als erstes einen ansehnlichen bürokratischen Apparat
von Kontrollzirkeln, Reformarbeitskreisen, Evaluationskommissionen und
Forschungsausschüssen ein, der die Regierung mit Vorschlägen zur
herrschaftlichen „Verfahrensoptimierung“ versorgt,1) und der legt dann
wunschgemäß los.2).
Effektiver ‚Machttransfer’ im Land!
Da stellt sich für die Kenner der Materie, die die politische
Bewirtschaftung eines kapitalistischen Standorts für auch so ein
Verfahren neben anderen halten, manchmal heraus, dass die Zentrale in
Paris aus dem, was außerhalb der Metropole abläuft, ausgemischt ist,
sie womöglich auf wichtige Entscheidungen, die nicht bloß regionalen
Charakter haben, nicht den gewünschten Einfluss nehmen kann. Daraus
folgern sie als erstes, dass man „die
Präsenz des Staates in den
Regionen verstärken muss“ (Le Monde, 12.12.07). Das ist sehr
logisch,
leuchtet ein und wird politisch auch sogleich auf den Weg gebracht. In
einer „flächendeckenden Umorganisation des Staates von der größten
Bedeutung seit der Schaffung der Regionspräfekturen 1964“ (ebd.) soll
die Verwaltungshierarchie im Staat neu durchkonstruiert werden. Die
politischen Kompetenzen des Machtapparates werden neu aufeinander
zugeschnitten, die Präfekten der Departements denen der Regionen
unterstellt usw. Neues kommt darüber nicht auf die politische Agenda,
aber einem zügigen und reibungslosen ‚Durchregieren’ in Frankreich
steht so möglicherweise schon weniger im Weg als vorher.
Möglicherweise. Denn kommt es in diesem Sinne darauf an, die Hierarchie
der staatlichen Verwaltung von oben nach unten und von der Zentrale in
Richtung Peripherie zu straffen, so wäre nach Expertenmeinung für
denselben Zweck manchmal bei der Ausübung der Staatsgewalt auch die
umgedrehte Richtung wünschenswert. Also wird untersucht, „welche
Funktionen, die heute in Paris ausgeübt werden, morgen in der Provinz
angesiedelt werden können“ (Sarkozy, Ansprache bei der
Präsentation des
Woerth-Berichts, 12.12.07), was ja auch etwas für sich hat: Wenn die
Herrschaftszentrale eigene Metastasen gleich in die Provinzen
einpflanzt, braucht es sie ja in der Metropole nicht mehr, worüber
‚Friktionen’ sowie alle sonstigen institutionellen Hindernisse eines
effektiven Regierens zwischen der und den Provinzen schlagartig gegen
Null gehen müssten. So wird der Herrschaftsapparat auf der methodischen
Ebene seiner institutionellen Einrichtungen unter Anleitung von ganz
viel wissenschaftlichem Sachverstand modernisiert, und so bescheuert
eine beständige Kompromisssuche und -findung zwischen konsequenter
Zentralisierung einerseits, entschlossener Dezentralisierung
andererseits auch sein mag: Ein der Form nach neues politisches
Innenleben lässt sich dem Land auf diesem Weg zweifellos verpassen.
Effektive Entscheidungsprozesse in der Machtzentrale!
Die unter dem Stichwort ‚Gewaltenteilung’ zusammengefassten
rechtsstaatlichen Einrichtungen und Verfahren der demokratischen
Selbstkontrolle müssen sich – irgendwie ganz konsequenterweise in dem
Land, dem die Menschheit die größten gedanklichen Anstrengungen zur
Begründung und Rechtfertigung dieser Herrschaftsmethode verdankt – eine
gnadenlose Überprüfung in Hinblick auf ihre Verträglichkeit mit dem
Wohl der Nation gefallen lassen. Nach Auffassung des Präsidenten bedarf
es für Frankreichs Aufbruch in eine große Zukunft einer „Neujustierung
unserer Institutionen, die eine bedeutende Verstärkung der Macht des
Parlaments, ein tatsächliches Gegengewicht zur Macht der Exekutive,
einen Obersten Gerichtshof, der seine Aufgaben in völliger
Unabhängigkeit von der politischen Gewalt ausführt, einschließt“
(Sarkozy, bei der Einsetzung der Balladur-Kommission, 18.7.07) Ob das
so alles zueinander passt, was er für sich passend machen will, fragt
man besser nicht. Das sind Petitessen für einen Mann, der den
unbedingten Erfolg der Macht haben will, an deren oberster Spitze er
selbst steht, und dem deshalb die Effektivierung der Machtausübung zur
wichtigsten politischen ‚Sachfrage’ wird. Also kündigt er an, die
Gewalt der Exekutive über die Stärkung der Macht der Legislative auf
Vordermann zu bringen und beide Mächte dann nochmals durch die Stärkung
einer Judikative stark zu machen, die jenseits beider Abteilungen ihres
Amtes waltet. Und weil er eben ein Mann der Tat ist, macht er sich
gleich praktisch an die vorwärtsweisende Neuauslegung der
‚Gewaltenteilung’: Über die Neudefinition der Vollmachten für den
Staatschef, über die Neuregelung des Modus der Gesetzgebung, der
Befugnisse des Rechnungshofes, des Verfassungsrats usw. wirft er viele
der politischen Gepflogenheiten, wie sie innerhalb der herrschenden
Klasse sowie in und zwischen ihren funktionellen Untergliederungen
eingerissen sind, über den Haufen. Ebenso souverän setzt er sich über
die demokratischen Grundgesetze der Parteienkonkurrenz und des Umgangs
einer Regierung mit ihrer parlamentarischen Opposition hinweg, beruft
demonstrativ gegen den Widerstand aus den Reihen seiner eigenen Partei
Mitglieder der sozialistischen Parlamentsminderheit in wichtige
nationale und internationale Ämter, handelt also im Sinne seines
Verdachts, überkommene Gewohnheiten des politischen Betriebs, hier: die
Monopolisierung politischer Ämter durch die in Wahlen siegreiche
Partei, wären bloß dazu angetan, politische Ressourcen, schöne
Herrschaftstalente in dem Fall, verkommen zu lassen. Das schafft
Spannung in der Regierungsmannschaft, bricht altes ‚Parteiendenken’
auf, ist also offenkundig innovativ – mithin genau das, was Frankreich
braucht!
Wie schon bei der Renovierung des Machtapparats, so bleibt auch bei der
seines parlamentarisch-demokratischen Herzstücks alles beim alten, was
den Stoff der Politik und die Zwecke des Regierens betrifft. Nur eben
viel lebendiger soll es zugehen im Parlament sowie in und zwischen den
Instanzenzügen der Macht. Ganz viel Mut zur Freisetzung der
Produktivkraft des Durcheinander ist angesagt, weil die ja das beste
Rezept gegen alte und deswegen schlechte Gewohnheiten ist. Und damit
das Personal wie vom Chef erwünscht auch als ein riesiges politisches
Potenzmittel wirken kann, scheucht der die parlamentarischen
Sesselfurzer und Partei-Karrieristen in den Nischen auf, in denen sie
sich so bequem eingerichtet haben.
Effektives Dienstpersonal auf allen andern Ebenen der Entfaltung
staatlicher Macht!
Sein tatkräftiges Naturell lässt der Präsidenten auch die unteren Ränge
des staatlichen Dienstpersonals spüren. Wo in anderen Ländern die Sitte
eingerissen ist, sich im Wege der Privatisierung staatlicher Funktionen
den kostspieligen Unterhalt von Beamten und öffentlichen Dienstkräften
vom Hals zu schaffen, schwebt ihm ein alternatives Spar- und
staatliches Effektivierungsprogramm obendrein vor. „Der öffentliche
Dienst soll als Modell und als Leader dienen“ (Sarkozy, Le
Monde,
13.1.08), nämlich als Vorbild dafür, wie sich politische
Weisungsbefugnis unmittelbar in Maßnahmen zur kostengünstigen
Optimierung staatlicher Herrschaftsanliegen umsetzen lässt. Für die
notorische Sammelklage seiner Bürger hat er da mal ein offenes Ohr,
denn „Institutionen, die zu viel
kosten, für einen Service, der immer
schlechter wird“ (Attali-Kommission, Ziel Nr. 8, Le Monde,
20.1.08),
bezeugen für ihn nur schon wieder das große Versäumnis, das der
öffentliche Dienstherr sich in der Vergangenheit hat zuschulden kommen
lassen: Er hat sein Personal offensichtlich nicht gescheit auf Trab
gebracht! Das sitzt seine Stunden ab, kassiert auch noch Geld dafür,
wartet ansonsten darauf, in Pension geschickt zu werden, hat sich
insgesamt in einer Tradition selbstzufriedenen Verwaltens eingerichtet
– unmöglich, so etwas! Nur gut, dass der Präsident zur Behebung dieses
Skandals einfach auf das segensreiche Prinzip zurückgreifen kann, das
im privaten marktwirtschaftlichen Treiben seiner Bürger regiert – und
schon weiß er, was er sich wünscht: „Ich
wünsche einen Öffentlichen
Dienst mit weniger, aber besser bezahlten Staatsdiener und besseren
Karrierechancen.“ (Sarkozy, Le Monde, 21.9.07) Weniger Personal,
das
mehr leistet, dafür aber auch besser entlohnt wird und dem sogar
Chancen eröffnet werden, mit noch mehr Leistung Karriere zu machen – so
wird aus dem öffentlichen Dienst das Exerzierfeld jenes modernen
betriebswirtschaftlichen Personalmanagements, das andernorts die
Effektivierung des Humankapitals besorgt; natürlich auch mit den dort
üblichen Folgen für alle, deren Dienste nicht gefragt sind : „35
000 bis 50 000 Stellen werden jedes Jahr bis 2015 gestrichen.“ (ebd.)
So viel zum savoir vivre, wie ein Präsident es sich für seine ihm
unmittelbar Unterstellten wünscht.
Der harte Kern der Reform des öffentlichen Dienstes, die Sarkozy
einleitet, ist insoweit ein ganz banales Sparprogramm. Der beständig
beschworene tiefere Sinn der Veranstaltung liegt jedoch in dem Beitrag,
den sie für das Endziel liefern soll, die Nation zu einer erfolgreichen
Kampfmaschine für den globalen Konkurrenzkampf herzurichten. Der
Beitrag besteht zum einen in den Tugenden des Erfolgs, die dadurch
„freigesetzt“ werden sollen; angefangen vom „Mut“, den die
Staatsführung hat und praktisch unter Beweis stellt, über das nötige
„Umdenken“ zur Schaffung von „mehr Effizienz“ bis hinunter zum „Willen
zur Leistung“ ihrer besoldeten Diener, der das Land in ein Paradies des
Service verwandeln soll. Damit ist auch schon der andere Teil des
präsidentiellen Ertüchtigungsprogramms angesprochen: Von Staats wegen
besser bediente, also effektiver regierte Bürger funktionieren selber
besser.
2. Initiativen zur Mobilisierung der Ressource Volk
Dass seine Landsleute – mit ganz wenigen Ausnahmen – in ihrem
alltäglichen Leben, das auch in Frankreich kein Honigschlecken ist,
äußerst wenig Grund für Zufriedenheit haben, ist dem Präsidenten
natürlich bekannt. Er legt sich das so zurecht, dass es sich bei der
Unzufriedenheit seiner Bürger nur um dieselbe Anwandlung handeln kann,
die ihm bei der Bestandsaufnahme der Verfassung seiner Nation gekommen
ist: Überhaupt nicht er allein ist es, der sich am so unsagbar
verschnarchten Zustand seiner Republik stört – seine Bürger sind es,
die „grundsätzliche Änderungen
wollen in der Weise, wie Politik gemacht
wird, also auch in der Funktionsweise der Institutionen: mehr
Transparenz, mehr Verantwortung, mehr Modernität, mehr Demokratie“
(Sarkozy bei der Einsetzung der Balladur-Kommission, 18.7.07) – also
dass Schluss gemacht wird „mit der
ganzen Schwerfälligkeit, mit dem
Defätismus und mit dem Zaudern der Vergangenheit“ (Fillon,
Regierungserklärung, 3.7.07). Vorbei ist es dann natürlich auch mit den
Unsitten unzeitgemäßer Bequemlichkeit, die sich aus Sarkozys Sicht das
geehrte Volk zugelegt hat. Er jedenfalls nimmt sich vor, „die Franzosen
mit den Worten Erfolg, Arbeit, Verdienst, Risiko zu versöhnen“
(Sarkozy, Rede vom 20.6.07), obwohl die sich mit diesen Worten ganz
bestimmt nicht entzweit haben.
Eine neue Kultur des Arbeitens und Geldverdienens
„Ich will der Präsident der Kaufkraft
sein!“ (Sarkozy, Rede vor der
CGPME (Verband der kleinen und mittleren Unternehmer), 7.12.07) – das
ist der Tenor aller ökonomischen Reformen, die der Präsident seinem
Volk ansagt. Dabei hat er als Erstes ein großes Ärgernis im Visier: die
35-Stunden-Woche in Großbetrieben, die noch übrig geblieben ist von den
Bemühungen der sozialistischen Vorvorgängerregierung, die
Arbeitslosigkeit im Land lohnkostenschonend umzuverteilen. Dieser
Eingriff gehört zu den großen Fehlern der Vergangenheit: Da hat man
doch glatt den Franzosen erklärt, „dass man weniger arbeiten müsse,
während man dieselben Bezüge behalten könne, und im Ergebnis gab es
weniger Wachstum, weniger Beschäftigung und weniger Kaufkraft“ (ebd.).
Kein Wunder: So eine Regelung ist eine einzige absurde Fessel fürs
Kapital wie für dessen geldbedürftige Dienstkräfte. Sie gehört
unbedingt weggeräumt; in Zukunft sollen „die Unternehmen selbst die
Dauer der Arbeit festlegen“ (Le Monde, 1.12.07). Dass sie das in
Einverständnis mit den Beschäftigten hinkriegen, versteht sich für
Sarkozy von selbst; wird denen damit doch die Chance eröffnet, mit mehr
Arbeit mehr Geld zu verdienen, was sie nach Jahren des
Wirtschaftsaufschwungs, in denen die Arbeit immer rentabler gemacht
worden ist, sicher dringend brauchen. Was für die Arbeitswoche gilt,
das soll ebenso fürs gesamte Arbeitsleben gelten: Die von Staats wegen
„verordnete Frühverrentung vor dem 65. Lebensjahr muss abgeschafft
werden“ (Sarkozy, Rede vor dem Journalistenverband, 18.9.07). Damit die
Arbeitnehmer ihre Freiheit, „mehr zu
arbeiten, um mehr zu verdienen“,
sachgerecht ausnutzen können, entfallen zudem Vorschriften für die
Gestaltung von Arbeitsverträgen: „Wir wollen die Regeln vereinfachen,
den Arbeitsvertrag geschmeidiger machen, eine flexible Sicherheit auf
französisch“ (Fillon, Le Monde, 25.10.07), wobei die Geschmeidigkeit à
la française für die Unternehmerseite darin besteht, Arbeit
bedarfsweise abrufen und sich ihrer nach Erledigung des Auftrags
problemlos wieder entledigen zu können. Das ist flexibel und sicher
zugleich, weil jede Seite genau weiß, woran sie ist: Der Kapitalist
beutet seine Arbeitskräfte garantiert nur so lange aus, wie sich das
für ihn rentiert; und die wissen schon vor ihrer Ausbeutung, ab wann
sie sich um eine neue Verdienstquelle zu kümmern haben. Den
Unternehmern werden zudem „Lohnnebenkosten“ erlassen, damit sie das
Versprechen der Regierung wahr machen, „die Arbeitslosigkeit auf
5 % zu drücken und den Beschäftigtenanteil auf 70 % zu
erhöhen“ (Sarkozy, Le Monde, 9.11.07), und damit mehr Geld in
Umlauf
kommt: „Ich will weniger Belastungen
für die kleinen und mittleren
Betriebe und mehr Einkommen für die Arbeiter.“ (Sarkozy, Rede
vor der
CGPME, 7.12.) Programmatisch nimmt der Präsident höchstselbst die
Lohnfrage in die Hand; erklärtermaßen nicht, um das Lohnniveau
wachstumsdienlich weiter zu senken, sondern um die nationale Lohnsumme
in ihrer anderen volkswirtschaftlichen Funktion zu stärken, nämlich die
Kaufkraft, die der nationalen Industrie die Ware versilbert, vor
weiterem Verfall zu retten. Ganz offenbar hat er das nötig, der
nationale Lohn!
Im Sinne seiner Verantwortung für die Kaufkraft der Nation nimmt der
Präsident auch gleich die Gewerkschaften in die Pflicht. Mit ihren
gelegentlichen Störmanövern gegen ein schwungvolles Arbeiten und
Einkaufen gehören die ganz entschieden mit zu den „verknöcherten
Strukturen“, die Frankreich an den Rand des Absturzes in die
weltwirtschaftliche Zweitklassigkeit geführt haben. Also werden die
Organisationen ganz grundsätzlich mit der Androhung einer schärferen
staatlichen Kontrolle ihres Innenlebens und ihrer Finanzen – von
unsauberen Deals mit den Metall-Arbeitgebern und schwarzen Kassen ist
die Rede – sowie mit ein paar zusätzlichen Bedingungen für die
Wahrnehmung des Streikrechts diszipliniert; die Mitglieder werden u.a.
der netten Vorschrift unterworfen, ihrem Patron eine
Arbeitsniederlegung spätestens 48 Stunden vorher anzukündigen. Was den
Gewerkschaften noch zu tun bleibt, darüber befindet keine
Arbeiterversammlung, sondern die neue Obrigkeit: Die gibt den
„Sozialpartnern“ auf, mit gemeinsam erarbeiteten „konkreten Antworten
bezüglich der Arbeitsbedingungen, der Beschäftigung, Gehalt, Kaufkraft
und der Gleichheit in der Arbeitswelt von Männern und Frauen“
(Sarkozy,
Le Monde, 3.9.07) zu einer verlässlichen Ordnung in der Arbeitswelt
beizutragen. Der Premierminister legt ihnen dazu gleich ein
„Orientierungsdokument zur Modernisierung des Arbeitsmarktes und der
beruflichen Bildung“ vor, „eine road
map von sieben Seiten, die einen
einheitlichen Arbeitsvertrag empfiehlt, wogegen alle Gewerkschaften
sind. Dabei gilt eine Verpflichtung zu Ergebnissen bis zum Jahresende.
Wenn die Sozialpartner nicht zu einer Übereinstimmung kommen, wird die
Regierung die Reformen festschreiben.“ (Le Monde, 10.8.07), was
der
Präsident noch einmal bekräftigt: „Ich bin offen, was die Mittel und
die Methoden anbetrifft, aber ich schließe jeden Kompromiss bezüglich
der Ziele und Prinzipien aus.“ (Le Monde, 20.9.07)
Ob der durchschnittliche Franzose sich von alldem am Ende mehr kaufen
kann, darf bezweifelt werden. Mit seinem Aufruf, durch Mehrarbeit mehr
Kaufkraft in Umlauf zu bringen, zielt der Präsident aber ohnehin auf
der einen Seite mehr auf eine Ermunterung des Geschäftslebens, in dem
außerdem ein neuer Geist der Konkurrenz Einzug halten soll. Auf der
anderen Seite, was die große Masse seiner Franzosen betrifft, geht es
ihm erst recht ums Grundsätzliche: um die Wiedererweckung des Willens,
sich beim Geldverdienen und überhaupt ordentlich ins Zeug zu legen,
damit Frankreich, die gemeinsame Heimat, wirtschaftlich und überhaupt
wieder an die Weltspitze kommt. Dafür braucht es eine modernisierte
Arbeitsmoral – und nicht nur die. Was Not tut, ist:
Eine neue politische Kultur überhaupt!
„Viele Franzosen glauben nicht mehr
an den Fortschritt“ (Sarkozy, Rede
vor der Parlamentsmehrheit, 20.6.07), und das wundert den Präsidenten
überhaupt nicht – bei diesem vor sich hin verkrustenden Staat, in dem
sie leben! Der hat ihre republikanische Staatsbürgermoral
eingeschläfert, ihre patriotische Gesinnung in pure Selbstzufriedenheit
ausarten lassen – „die Krise der Werte ist noch nie so tief gewesen“
(Sarkozy, Antrittsrede, 6.5.07) –, klar also, was da ansteht: Die
bürgerlich-vaterländischen Tugenden, die im Franzosen stecken, gehören
sich gründlich wiederbelebt, und auch dazu hat der Staatspräsident die
passenden Initiativen parat. Die erste verkörpert er selbst, nämlich in
Gestalt des unverwechselbaren Stils, in dem er seine Amtsgeschäfte
führt. Dazu gehört als Erstes alles, was ihm von Nörglern im In- und
Ausland als „Hyperaktivismus“ angekreidet wird und offenbar auch bei
denen so viel Eindruck macht, dass die ein anderes Kriterium als das
des Präsidenten selbst: Effizienz, dagegen gar nicht in Anschlag
bringen. Ein Beispiel gibt der Mann ebenso bezüglich der moralischen
Produktivkraft des Geldmaterialismus, den er in seinem Volk anstachelt:
Reichtum ist ausgesprochen schön und bekömmlich, wenn man ihn hat;
Berührungsängste im Umgang mit denen, die ihn haben, zeigt er
ausdrücklich nicht. Locker und überhaupt nicht öffentlichkeitsscheu
lässt er sich von denen seine Ferien finanzieren und sich auch sonst
bei jeder passenden Gelegenheit heraushängen, wie überaus billig und
gerecht es nur ist, wenn einer, der so viel leistet wie er, mit
entsprechend viel Luxus belohnt wird; Ex-Model als glamouröse Gattin
inklusive. Daneben lanciert Sarkozy zwecks Erweckung der rechten Moral
im Volk einen kleinen Angriff auf den liebevoll gepflegten
ideologischen Überbau seiner Nation: Wenn sich das Volk in alter
laizistischer Tradition unter dem staatsrepublikanischen Wertehimmel
von liberté, égalité und fraternité derart zur geistigen Bequemlichkeit
hat hinreißen lassen, dann gehört es schon mal daran erinnert, was es
damit an Wertvollem alles verpasst. Im Glauben an Gott, den
Allerhöchsten, steckt nämlich noch einiges mehr an staatsnützlicher
Produktivkraft: „Ein Mensch, der glaubt, ist ein Mensch, der hofft. Und
das Interesse der Republik ist, dass es viele Menschen gibt, die
hoffen.“ (Le Monde, 22.12.07) Das hat unter den feinsinnigen
Intellektuellen im Land schon für ein wenig Aufregung gesorgt. Aber die
hat sich wieder gelegt, zumal der Präsident sie ja keineswegs vergessen
hat:
Eine exzellente Elite braucht das Land!
Denn auch die Verfassung des Geisteslebens in Frankreich lässt für ihn
sehr zu wünschen übrig. Nicht was das Zeug betrifft, das an den
Fakultäten erforscht und gelehrt wird. Aber dass „seit fünfundzwanzig
Jahren unsere Hochschulen in den internationalen Rankings
zurückfallen“, ist ein Skandal, zumal die Konkurrenz in Deutschland aus
einem ähnlichen Desaster schon ihre praktischen Schlüsse gezogen hat.
Also steht auch für Frankreich fest: „Unsere Hochschulen müssen zu
wirklichen Exzellenzpolen werden“ (Fillon, Regierungserklärung,
3.7.07), und so etwas werden sie in ungefähr derselben Weise, in der in
der Arbeitswelt die Befreiung der Konkurrenz von staatlicher Gängelung
Wachstum und Kaufkraft schafft: Mit einer Hochschulreform erhalten die
Universitäten eine „wirkliche Autonomie“ in Gestalt eines
eigenständigen Budgets, das sie sich im Wege der Gründung von
Geschäftsfirmen oder der Akquisition von Fremdmitteln auffüllen können.
Das beflügelt den Wettbewerb unter ihnen und sorgt über kurz oder lang
von selbst dafür, dass die Produktionsstätten des Wissens sich in
solche scheiden, die einfach schon deswegen ‚exzellent’ sind, weil sie
Mittel haben, und andere, für die nach beiden Richtungen der Gleichung
das Umgekehrte gilt. Freilich stehen auch die letzteren in der Pflicht,
die obrigkeitlich angeordnete „intellektuelle, moralische und
künstlerische Renaissance“ (Sarkozy, Brief an die Erzieher, 4.9.07) im
Geistesleben der Nation voranzutreiben; nicht zuletzt in Form einer
neuen „Schule des Respekts“, in der sich „die Schüler erheben, wenn der
Lehrer eintritt“ (Le Monde, 5.9.). Denn was das Land im Zuge seiner
moralischen Runderneuerung braucht, das sind „Autorität, Moral,
Respekt, Leistung und der Stolz auf das eigene Land“ (Sarkozy,
Antrittsrede, 6.5.07); und deswegen kriegt der Bildungsnachwuchs
verpflichtend zum Anfang des Schuljahres den letzten Brief eines
hingerichteten jungen Widerstandskämpfers vorgelesen, der – wofür auch
sonst!? – für Frankreich gestorben ist.
Ordnung in den Banlieues!
Im Umgang mit der Masse von pauperisierten Immigranten aus Ex-Kolonien
und Protektoraten zeigt der Präsident, dass er sich auch aufs feine
Differenzieren versteht. Leute, die sich mitten in Frankreich „eine
Gesellschaft konstruieren, wo jeder sich verbarrikadiert mit jenen, die
wie er sind, die wie er leben, die wie er denken, die die gleiche
Herkunft haben, dieselbe Religion“ (Sarkozy, Eine neue Politik
für die
Banlieues, 8.2.08), kann er schlechterdings nicht leiden. Aber er
duldet sie in seinem Land. Hinaussortiert werden von dem Pack nur die,
die erstens keinen französischen Pass haben und sich zweitens in ihrem
Gastland auch noch etwas haben zuschulden kommen lassen. Unter den
übrigen Slumbewohnern, denen mit französischem Pass, wird aufgeräumt:
Polizei und Justiz jagen die notorischen Krawallmacher und fördern so
die Integration der übrigen, um die sich außerdem das „Ministerium für
nationale Identität und Einwanderung“ kümmert. Wenn die redlicher
Erwerbstätigkeit nachgehen und ihr Brot beim Bäcker kaufen, winkt ihnen
die Chance, zum Mitglied des wertvolleren Volksteils erhoben zu werden.
Wie weit man es in Sarkozys neuem Frankreich sogar mit
Migrationshintergrund bringen kann, zeigen seine drei feschen Damen im
Kabinett. Die haben es nicht nur in ihrer Karriere weit nach oben
gebracht. Die sind dabei auch noch zu derart reinrassig französischen
Nationalisten geworden, dass sie eigens zu dem Zweck Politik machen,
damit „in gewissen Stadtvierteln, in
gewissen Banlieues jeder sich in
der Nation wiederentdecken kann, jeder neu Vertrauen in die
Institutionen schöpfen kann“ (Sarkozy, Eine neue Politik für die
Banlieues, 8.2.08), und etwas Besseres kann einer Vorstadt in
Frankreich nun wirklich nicht passieren.
3. Richtlinien zur Mobilisierung eines Kapitalismus in den Farben
Frankreichs
Wenn der neue Präsident in seinem verkommenen Laden mit etwas zufrieden
ist, dann ist es die heimische Kapitalistenklasse. Zwar muss er auch
der ein wenig ins Gewissen reden, damit sie ihre enormen Gewinne mit
ihren Belegschaften ein bisschen teilt, so „die Kaufkraft erhöht“ –
selbstverständlich „ohne die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen
zu ruinieren“ – und auf die Art ganz nebenbei „die Mitarbeiter mit dem
Kapitalismus und der Marktwirtschaft versöhnt“ (Sarkozy auf der
Neujahrs-Pressekonferenz, 8.1.08). Immerhin haben die Unternehmen aber
Erfolg, die großen jedenfalls. Und wenn diese Erfolge doch immer noch
zu wünschen übrig lassen, dann liegt das nicht an den Managern und
deren französischer Unternehmenskultur. Da liegen im Gegenteil jene
Stärken der Nation, die den Präsidenten so sicher machen, dass sein
Land fraglos das Zeug dazu hat, die Welt mit einer „Renaissance“ made
in France zu beglücken. Eben diese Stärke ist allerdings bedroht:
Sarkozy fürchtet um den französischen Charakter seines nationalen
Kapitalismus, der sich im Weltvergleich der Nationen zu behaupten hat.
Er fürchtet darum: auch, aber nicht nur deswegen, weil die großen
nationalen Champions zum Teil mit ausländischen Firmen verflochten und
deswegen womöglich nicht mehr ganz französisch sind; auch, aber nicht
nur deshalb, weil es von den wirklich gediegen blauweißroten Multis
allemal zu wenige gibt und die eventuell doch noch zu klein sind. Es
geht wieder um sehr Grundsätzliches: Sarkozy sieht eine Gefahr für die
nationale Identität des Kapitalstandorts Frankreich insgesamt; und dass
sich bei seiner Beschwörung dieser Gefahr manches wie aus dem
Rhetorik-Lehrbuch des jungen Faschisten anhört, liegt in der Natur
seines Anliegens:
„Angesichts des Hereinbrechens der
extrem aggressiven Spekulations- und
Staatsfonds steht außer Frage, dass Frankreich darauf reagiert. ...
Frankreich muss seine Unternehmen schützen und ihnen die Mittel geben,
um sich zu wehren und zu entwickeln. Die ‚Caisse des Dépôts’ soll das
Instrument dieser Politik sein, die die maßgeblichen nationalen
Wirtschaftsinteressen verteidigt und fördert. Ich denke besonders an
die Industrie, weil ich davon überzeugt bin, dass ein Frankreich ohne
Industrie und ohne Arbeiter ein verarmtes Frankreich ist, nicht nur
wirtschaftlich verarmt, sondern auch kulturell und moralisch, weil es
eine Arbeitermoral, weil es eine Arbeiterkultur und eine
Industriekultur gibt, die Teil unserer Identität sind. Man kann nicht
alles für einen sich selbst überlassenen Kapitalismus aufgeben. Der
Finanzkapitalismus muss, das wiederhole ich immer wieder, moralisch
bewertet werden.“ (ebd.)
Nun ist es wirklich nicht so, dass der Präsident, der Frankreich auf
Biegen und Brechen „modernisieren“ will, auch nur im Entferntesten ein
fundamentaler Kritiker des „raffenden Kapitals“ wäre: Sofern der
internationale Finanzkapitalismus, „aggressive Spekulation“ inklusive,
sich am Standort Paris tummelt, ist er willkommen, verdient also
offenbar moralisch die besten Noten; Sarkozys Regierung tut jedenfalls
alles dafür, die eigene Hauptstadt nicht bloß neben, sondern gegen
Frankfurt, London und New York zum weltweit führenden Finanzplatz zu
machen. Es ist auch keineswegs so, als wollte der Kämpfer gegen
„Verkrustungen“ aller Art unrentable Industrien wiederbeleben, nur weil
deren Personal aus guten Franzosen bestand, die liebenswerte
Kulturgüter schufen; für den Präsidenten ist allemal nur ein
spitzenmäßig rentables Industrieunternehmen ein gutes Stück
„Industriekultur“, und nur eine total „flexible“ Arbeitskraft verdient
Anerkennung als Teil der blauweißroten „Arbeiterkultur“. Als
politischer Chef des modernen französischen Kapitalismus will Sarkozy
am Kapitalismus gar nichts ändern. Eben deswegen ist es ihm aber umso
wichtiger, dass dieser lupenreine Kapitalismus lupenrein französisch
bleibt; was so viel heißt wie: dass Frankreich davon profitiert und
dass kein auswärtiger Standort „aggressiv“ gegen französische
Interessen vorgeht, sondern allein Frankreich im Zeichen seiner
„politique de civilisation“ mit seinen kapitalistischen Potenzen gegen
das konkurrierende Ausland gewinnt. Das Geschwätz des Präsidenten vom
industriekapitalistischen Volkscharakter Frankreichs ist die –
zugegeben: etwas exaltierte französische – Fassung einer in der Sache
unmissverständlichen Ansage: Die Regierung erteilt sich den Auftrag,
Frankreichs innere Potenzen nach außen wirksam zur Geltung zu bringen.
Denn erstens können sie sich nur so richtig entfalten – und zweitens
sind sie letztlich genau dafür überhaupt da.
(Fortsetzung zur neuen Außenpolitik im Heft!)