Zum
Inhaltsverzeichnis
GegenStandpunkt 1-08
Nokia schließt die Handy-Fabrik in Bochum und entlässt Tausende
Eine patriotische Heul-Orgie besiegelt die Abwicklung
Der finnische Konzern gibt die Schließung des Mobilfunkwerks in Bochum
bekannt. 2300 Angestellte verlieren den Arbeitsplatz, 1000 Leiharbeiter
ihren Job, viele weitere Stellen bei Zulieferern sind gefährdet. Nach
Siemens-BenQ schließt der zweite Handyhersteller in NRW und der letzte
seiner Art in Deutschland, Nokia eröffnet neue Fabriken in Ungarn und
Rumänien: Eine ziemlich alltägliche Nachricht aus der Welt der
globalisierten Marktwirtschaft!
Überall in der heute grenzenlosen Standortkonkurrenz kapitalistischer
Staaten erfahren Menschen die Abhängigkeit ihres Lebensunterhalts von
den Investitionen eines weltweit vergleichenden Kapitals, um dessen
Ansiedlung die Regierungen buhlen. Land & Leute werden zum Inventar
eines Standortes hergerichtet; Natur & Straßen, Löhne &
Bildungsniveau, die heimische Kaufkraft, der soziale Friede oder
Lizenzen zur Umweltverpestung werden als Standortbedingung feilgeboten.
Entscheidet sich ein Konzern für die Nation, deren Insasse man zufällig
ist, und baut in der Nähe des eigenen Wohnorts einen Industriepark mit
Arbeitsplätzen, so wird Menschen das größte anzunehmende Glück zuteil,
das es in der kapitalistischen Welt gibt: Ihnen wird Arbeit gegeben.
Auch einige Tausend Bochumer haben dieses Glück gehabt: Vor 20 Jahren
übernahm Nokia die TV-Firma Graetz und baute das Werk mit Hilfe
staatlicher Geldspritzen in eine Handyfabrik um; von damals 4500
Festangestellten ist die Hälfte übrig geblieben. Jetzt wird der
Standort samt Bahnhaltestelle „Nokia“ beerdigt. Die Arbeiter erfahren
es aus dem Radio: Kein Interesse mehr an der Ausbeutung hiesiger
Nokianer, Ende der Durchsage. Die Betroffenen sind „entsetzt“. Offenbar
jedoch nicht über die gültige kapitalistische Rechnungsweise, der ihr
Lohn nun zum Opfer fällt, sondern darüber, dass in diesem Fall die
Sachzwänge und Konkurrenznöte gar nicht vorliegen, mit denen Entlassung
und Verarmung sonst gewöhnlich plausibel gemacht werden. Nokia, heißt
es, steht am Weltmarkt gut da, macht in Bochum Gewinn und jetzt dennoch
zu; trotz bombiger Geschäfte verlässt Nokia den Standort D in Richtung
Ausland. Das ist nicht fair: Heuschrecke!
Vor lauter Aufregung über einen ganz extra geldgierigen heimatlosen
Multi soll und mag keiner mehr bemerken, dass auch dieser Fall
proletarischer Verarmung auf die Kappe des Systems der ganz normalen
kapitalistischen Gewinnmaximierung geht, zu der die ehrenwerten Herren
von Nokia mit einigem Aufwand nach Deutschland gebeten worden sind.
Nokia erklärt die Gesetze der globalen Profitrechnung
„Trotz aller gemeinsamen Anstrengungen ist Bochum als Standort zur
Fertigung mobiler Telefone im internationalen Vergleich nicht
wettbewerbsfähig.“
Mit dem Stichwort ‚wettbewerbsfähig’ erinnert der
Aufsichtsratsvorsitzende Sundbäck an den Zweck der Handyfertigung sowie
aller Lohnzahlung: Arbeitsplätze werden eingerichtet, damit sie
größtmögliche Gewinne abwerfen; Löhne werden gezahlt, solange aus ihnen
befriedigende Überschüsse herauszuholen sind. Den Maßstab
befriedigender Erträge demonstriert der Vorsitzende an seiner jüngsten
Bilanz: 54,9 Milliarden Euro Rekordumsatz, 7,6 Milliarden Rekordgewinn
in 2007; 40 % Weltanteil am Handygeschäft; den westeuropäischen Markt
siegreich abgegrast, der nun als „gesättigt“ gilt; neue Weltmärkte
Richtung Asien und neue Handytechnologien im Blick. Auch Werk Bochum
schreibt „schwarze Zahlen“, kriegt aber zu hören, dass hier für die
Fertigung von nur 6 % aller Geräte 23% der Lohnkosten aufgewendet
würden. Weil die Benutzung lohnabhängiger Menschen andernorts für ein
Linsengericht zu haben ist, werden deren Klassenbrüder hier entlassen;
gemessen daran war die Beschäftigung der Bochumer ein Geschäft, aber
nicht Geschäft genug!
In aller Deutlichkeit erläutert der Weltmarktführer auch die Ziele, die
mit dem Umzug erreicht werden sollen. Nicht Misserfolg im harten
Wettbewerb oder eine Krise der Mobilfunkbranche bewegt ihn zur
Verlagerung nach Osten, sondern sein Erfolg. Gegen die gerne bemühte
Lesart vom leidigen Sachzwang, dem anonymen Gesetz der Konkurrenz, dem
der Unternehmer wohl oder übel entsprechen muss, bekennt sich die Firma
dazu, dass sie in aller Freiheit ihren Erfolg sichern und ausweiten und
den Weltmarkt auch künftig dominieren will. Der Anspruch, die
„operative Gewinnmarge von 17 auf 20 %“ zu steigern, ist ein vollkommen
ausreichender Grund, das Ruhrgebiet zu verlassen. Diese Spanne ist nun
einmal leichter mit Hungerlöhnen zu erreichen. Da hilft es nichts, dass
Kritiker vermerken, der Anteil der Lohnkosten in der Branche liege am
Standort D „bei nur 5 Prozent“. Was heißt da nur? Wenn die Firma es
beim Lohndrücken und Rationalisieren schon so weit gebracht hat, dann
bringt sie es auch noch weiter, und dann sind eben auch 5% Lohnkosten
noch zu viel! Das Geld, das er auch in Bochum verdient hat, nutzt der
Konzern zur freien Besichtigung der europäischen Arbeiterklasse unter
dem Gesichtspunkt ihrer absoluten Billigkeit; und am Ende investiert er
60 Millionen in Rumänien.
Dagegen ist Bochum nicht wettbewerbsfähig. Und unter diesem Urteil
leidet nicht nur die Belegschaft. Die Stadt verliert ihren zweitbesten
Steuerzahler, der zuliefernde Mittelstand seine Geschäftsbasis, die DHL
ihren größten Paketkunden; am Ende der Kette gehen Bäcker, Kioske,
Kneipen kaputt. Der gesamten regionalen Infrastruktur wird der
Nährboden entzogen, aus dem sie entstanden ist: Denn alles
wirtschaftliche Leben hängt am Bedarf des Kapitals und wird mit dem
Verlust dieses Bedarfs abgedreht.
Brave Arbeitsleute fühlen sich von treulosem Ausbeuter im Stich
gelassen: Sie bleiben Nokianer auch ohne Nokia!
„Seit 18 Jahren arbeiten Frau E. und ihr Mann 6 Tage die Woche in 3
Schichten: Echte Nokianer! 'Wir haben hier unsere Knochen hingehalten,
jetzt sind wir nicht mehr gut genug. Die haben uns für doof verkauft,
die haben doch jede Menge Kohle mit uns verdient. Das Werk war ja
rentabel, aber die Profitgeier können den Hals nicht voll kriegen'.“
(SZ, 16.1.08)
Der Gegensatz der Interessen ist nicht zu übersehen; und er wird ja
auch nicht übersehen. Gleichwohl weigern sich die Betroffenen mit
solchem und ähnlichem Gejammer, sich diesem Gegensatz zu stellen.
Stattdessen heben sie den Konflikt auf eine höhere, moralische Ebene,
wenn sie sich zugute halten, selbst der Firma gegenüber niemals auf
ihre Interessen geachtet und immer brav die Deppen für jeden
betrieblichen Bedarf gemacht zu haben: Extraschichten fürs
Weihnachtsgeschäft gefahren, auf Lohnzuschläge verzichtet – alles das
war selbstverständlich. Jeden Schaden haben sie hingenommen, haben sich
als Instrumente des Betriebswohls benutzen lassen – und beklagen nun
das Unrecht, das ihnen geschieht, wenn die Firma sie trotzdem nicht
weiter benutzen will. Als hätten sie sich mit ihrer selbstlosen Treue
zum Dienstherrn dessen Treue zu seinen Dienstkräften verdient, und als
würden sie nicht bloß in die Einkommenslosigkeit entlassen, sondern um
ihr höheres Verdienst betrogen.
So bleiben die Opfer der Umzugsentscheidung Sieger im Kampf zwischen
Moral und Interesse. Freilich auch nur moralische Sieger. Aber den
Sieg lassen sie sich nicht nehmen: Den kosten sie aus. Hat die Firma
nicht selber die Parole „Nokia Values: Very human!“ in ihre
Unternehmensphilosophie hineingeschrieben? Jetzt üben die Chefs Verrat
an ihrem eigenen Kalenderspruch – „Die sollten sich was schämen!“ Die
Macht über den Betrieb haben sie zwar, die Manager des Kapitals; daran
hat keiner der Betroffenen auch nur den geringsten Zweifel, von
Widerstand dagegen ganz zu schweigen. Aber zur Betriebsfamilie gehören
die nicht; aus der entlässt die Bochumer Mannschaft ihre finnischen
Häuptlinge: „Wir sind Nokianer, ihr nicht!“
Doch trotz alledem: Davon können die demnächst Entlassenen sich nichts
mehr kaufen. Das wissen sie selbst am besten. Es heißt Abschied nehmen.
Nicht von der Kollegenfamilie, sondern von der Einkommensquelle. Und
das tun sie auch. Nicht mit einem knappen „Servus!“, sondern mit jenem
zunehmend beliebten dummen Spruch, der genau die zwei Sachen ausdrückt:
die widerstandslose Unterwerfung unter den GAU der eigenen
Lohnarbeiterexistenz und die allmähliche Gewöhnung daran: „Die Hoffnung
stirbt zuletzt!“ erzählen sie jedem Reporter, der sie nach ihren
Empfindungen fragt.
Betriebsrat und Gewerkschaft führen ein Rückzugsgefecht mit absurden
Sonderangeboten
Den Gestus der Hoffnung, der unmenschliche Weltkonzern möchte doch noch
ein Einsehen haben mit seinen braven Mägden und Knechten, machen
Gewerkschaft und Betriebsrat zu ihrer Sache. Sie blasen zum Kampf um
die Erhaltung des Standorts Bochum und seiner kostbaren Arbeitsplätze.
Und so sieht ihr Kampfeinsatz aus: Sie bombardieren die
Geschäftsleitung in Finnland und zugleich, dies vor allem, die
aufgeregte Öffentlichkeit ihrer Region mit alternativen
Geschäftskonzepten, die die Fortführung des Bochumer Betriebs auch nach
den anspruchsvollen Maßstäben und unerbittlichen Vorgaben des
Unternehmens lohnend machen würden. Mit Bochumer Fleiß und Lohnverzicht
würde sich vielleicht nicht ganz das rumänische, aber auf jeden Fall
das ungarische Kostenniveau erreichen lassen – das rechnen sie den
„unersättlichen Profitgeiern“ im Firmenvorstand vor. Sie versprechen
verdoppelten Output bei gleicher Belegschaftsstärke. Sie warnen vor
einer Fehlkalkulation mit rumänischen Billiglöhnen, die doch jetzt
schon schneller ansteigen würden als jemals ein deutscher
Leistungslohn.
Für ihre rettenden Ideen fordert die lokale Belegschaftsvertretung die
Solidarität der Kollegen an anderen europäischen Nokia-Standorten und
gibt sich enttäuscht, dass die ausbleibt. Der deutsche Betriebsrat
macht Standortkonkurrenz gegen andere europäische Produktionsstandorte
so, wie Betriebsräte eben Standortkonkurrenz betreiben können: indem
sie die Interessen der von ihnen Vertretenen opfern, dem Arbeitgeber
Sonderangebote machen und andere Belegschaften unterbieten. Und dafür
erwarten sie die Unterstützung der Arbeitervertreter anderer
Konzern-Standorte – womöglich einschließlich der ungarischen und
rumänischen. Die Solidarität, die die auswärtigen Kollegen schuldig
bleiben, organisiert die IG-Metall auf Gemeindeebene: Sie inszeniert
eine Menschenkette, die das Werk „schützend“ umzingelt. Und sie redet
von Streik – mal für den Erhalt des Werkes, mal für „die teuerste
Betriebsstilllegung der Geschichte“ –, weil eine moderne Gewerkschaft
eben so tönt, wenn Massenentlassungen anstehen und in Würde abgewickelt
sein wollen. Denn selbstbewusste Belegschaften gehen „Nicht Ohne Kampf
Ins Aus!“ – das sitzt!
Es brennt also mal wieder, das Ruhrgebiet. Und deswegen ist es auch
kein Zufall, wer den Nokianern für diesen Kampf als Bündnispartner
einfällt: „Jetzt muss der Rüttgers kommen!“ Und siehe da: Der wartet
die Steilvorlage nicht ab, sondern ist gleich da.
Der Landesvater gibt dem Protest die patriotische Note
Schon merkwürdig: Gegen profitgierige Existenzvernichter pusten die
Opfer in ihre Trillerpfeifen; vom Politiker, der die Freiheit Nokias
zum Profitmachen schützt, lassen sie sich in den Arm nehmen. Der Macht
des Kapitals sehen sie sich hilflos ausgesetzt; von der politischen
Macht, die Multis als Mehrer des Wachstums schätzt und auf den Standort
bittet, erwarten sie Schutz. Man muss schon sehr konsequent davon
absehen, dass der kapitalistische Staat selbst die Lohnabhängigen der
globalen Konkurrenz aussetzt, um ihn als Schutzherrn der Geschädigten
anzurufen. Dem Rüttgers passt der Ruf nach Rettung natürlich gut: Er
greift als Anwalt betroffener Arbeiter zum Megafon, um seine
Schützlinge in wenigen Schritten auf den nationalistischen Gehalt zu
verpflichten, den ihre Unzufriedenheit annehmen muss, wenn sie Respekt
genießen will. Zuerst gibt der Landesvater der Belegschaft voll Recht
in ihrer bescheuerten Klage über den finnischen Profitgeier, der
angeblich keine gescheiten kapitalistischen Gründe für seine
Republikflucht vorweisen kann.
„Wenn der Aufsichtsratschef gestern darlegt, man müsse weggehen, weil
hier die Kostenstruktur bei den Arbeitskosten im Ruhrgebiet nicht
stimme, und gleichzeitig erklärt, dass der Anteil der Lohnkosten an den
Produktionskosten unter 5 % ist, dann fühle ich mich auf den Arm
genommen. Das kann nun wirklich nicht sein! Das ist Unsinn!“
Der Mann, der seinen regionalen Standort Nokia als Schnäppchen
angeboten hat und weiterhin anbietet, tut so, als verstehe er die Welt
nicht mehr, wenn Nokia auch anderswo Schnäppchen jagt. Dass andere
Länder Ausbeutungs-Vorteile zu bieten haben sollen, die NRW nicht
bieten kann, das kann nicht sein. Rüttgers bekräftigt seinen Glauben an
die Unschlagbarkeit des Malocher-Menschenschlags, den er regiert, und
spart nicht mit rassistisch eingefärbtem Lob.
„Mir kann keiner erzählen, dass die Arbeitnehmer in Rumänien genauso
fleißig, genauso gut, genauso engagiert sind wie hier die Mitarbeiter
bei Nokia in Bochum.“
Nach diesem Einstieg, den die Nokianer offenbar schmeichelhaft finden,
hebt der Landesvater ihre Betroffenheit auf die höhere nationale Ebene,
indem er sie als Ruhrgebietsmenschen und Deutsche anspricht: Was ihnen
widerfährt, ist mal wieder so ein Fall von „Schattenseite der
Globalisierung“, unter der der Standort Deutschland im Allgemeinen, das
Ruhrgebiet im Besonderen zu leiden haben. Der Schaden der Entlassenen
ist weit mehr als bloß das: Er ist Teil der Beschädigung des
allerhöchsten Gutes, des nationalen Allgemeinwohls, durch einen
ausländischen Konzern. So rettet Rüttgers die Würde der zukünftigen
Hartz-IV-Empfänger; mit ihrem Jammer setzt er sie ideell ins Recht; von
ziemlich weit oben herab beglaubigt er ihr beleidigtes moralisches
Rechtsempfinden; das ist doch schon mal ein schöner Trost. Und als
nordrhein-westfälischer Machthaber hat der Landeschef seinen
Landeskindern noch mehr zu bieten, nämlich den Schein einer machtvollen
Gegenoffensive, einer Strafe für Geldgier, die die finnischen
Profitgeier an ihrer empfindlichen Stelle trifft: „Rüttgers warnte
Nokia, sich das Image einer ‚Subventions-Heuschrecke’ zu verschaffen.“
Dabei geht es nicht einmal bloß um das geschäftsschädigende Image, das
er mit seiner landesväterlichen Autorität dem Unternehmen anhängen
könnte. Rüttgers kündigt eine rückwirkende Prüfung der 88 Millionen
Euro Subventionszahlungen an, mit denen die Landesregierung seinerzeit
Nokia nach Bochum gelockt hat; er lässt einen Verstoß der Firma gegen
gewisse Bedingungen re-konstruieren, an die die Geldgeschenke des
Landes geknüpft waren ... Das ist schon gelungen: Derselbe Staatsmann,
der für eine Politik eintritt, die dem Kapital die weltweite Freiheit
der Standortwahl eröffnet, und der diese Wahl mit ganz legalen
Bestechungsgeldern erfolgreich beeinflusst hat, der also weiß und damit
kalkuliert, auf welche Reize ein Multi positiv reagiert – der führt
sich auf, als hätte Nokia mit seinem Standortwechsel einen ewigen
Treueschwur gebrochen. Dabei hat die Firma bloß den politischen
Zuhälter gewechselt.
Andere deutsche Spitzenpolitiker springen auf den Zug auf. Sie
schließen sich der Drohung an, den Ruf des doch eigentlich hoch
geschätzten Weltkonzerns zu schädigen, und tragen dazu bei, was sich
für sie schickt: SPD-Chef Beck erzählt Leuten, die nicht wissen, wovon
sie nächstens Miete zahlen sollen, Nokia habe „den deutschen
Steuerzahler geschädigt“; der Bundesfinanzminister erfindet das neue
Schimpfwort „Karawanenkapitalismus“ und geißelt dessen „hemmungslose
Gewinnmaximierung“; die Kanzlerin droht, „in Helsinki anzurufen und
viele offene Fragen zu klären“. Der geistige Schulterschluss zum großen
nationalen WIR, das sich von finnischen Profitgeiern nicht für dumm
verkaufen lässt, ist damit auf gutem Weg. Die patriotische Empörung
erreicht ihren Höhepunkt in einer Kampagne, bei der sich wirklich jeder
Bürger mit dem Herzen am rechten Fleck engagieren kann: ‚Das kauf ich
euch nicht ab!’ „Ich kann mir nicht vorstellen, dass noch ein Deutscher
bei Nokia kauft.“ (Kraft, SPD) „Seehofer und Struck: Erste Politiker
geben ihr Handy zurück!“ (Bild) „No, Nokia, so nicht!“ (Demoparole).
Der Verbraucherminister ruft zum Kaufboykott, die mitdenkende Basis
plant eine erste öffentliche Telefonverbrennung. Leserbriefe schildern
das geile Gefühl, eines der bis gestern weltbesten Handys ins Klo zu
spülen. Sollen den Dreck doch die Rumänen kaufen, meint der aufgeklärte
Normalverbraucher im WAZ-Chatroom.
Derweil verhandeln Rüttgers Leute mit den gewissenlosen Profitgeiern
längst ganz gesittet über neue Geschäftsperspektiven in Bochum. Auch
Nokia versteht die Dialektik der Rufschädigung durch Politiker eines
Gastlandes, die sich durch ein paar investierte Millionen wieder ins
Gegenteil verkehren lässt. Es ist ja auch nicht so, dass es auf dem
Standort Deutschland gar nichts gäbe, was der Weltkonzern für seinen
Profit nutzen könnte – nur Handys sind out. Eine Stiftung über einige
10 Millionen, ein Technologiepark auf dem alten Werksgelände, ein
Entwicklungszentrum für Autoelektronik zusammen mit Bosch und BMW und
ein paar hundert Arbeitsplätze für Ingenieure. Das wird Rüttgers
nächstens als „Hoffnung für Bochum“ und „Rettung von Arbeitsplätzen“
verkaufen. Und als Beweis für das Verantwortungsbewusstsein einer
Weltfirma.
Die Medien: Bloß kein Misstrauen ins System!
Die freie Presse erfüllt ihren öffentlichen Auftrag zur
Meinungsbildung; pluralistisch, also konstruktiv arbeitsteilig. Die
eine Hälfte gibt der Empörung recht, um sie zum korrekten Verständnis
des Skandals anzuleiten; die andere durchschaut die unechte Theatralik
der Heuschreckenkritik und rettet den globalen Kapitalismus vor
unsachgemäßer Rufschädigung, indem sie mit dem Gewicht des ökonomischen
Sachverstands jede Kritik als verfehlt und kontraproduktiv
zurückzuweisen. Zwei Musterexemplare deutschen Zeitgeistes 2008.
WAZ, 16.1.: „Wieder zeigt die Marktwirtschaft ihre hässlich-brutale
Fratze. Das Vorgehen des finnischen Nokia-Konzerns erinnert fatal an
den Fall Siemens/BenQ, wo sich Manager alle Mühe gaben, den Betroffenen
das Gefühl zu vermitteln, sie seien bloß Bauern auf dem Schachbrett der
Globalisierung. Gewiss, betriebswirtschaftliche Entscheidungen sind oft
hart. Gleichwohl ist diese Nacht- und Nebel-Schließaktion in ihrer
kühlstkalkulierenden Art zu verurteilen. So kann sich nur ein Konzern
verhalten, der die Zelte im Lande D abbricht. Noch gestern waren nicht
alle Mitarbeiter über den drohenden Verlust ihres Arbeitsplatzes
informiert. So schafft man kein Vertrauen in ein Unternehmen,
geschweige denn in die Marktwirtschaft.“
Von der Systemkritik zur Lobhudelei in 99 Sekunden! Die Marktwirtschaft
zeigt, nicht zum ersten Mal, wie menschenfeindlich sie ist. Das muss
der Kommentator der WAZ einmal ganz deutlich sagen – um gleich darauf
seine Sorge auszudrücken, die Leute könnten das womöglich auch so
sehen. Seine Parteinahme gilt dem guten Ruf des Kapitalismus, nicht dem
Schicksal seiner Opfer. Diesen Ruf ‑ den Vorwurf muss die finnische
Firma sich gefallen lassen ‑ schädigt Nokia in unverantwortlicher
Weise: Gerade weil sie nichts anderes sind, käme es darauf an, dass die
lohnabhängigen Schachfiguren nicht das Gefühl kriegen, sie wären
welche. Reicht es nicht, dass Kapitalismus oft hart ist, muss es auch
noch so aussehen? Keine schriftliche Einladung zur Entlassungsfeier,
kein warmer Händedruck zum Abschied, geheimniskrämerische
Informationspolitik – so machen Leuteschinder sich keine Freunde! Schon
gar nicht bei unserer freien Presse: An der bleibt es mal wieder
hängen, Vertrauen in die Marktwirtschaft zu stiften, wenn die Macher
schon wieder das Einseifen der Opfer vergessen haben. Gottlob keine
allzu schwierige Aufgabe: Gemeinsam mit den Lesern empört man sich
darüber, dass die zuständigen Praktiker und Nutznießer des Systems es
genau daran fehlen lassen ...
Die andere Variante:
Stern, 6.2.: „Robin Rüttgers im Subventionswahn! Die künstliche
Empörung über den Nokia-Abzug gipfelt in der Rückforderung von 41 Mill.
€. Die angegebenen Gründe sind fadenscheinig und durchsichtig
populistisch. Am Ende könnte das ganze Land und der Wirtschaftsstandort
NRW unter dem selbsternannten Arbeiterführer leiden.“
Die Illustrierte durchschaut und entlarvt die soziale Heuchelei des
Robin Hood aus dem Landeshaus und kann eines nicht leiden: nicht so
sehr, dass Rüttgers seine Parteinahme für die Gekündigten berechnend
heuchelt, sondern seine geheuchelte Parteinahme für die Opfer. Statt
mit volksfreundlichen Sprüchen falsche Hoffnungen zu wecken, hätten
Politiker knallharte Aufklärungsarbeit zu leisten; nach dem Muster:
„Was soll das Geschrei, so geht Marktwirtschaft.“ Alles andere ist von
Übel: Wer sich als Politiker auch nur zum Schein mit den großen
Kapitalen anlegt, riskiert, dass die erst recht abwandern. Ein
Ministerpräsident, der den Arbeiterführer gibt, hat seinen Beruf
verfehlt. Knallharte Freunde und Förderer des großen Geschäfts – solche
Führer braucht das Land!
So sind sie, unsere Medien: gleich mehrstimmig gnadenlos kritisch, wenn
das System mal wieder eine seiner hässlichsten Seiten zeigt – gegen
jeden falschen Ton.