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Inhaltsverzeichnis
GegenStandpunkt 1-08
VW-Betriebsrat gegen Porsche-Betriebsrat
Arbeiterkämpfe, wie Unternehmer sie mögen: Für Produktivität in der
Fabrik und Gerechtigkeit im Aufsichtsrat
Die Belegschaft von VW, repräsentiert durch ihren
Betriebsratsvorsitzenden, droht mit „Kampf“ – und das nicht nur „vor
den Gerichten“.
Grund dafür hätte die Belegschaft genug, kündigt der Chef von VW doch
an, dass man dafür sorgen werde, dass die Produktivität beim Autobauen
jährlich um 10 % steigt. Was „Produktivitätssteigerung“ heißt, hat
besagte Belegschaft erst vor 2 Jahren in der „Produktivitätsoffensive“
2006 erfahren: unbezahlte Mehrarbeit und Massenentlassungen.
Dagegen hat der kämpferisch gestimmte Betriebsratsvorsitzende Osterloh
gar nichts einzuwenden, im Gegenteil. In der Diktion des Co-Managers
und der Pose des Arbeiterführers sagt er die entsprechenden Leistungen
der „Belegschaft“ zu, so als wären sie auf seinem eigenen Mist
gewachsen:
„Nach den Worten des VW-Gesamtbetriebsratsvorsitzenden Bernd Osterloh
wird es im Wolfsburger Stammwerk in den nächsten Jahren weitere
Produktivitätssprünge geben, ‚wenn sich die Belegschaft mächtig ins
Zeug legt’. Dies sei angesichts des gezielten Angriffs von Toyota
insbesondere auf den europäischen Markt auch notwendig, sagte der
Betriebsratsvorsitzende. Für die aus der Produktivitätssteigerung
resultierenden Personalüberhänge brauche man allerdings Antworten. ‚Wir
gehen davon aus, dass sich das Management darüber Gedanken macht, wie
man zusätzliche Beschäftigung generieren kann’, betonte Osterloh.“
(International Business Times, 13.11.2007)
Gerne bestätigt das Aufsichtsratsmitglied aus dem Arbeitnehmerlager die
Konzernstrategie gegen den japanischen Feind und versichert die
Konzernleitung seiner und der Belegschaft konstruktiven Mitarbeit, so
als ob es das Selbstverständlichste von der Welt wäre, dass Arbeiter
ständig um die ‚Wettbewerbsfähigkeit’ ihres Unternehmens kämpfen, die
nur auf ihre Kosten geht. Er bemüht noch nicht einmal die Phrase von
der ‚Sicherung der Arbeitsplätze’, die weniger Lohn und mehr Leistung
als schmerzliches, aber leider unumgängliches Opfer notwendig machen
würde. Produktivitätssteigerung gleich Intensivierung der Arbeit gleich
Überflüssigmachen von Arbeitskräften – das ist das von Osterloh
gewusste, unterschriebene und von der Belegschaft eingeforderte Ziel.
Die Opfer für die VW-Mannschaft, die aus dem Renditeziel der
Konzernmanager folgen – „21 % statt heute 2 % bis 2018“
(Vorstandsvorsitzender Winterkorn) –, sind für diesen Vertreter der
‚Arbeitnehmerseite’ so unabweisbar und bedingungslos zu erbringen, dass
er die Mobilisierung seiner Mannschaft in der Produktivitätsschlacht
von keinerlei Gegenleistung der Arbeitgeberseite abhängig macht. Dass
die VW-Arbeiter durch ihren geforderten, vermehrten Arbeitseinsatz eine
erkleckliche Anzahl ihrer Kollegen überflüssig machen, und die ganze
Operation den Zweck hat, einen Teil von Ihnen von der Lohnliste zu
streichen, ist für den Herrn Betriebsratsvorsitzenden eine Art
Kollateralschaden den er der Arbeitgeberseite als Betätigungsfeld
unternehmerischer Verantwortung andient: Für die generierten
„Personalüberhänge“ wird sich doch wohl eine Verwendung finden, zu
welchen Konditionen und in welchem Umfang auch immer!
Richtig sauer wird der Betriebsratschef hingegen, wenn er den Verdacht
hat, der neue Hauptanteilseigner Porsche in Gestalt des
Vorstandsvorsitzenden Wiedeking wolle die angemessene Repräsentation
der VW-Arbeiter durch ihn und seine Betriebsratskollegen im neuen
Gesamtkonzern hintertreiben. Ein unerhörter Anschlag auf die Arbeiter
liegt vor, wenn in der Mitbestimmungsvereinbarung für die neue
Porsche-Holding, in die der VW Konzern als Tochter eingegliedert wird,
den Belegschaftsvertretern im Aufsichtsrat nicht mehr Posten
zugebilligt werden als den Vertretern der Porsche-Arbeiter. Als
Anhänger einer ‚Unternehmenskultur’, bei der die ‚Einbindung’ des
Betriebsrats dafür sorgt, „dass die Beschäftigten Veränderungen (schön
gesagt!) akzeptieren und mittragen (noch schöner gesagt!)“, (Osterloh,
Interview in der ‚Zeit’ vom Januar 2008) geniert er sich nicht, dem
Porsche-Boss vorzuwerfen, „den Stolz und den Schwung der Belegschaft zu
brechen“. (Osterloh laut Stuttgarter Zeitung online). Er droht mit
Motivationsverlust beim Produktivitätssteigern, denn im Gegensatz zu
der von den Arbeitern zu bewerkstelligenden bzw. auszubadenden
Kostenoffensive gegen Toyota – die ist ja „notwendig“ – geht das
eindeutig „zu Lasten unserer Kolleginnen und Kollegen“ (Osterloh):
„12.000 Beschäftigte von Porsche sollen in wichtigen Fragen das gleiche
Recht haben wie 324.000 VW-Arbeitnehmer. ‚Dass das nicht in Ordnung
sein kann, versteht sich von selbst.’, sagte Osterloh der dpa.“
Im Aufsichtsrat passen die Aktionärsvertreter darauf auf, ob der
Vorstand auch die richtigen Entscheidungen im Sinne der Eigentümer
trifft. Also für eine ordentliche Dividende sorgt und durch
erfolgreiche Profitmaximierungsstrategien wie die oben genannte
„Steigerung der Produktivität“ den Spekulanten Anhaltspunkte bietet,
den Kurs der Unternehmensaktien in die Höhe zu treiben, so dass sich
die „Shareholder“ daran noch einmal bereichern können. Ausgerechnet in
diesem erlauchten Gremium, das die private Macht der Eigentümer und ihr
Recht auf Reichtumsmehrung repräsentiert, hat ein deutsches
Mitbestimmungsgesetz auch denjenigen, die den Dienst an diesem Eigentum
leisten, Sitz und Stimme reserviert. Diese schon grotesk zu nennende
Form der ‚Einbindung’ hält Osterloh für so entscheidend, dass er glatt
in Zahlenverhältnissen eine Gerechtigkeitslücke entdeckt, die sich die
VW-Arbeiter nicht gefallen lassen brauchen. Mehr Leute vom Schlage
eines Osterloh im Aufsichtsrat – das ist die „Berücksichtigung“
(Interview in der „Zeit“), die die VW-Belegschaft für ihre
Opferbereitschaft auch in einer Aktiengesellschaft nach europäischem
Recht verlangen kann. Dafür verkracht sich Osterloh sogar mit seinem
Kollegen, dem Betriebsratsvorsitzenden von Porsche, der seinerseits
beleidigt wäre, wenn der VW-Kollege sich durchsetzte: „Wer sagt, dass
eine Belegschaft mit 324.000 Mitarbeitern mehr wert ist als eine mit
12.000, der redet wie ein Kapitalist.“
(Porsche-Betriebsratsvorsitzender Hück, SZ, 29./30.9.) Der Kapitalist
seinerseits ist gar nicht so, sondern redet wie ein Arbeitervertreter
und definiert den Wert des Arbeiters nach den Werten, die er für seine
Anwender schafft: „Die Beschäftigten von Porsche haben schließlich die
Grundlage dafür erarbeitet, dass sich Porsche an Volkswagen beteiligen
konnte.“ (Vorstandsvorsitzender Wiedeking) Und für diese erfolgreiche
Ausbeutung ist der Lohn für die „Beschäftigten“ in Gestalt von drei
Betriebsratsfunktionären im Aufsichtsrat allemal gerecht.
P.S. Inzwischen ist Osterloh in seinem Kampf um Gerechtigkeit ein gutes
Stück weitergekommen. Justizministerin Zypries hat eine Novelle des vom
Europäischen Gerichtshof in Teilen gekippten VW-Gesetzes vorgestellt.
Darin soll weiterhin enthalten sein, dass Schließung und Errichtung von
Produktionsstandorten nur mit einer 2/3-Mehrheit des Aufsichtsrats
entschieden werden kann, womit immer die Zustimmung der
Arbeitnehmervertreter notwendig ist. Und das ist gut, weil diese dann
dafür sorgen können, dass Rationalisierungsmaßnahmen zur
Renditeverbesserung nicht einseitig von einer Belegschaft ausgebadet
werden müssen, sondern ganz gleich und gerecht zu Lasten aller gehen:
„Schmerzen werden gleich verteilt“ (Osterloh im Zeit-Interview) So geht
Arbeitersolidarität im Aufsichtsrat.