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GegenStandpunkt 4-07
Die Öffentlichkeit versteht allmählich ihren Schäuble besser
Die Zivilgesellschaft – nicht doch zu zivil für den Antiterrorkrieg?
Schäuble gibt einfach keine Ruhe. Sein vordringliches Anliegen, die
frühzeitige Neutralisierung von Terroristen, benötigt so viel
Überwachung und Kontrolle seiner Bürger, soviel Abhören, Filmen,
Datensammeln sowie allfälliges Flugzeugabschießen einschließlich der
dafür nötigen Gesetzes- und Verfassungsänderungen, dass seine Pläne
noch Ende August/Anfang September leicht genervte Kommentare selbst aus
dem Kreis seiner Sympathisanten in den nationalen Medien hervorrufen:
„Was treibt Wolfgang Schäuble? ... Er
plant die Online-Durchsuchung
privater Computer, notfalls auch ohne richterlichen Beschluss. Wie auf
dem Fließband verlassen fast jede Woche völlig unausgegorene,
überzogene Forderungen das Bundesinnenministerium.“ (Münchner
Merkur,
zit. nach FAZ, 5.9.07)
Die Kritik richtet sich zum einen gegen Machart und Stil seiner
Projekte – zu viel, kein Augenmaß, kein Timing! –; zum anderen drückt
sie Zweifel an der Berechtigung des vom Minister an den Tag gelegten
Aktionismus aus. Die Frage nach Schäubles politischem Antrieb kann
jenseits so interessanter Fragen, ob er zusammen mit seiner Behinderung
vielleicht einen Dachschaden erlitten oder nur den persönlichen Ehrgeiz
hat, endlich die „sicherheitspolitischen Erfolge der rot-grünen
Regierung“ vergessen zu machen, nur rhetorisch sein. Schließlich hat
der Minister in „ganzen Interviewkaskaden“ (FAZ, ebd.) deutlich
gemacht, worum es ihm geht: Er hat es eben als seine Mission entdeckt
zu verhindern, dass die Terroristen der Welt Deutschland in nicht
abwehrbereitem Zustand antreffen. Deswegen müssen die entsprechenden
Gesetzesänderungen her, und zwar schnell – damit man das technisch
Mögliche bei der Jagd nach dem Feind auch kann! Dafür muss nicht nur
der Staat technisch und rechtlich wehrhafter gemacht werden. Es muss
auch und vor allem dem Volk eingehämmert werden, dass und warum das
alles nötig ist: Weil die Nation sich in einem Quasi-Kriegszustand mit
dem weltweiten Terror befindet; und weil eben deswegen die Lage so
ernst ist, dass das Volk nicht durch unlustige Nörgelei und die
Öffentlichkeit nicht durch lebensfremde Werte- und Grundrechtsdebatten
das Nötige behindern sollte. Die Bürger sollen vielmehr den Gebrauch
ihrer Rechte und die Erfüllung ihrer Pflichten nach den Erfordernissen
des antiterroristischen Abwehrkampfes unter Leitung ihres
Innenministers einteilen – und gefälligst froh sein, dass sie ihn
haben, der auf alles aufpasst, so gut es eben geht! Bei diesem
hartnäckigen Bemühen, mitten im schönsten inneren Frieden einen
antiterroristischen Kriegszustand technisch und rechtlich zu
organisieren und im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern, fühlt
sich Schäuble, eigenen Auskünften nach, von der öffentlichen Meinung
ziemlich unverstanden.
*
Da kommt dem Minister ein gut organisierter Zufall zu Hilfe: Eine
kleine Mannschaft von, wie man hört, islamistischen Bombenbastlern,
teils sogar von der Sorte der extragefährlichen inländischen
Eigengewächse, wird entdeckt und mit großem Hallo eingesammelt. Das
spielt Schäuble einigen frischen Respekt in der Öffentlichkeit ein,
die, wie gesagt, seinen missionarischen Eifer lange etwas distanziert
beobachtet hat. Der Minister hat recht behalten mit seinen Warnungen,
was er umso souveräner hinbekommen hat, als er seit einiger Zeit mehr
wusste als seine Kritiker: „Er
wusste aber im Gegensatz zu vielen
seiner Kritiker seit Monaten, dass sich in einer Schwarzwald-Garage
kanisterweise eine Dreivierteltonne Grundstoffe für Bomben stapelte ...
Jetzt kann sich Schäuble für ein paar Tage des Rechtbehaltens freuen
... Deutschland wird in den kommenden Jahren weiter massiv in den
Ausbau der Sicherheitsarchitektur investieren müssen.“ (FAZ,
8.9.) Und
angesichts des Fahndungserfolges, der einen aber nicht in Sicherheit
wiegen sollte – „von Entwarnung kann
keine Rede sein!“ (FAZ, 7.9.) –,
stehen die notorisch um die Grundrechte besorgten Kritiker von
Schäubles Überwachungswesen, einschließlich des
Bundesverfassungsgerichtes mit seiner Rechtsprechung zur
„informationellen Selbstbestimmung“, jetzt selbst vermehrt in der
Kritik: „Sollte Deutschland wirklich
damit für sich werben, das
Computergeheimnis sei ihm heilig, auch das von Terroristen“, in
Zeiten,
in denen man es mit einer islamistischen „Hydra“ zu tun hat, der
„ständig neue Köpfe und Tentakeln
wachsen?“ (FAZ, ebd.)
*
Weil er gerade einen Lauf hat, setzt Schäuble nach und weist das
Publikum darauf hin, dass den Feinden der Zivilisation noch ganz andere
Kampfmittel zu Gebote stehen als nur hochexplosives Haarbleichmittel.
Und wie es sich für einen Befehlshaber im Zustand der gesellschaftliche
Mobilmachung gegen die allgegenwärtige terroristische Bedrohung gehört,
den Schäuble zum neuen Normalzustand des abwehrbereiten Gemeinwesens
ausrufen will, gibt er gleich noch Empfehlungen zur Stimmung in der
Truppe aus:
„Bundesinnenminister Schäuble hat vor
einem Terroranschlag mit
nuklearem Material gewarnt. ‚Viele Fachleute sind inzwischen überzeugt,
dass es nur darum geht, wann solch ein Anschlag kommt, nicht mehr, ob
... Es hat keinen Zweck, dass wir uns die verbleibende Zeit auch noch
verderben, weil wir uns schon vorher in Weltuntergangsstimmung
versetzen.’“ (SZ, 17.9.)
Die Leute sollen heiter und gelassen ihren Pflichten nachgehen
angesichts des Unvermeidlichen und ihre Schäubles das Menschenmögliche
zur Vermeidung des Allerschlimmsten versuchen lassen. Die Größe der
Gefahr macht dabei für die Beschützer des guten Volkes
selbstverständlich Vieles an Kontrolle und Eingriffen nötig, was früher
undenkbar gewesen sein soll; dafür müssen die Beschützten dann aber
auch Verständnis haben und sich nichts vormachen über den heute einfach
nicht mehr möglichen luxuriösen Genuss ihrer Grundrechte. Die Zeiten
sind vorbei! Weshalb die allgegenwärtigen, schnüffelnden und
überwachenden Agenten der Terror-Prävention Unterstützung einfordern
und das ihnen manchmal öffentlich entgegengehaltene Misstrauen
zurückweisen.
Das leuchtet – im Ergebnis – dann sogar dem journalistischen
Großverweser der bedrohten Bürgerfreiheit in der SZ-Redaktion ein, auch
wenn der die Warnung vor einem „Atom-Anschlag“ zunächst nur für einen
Scoop hält, den Schäuble und weniger seriöse Kollegen zusammen
ausgeheckt haben; der eine, um die Leute zu beeindrucken, die anderen,
„Blattmacher“, die sie sind, der Auflage wegen:
„Wenn der Bundesinnenminister vor
einem Atom-Anschlag warnt, jagt das
vielen Menschen erst einmal einen gehörigen Schrecken ein. Solche
Schlagzeilen sind ganz im Sinne von Blattmachern, die ihre Zeitung
verkaufen wollen, aber auch im Sinne des Verursachers. Ist der
Schrecken abgeklungen, weicht er der leisen Hoffnung, Wolfgang Schäuble
habe die Bedrohungsspirale vielleicht nur eine Drehung
weitergeschraubt, so wie er in den zurückliegenden Monaten immer neue
Gedankenspiele zum Thema Terrorismus angestellt hat. Auf diese Weise
hat der Innenminister in der Vergangenheit immer wieder versucht, seine
Forderungen nach schärferen Sicherheitsgesetzen durchzudrücken ... Wenn
Schäubles jüngste Warnung aber das Bewusstsein dafür schärft, dass das
Leben in einer freien Gesellschaft auch mit gewissen Risiken verbunden
ist, und wenn sie die Bereitschaft fördert, mit diesem Risiko zu leben,
dann hat sie ihr Gutes.“ (SZ, ebd.)
Ja wenn’s der Risikobereitschaft der Bürger im Antiterrorkrieg dient!
Und der krisenbewussten Einsicht, dass spätestens in den Zeiten nach
9/11 für den einzelnen Bürger der Genuss von Demokratie und
Kapitalismus nur um den Preis der gelegentlich lebensgefährlichen
Feindschaft zu haben ist, die seine freie Gesellschaft in der Welt
offenbar unvermeidlich auf sich zieht: Dann haben die Horrorszenarien
des Ministers doch auch ihre Verdienste; so ist eben – das müssen auch
seine Kritiker in den freiheitlich gesinnten Redaktionen anerkennen –
auch dieser Schäuble, gegen den die Prantls der Republik schon so oft
die Grundrechte hochhalten mussten, ein Teil von jener Kraft, die so
oft das äußerst Problematische will und doch das Gute schafft.