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Inhaltsverzeichnis
GegenStandpunkt 4-07
Ein Dauerbrenner in der
öffentlichen Auseinandersetzung um einen ordentlichen nationalen
Niedriglohnsektor und die wenig besinnlichen Alternativen:
Der Mindestlohn – Fluch oder Segen? Jobkiller, Konjunkturbremse,
Wirtschafts-, Verbraucher – und Arbeiterschädlicher Fehlgriff oder
soziales Friedensinstrument?
Keine Woche, in der die Politik nicht irgendeines ihrer sozialen
‚Reformvorhaben’ vorantreibt, irgendeine ihrer Kassen und Einrichtungen
zu Betreuung von Arbeitslosen, Rentnern und Kranken unter dem
Gesichtspunkt der ‚Kostenentlastung’ umgestaltet, sich an der weiteren
Senkung der ‚Lohnnebenkosten’ zu schaffen macht – und Erfolge bei der
Korrektur der ‚ausufernden Soziallasten’, Fortschritte bei der
Schaffung neuer Arbeitsplätze durch die Ausweitung des
Niedriglohnsektors und bei der Senkung der Arbeitslosenzahlen durch
verstärkte ‚Anreize’ und flexiblere Handhaben zur Senkung von
Lohnansprüchen vermeldet. Kein Tag auch, an dem nicht öffentlich über
den Fortgang des nationalen ‚Reformprogramms’, die erledigten und noch
zu erledigenden Posten kritisch berichtet und über die konsequente
Fortsetzung diskutiert würde. Inzwischen ist bei dieser Daueragenda die
Frage, ob, und wenn ja, wo und wie die Politik im Verein mit den
Sozialpartnern gewisse Grenzen in Sachen Niedriglohn einziehen sollte,
zum politischen Streitgegenstand und öffentlichen Dauerthema gediehen.
Der Arbeitsminister macht sich generell für die Notwendigkeit von
Mindestlöhnen stark. Schon wegen der vielen Hartz-IV-Aufstocker: Die
Unternehmer sind unter kundiger Anleitung ihres regierenden Ausschusses
in Berlin nämlich so erfolgreich beim Senken des Preises der Arbeit,
das ein Großteil der Älteren und Geringqualifizierten, die sie jetzt
wieder brauchen wollen – was Wunder, bei dem Preis! –, trotz
Vollzeitbeschäftigung zusätzliche Stütze braucht und kriegt.
Insbesondere macht sich Müntefering im Verein mit seiner Partei für
eine Mindestlohnregelung bei der Post als Ausgleich für die Abschaffung
des Postmonopols stark. Genauso wie der Chef der Deutschen Post, der ab
2008 Konkurrenz ins Haus steht, findet der es nicht in Ordnung, dass
der Post „mächtige Unternehmen Umsatz und Arbeitsplätze wegnehmen“ und
sich das vom Steuerzahler mitfinanzieren lassen. Hier geht es also um
Gewichtigeres als bloß die ‚soziale’ Frage, wie es um das Auskommen der
Niedriglohnbezieher bestellt ist und ob der Staat da Handlungsbedarf
sieht: um standortpolitische Entscheidungen bezüglich der Konkurrenz
eines deutschen Großunternehmens und seiner Kontrahenten nämlich. Aus
solchen Erwägungen heraus drängt der Vizekanzler auf Aufnahme der
Briefdienste ins Entsendegesetz: Allen Beschäftigten der Branche soll
laut Gesetz ab 2008 mindestens der Tariflohn von nicht ganz 10 Euro
West und etwas darunter im Osten gezahlt werden, den Deutsche Post und
Verdi ausgehandelt haben. Damit entfacht er nicht nur einen heftigen
Streit mit dem Koalitionspartnern, sondern eine nicht minder heftige
öffentliche Debatte
Die Bild-Zeitung ist entschieden dagegen und startet eine Kampagne
gegen den Mindestlohn. Nicht bloß deswegen – wie einige Journalisten
von der seriösen Konkurrenz argwöhnen ‑, weil ihr Eigentümer, der
Springer-Konzern, ein paar hundert Millionen Euro in den Aufbau von
PIN-Mail, einem zukünftigen Post-Konkurrenten, gesteckt hat, der seinen
Briefträgern mit der hübschen grünen Jacke eher so um die sieben Euro
zahlt. Nein, Bild macht Journalismus für ihre Leserschaft und fragt:
„Mindestlohn – Ist das wirklich gut
für die Beschäftigten?“ (19.9.07)
Die klare Antwort: „Nein, sagen die Experten!“ – und zwar unisono
ungefähr so:
„Die Erfahrung zeigt, dass
Mindestlöhne Jobs kosten, vor allem bei den
Geringqualifizierten. Ein Mitarbeiter darf ein Unternehmen nicht mehr
kosten, als er der Firma einbringt. Genau diese Gefahr besteht bei
Mindestlöhnen. Da können die Arbeitskosten vor allem bei
Geringqualifizierten so stark steigen, dass sich die Anstellung für den
Betrieb nicht mehr rechnet.“ (Prof. W. Franz, Wirtschaftsweiser,
in
Bild vom 18.9.) Oder so:
„Gesetzliche Mindestlöhne sind immer
Gift für den Arbeitsmarkt und
setzen gerade Geringverdiener verstärkt dem Risiko der Arbeitslosigkeit
aus. Nach unseren Berechnungen vernichtet ein bundesweiter Mindestlohn
von 7,50 Euro insgesamt 1,1 Millionen Arbeitsplätze.“ (Prof.
Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut München, in Bild, 8.10.)
So richtig neu dürften diese Mitteilungen auch den
„Geringqualifizierten“ unter
den Bild-Lesern nicht sein. Schließlich
„zeigt ihnen die Erfahrung“ in
ihrem Alltag recht drastisch, was es
heißt, dass man „nicht mehr kosten
darf, als man der Firma einbringt“.
Schließlich bestreiten die Unternehmen ihre Konkurrenz mit der
ständigen Senkung der Lohnkosten und kalkulieren mit entsprechend
gestiegenen Gewinnmargen, unterhalb derer sich für sie ihr Betrieb
nicht mehr lohnt, sich Lohnkosten also ‚natürlich’ nicht mehr
‚rechnen’. Daher kann man seinen Arbeitsplatz als „Geringverdiener“
ziemlich schnell vergessen, wenn man der Gegenseite mit irgendwelchen
Forderungen kommt. Und „natürlich“ muss man nach dem Motto ‚Nehme jede
Arbeit an!’ Abstriche vom Lohn machen, wenn man einem Arbeitgeber nicht
mehr zu bieten hat als seine pure Arbeitswilligkeit, weil man auf jeden
Job angewiesen ist. Diese totale Ohnmacht und Abhängigkeit von den
Unternehmern kennen Bild-lesende Arbeiter sehr gut, ob sie je mit dem
Niedriglohnsektor zu tun hatten oder nicht: Das gehört zur allgemeinen
„Erfahrung“ von Millionen abhängig „Beschäftigter“ heutzutage, schon
gleich wenn sie sich auf dem Niedriglohn-Arbeitsmarkt herumtreiben.
Dies alles kennen Bild-Leser also. Aber die ‚einfachen Leute von der
Straße’ bekommen diese ihre praktische Stellung und Rolle auf dem
Arbeitsmarkt aus dem Mund von Experten, quasi von höherer, neutraler
Stelle, nochmals bestätigt: Nicht bloß ihr interessierter Gegner auf
dem Arbeitsmarkt, sondern Professoren, die ‚es ja wissen müssen’, ja
sogar Nobelpreisträger aus dem Ausland, die ganz uninteressiert auf
Deutschlands Verhältnisse schauen („Mindestlohn
hilft euch Deutschen
nicht.“, der amerikanische Nobelpreisträger von 2006 Edmund
Phelps,
12.10.), usw. – also fraglos anerkannte Autoritäten teilen ihnen
öffentlich mit, dass all dies nicht bloß ihre, der Betroffenen
„Erfahrung“ ist, sondern Ausdruck vielleicht unliebsamer, aber eben
schlichtweg gültiger, unverrückbarer Verhältnisse in Deutschland:
„Tatsache ist, dass die
Arbeitsproduktivität über den Lohn entscheidet.
Dort, wo sie z. B. 9,80 Euro pro Stunde nicht hergibt – und das
ist bei vielen Post- und Zustelldiensten der Fall – wird ein
Mindestlohn von 9,80 Euro Arbeit vernichten.“ (Florian Gerster,
Arbeitgeberpräsident der neuen Briefdienste, 8.10.) Die
Sachverständigen für Wirtschaft argumentieren also mit den
kapitalistischen Gegebenheiten und buchstabieren den Lesern ihre Not
mit der Arbeit als Notwendigkeit des Systems vor. Sie beweisen ihnen,
dass sie mit ihrer Lebensweisheit – ‚Ein beschissen bezahlter
Arbeitsplatz ist immer noch besser als gar keiner!’ – goldrichtig
liegen, weil sie als ohnmächtige und abhängige „Geringverdiener“ dazu
sowieso nie mehr eine Alternative haben.
Als Einwand gegen die apostrophierten Verhältnisse missversteht das
niemand: Die größte real existierende Arbeiterzeitung Deutschlands
betreibt auf diese Art journalistischen Populismus – sie gibt ihrem
Publikum als bravem, dienstbereitem Arbeitsvolk vollumfänglich recht
und macht Stimmung in der Nation für sie und ihr Interesse an
Beschäftigung zu jedem Preis und gegen ein „Mindest“ beim Lohn, weil
das „Gift“ und „nicht wirklich gut für die Beschäftigten“ ist.
*
Auch die Bevölkerungskreise, die eher nicht zu den Betroffenen von
Niedriglöhnen zählen, dürfen sich ihre Meinung über einen Mindestlohn
bilden. Selbstverständlich spricht die seriöse Presse die betroffenen
„Geringverdiener“ nicht an, sondern über sie: Sie bietet dem gehobenen
Publikum von einer etwas anderen Warte aus Gesichtspunkte, über das Für
und Wider einer staatlich verfügten Lohnuntergrenze zu räsonieren.
Detlef Esslinger von der Süddeutschen Zeitung ist dafür. In seinem
Leitartikel vom 21.9. plädiert er für einen „Lohn zum Leben“, den der
Staat tatsächlich mal den Unternehmern diktieren sollte, weil die
bisherigen Gepflogenheiten unter der Tarifautonomie in Deutschland
nicht mehr so recht funktionieren würden:
„Eine Errungenschaft verliert an
Bedeutung, die in der Bundesrepublik
bisher als Erfolgsmodell galt. Wer sein Leben in diesem Staat, in
dieser Gesellschaft verbracht hat, wer die soziale Marktwirtschaft als
einen ziemlich gelungenen Kompromiss zwischen Kapital und Arbeit erlebt
hat der kann sich vielleicht gar nichts anderes vorstellen, als dass
Löhne jeweils das Resultat freier Verhandlungen zwischen Repräsentanten
der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer sind. So erbittert mitunter um
deren Höhe gestritten wird – zum Grundkonsens beider Seiten gehörte es,
dass sich vor allem der Staat hier herauszuhalten hat. Tarifautonomie
nennt man dieses Prinzip, es gehört eigentlich zum Inventar dieses
Landes.“ – Aber, einige Unternehmer in diversen Branchen wollten
sich
eben an dieses schöne „Prinzip“ heute nicht mehr halten, und so sei
vielen Beschäftigten diese „Errungenschaft“ abhanden gekommen.
Auf diese Perspektive muss man auch erst einmal kommen! Der Kommentator
blickt auf die katastrophalen Lohnverhältnisse von Millionen
Beschäftigten bei Bau, Gebäudereinigern und jetzt auch Briefträgern und
vermisst -- die „Errungenschaft“ Tarifautonomie! Als würden die
zahllosen Niedriglöhner nichts dringender brauchen als ein
formvollendetes Tarifritual zwischen Unternehmern und konsenssüchtigen
Gewerkschaften, die sich jeden Kampf um den Lohn ihrer Mitglieder
sparen wollen, damit sie als mitgestaltende Kraft ihr
Arbeitervertretungsmonopol behalten können! Ein Ritual, bei dem es
angeblich „so partnerschaftlich zugeht, wie in der Metall-, Chemie-,
Banken- oder Medienbranche … Dort finden Verhandlungen statt, die
diesen Namen verdienen. Das Ergebnis sind Löhne, die den Unternehmen
qualifiziertes Personal und den Beschäftigten ein Auskommen sichern.“
Was für ein Auskommen die Löhne bei VW oder Telekom nach den massiven
Arbeitszeitverlängerungen und Gehaltsabsenkungen noch „sichern“, möchte
man besser nicht wissen. Dem SZ-Autor wird auch bekannt sein, dass sich
so mancher „partnerschaftlich“ ausgehandelte Tariflohn sehr den Löhnen
in den „Lohndrücker-Branchen“ angenähert hat. Das scheint für ihn aber
alles nicht so schlimm zu sein. Der wirklich große Missstand findet
sich erst dort, wo, wie bei den neuen Postunternehmen, der Lohn nicht
einmal mehr ausgehandelt wird. Dann ist nämlich der schöne Schein des
„Prinzips“ ‚Tarifautonomie’, wie wir ihn aus unseren Sozialkundebüchern
kennen, kaputt: Kapital und Arbeit setzen sich gemeinsam an einen
Tisch, verhandeln, und alle bekommen mehr oder weniger ihren gerechten
Anteil an gesellschaftlicher Teilhabe. Darin ist der gebildete
Staatsbürger Esslinger so vernarrt, dass er es unmöglich findet, wenn
sich einige Bourgeois wie die Eigentümer von PIN-Mail oder TNT so
unanständig aufführen, dass sie ihren Beschäftigten umstandslos den
Lohn diktieren:
„In solchen Branchen sind nur die
wenigsten Arbeitnehmer Mitglied einer
Gewerkschaft – mit der Folge, dass die Bezahlung de facto oft nach
einem Prinzip erfolgt, das kein Arbeitgeber je anprangern würde: dem
des privaten Lohndiktats.“
Und dieses „Prinzip“, Lohn zu zahlen, sieht sehr schlecht aus, so
schlecht, dass man sich echt Sorgen um die staatliche Ordnung machen
muss:
„Solche Unternehmen sind dabei, die
soziale Marktwirtschaft in eine
reine Machtwirtschaft zu verwandeln, und es soll niemand glauben, das
werde auf Dauer vonstatten gehen, ohne dass auch die demokratische
Ordnung des Landes Schaden nimmt.“
Das sei der Elite der Nation von einem sozialkundlich gebildeten
Journalisten mal gesagt: Denkt euch in die Millionen
Hartz-IV-Aufstocker hinein und fragt euch, ob unsere Marktwirtschaft
bei denen nicht ihren guten Ruf verlieren könnte, wenn euer
Kapitalismus so aussieht! Lohnzahlung ohne Tarifritual – macht dann
dieses ‚abgehängte Prekariat’ überhaupt noch bei unserer demokratischen
Ordnung mit? Oder stiftet es am Ende deswegen Unordnung? Dann schon
lieber rechtzeitig einen demokratiefördernden Lohn in Höhe von 9,80
Euro, damit Briefträgern und anderen Geringstverdienern ihr gutes
Gefühl nicht abhanden kommt, sie wären irgendwie auf Augenhöhe mit
ihren Arbeitgebern:
„Mindestlöhne sind in diesen Branchen
ein Instrument, um wieder
Waffengleichheit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern herzustellen.
Wem dazu nicht mehr einfällt, als die Floskel vom „staatlichen
Lohndiktat“, der hat nicht verstanden, worum es in Wahrheit geht“
– um den besorgten Citoyen Esslinger nämlich, der um die
loyalitätsstiftende Wirkung seines Fetischs ‚Tarifautonomie’ bangt und
Ersatz im „staatlichen Lohndiktat“ findet. So gebildet kann man Lesern
erklären, wofür ein Mindestlohn für Briefträger gut ist!
*
Darüber kann die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nur den
Kopf schütteln. In Frankfurt liest sich ‚Tarifautonomie’ schon immer
etwas anders. Dort verbindet man mit diesem Stück des
bundesrepublikanischen Inventars eher die Freiheiten und Rechte der
Bourgeoisie. Und die gerieten mit einer vom Staat verfügten unteren
Lohngrenze sehr in Gefahr. In ihrem Kommentar „Tarifpartner Staat“ vom
20.9. präsentiert die FAZ dem Leser eine eindrucksvolle Liste von
Opfern eines Post-Mindestlohns.
Erstens die Unternehmer:
„Die Tarifautonomie war einmal, von
nun an redet der Staat in der
Lohnfindung ein kräftiges Wort mit: Mit dem Kabinettsbeschluss nimmt
der Mindestlohnzug kräftig Fahrt auf, und es steht zu befürchten, dass
Branche um Branche die von den Tarifparteien ausgehandelten untersten
Lohngruppen vom Staat zum Standard erklärt werden, von dem kein
Unternehmen mehr abweichen darf.“
Wer möchte da noch etwas unternehmen? Da nützen die Arbeitgeber ihre
wohlverdiente unternehmerische Macht und schaffen ein Dutzend
Lohngruppen nach unten, und dann kommt der Staat daher und sagt, dass
man als Arbeitgeber von seiner untersten Lohngruppe nicht mehr nach
unten abweichen darf? Gemein! Und das, wo sich die betroffenen
Arbeitnehmer alles gefallen lassen!
Zweitens die kapitalistische Konkurrenz:
„Gerade die Auseinandersetzung um
einen gesetzlichen Mindestlohn für
den Briefträger zeigt, welche Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt
bevorstehen. Denn hier spielt ein ehemaliges staatliches
Monopolunternehmen seine beherrschende Stellung am Markt im
Arbeitgeberverband aus, um mit der Gewerkschaft einen
Mindestlohntarifvertrag auf europäischem Höchstniveau – neun Euro im
Osten, 9,80 Euro im Westen – abzuschließen ... So raubt der Staat den
Postkonkurrenten den wesentlichen Wettbewerbsvorteil geringerer
Personalkosten. Im Endeffekt wird damit das zum Jahresende auslaufende
Briefmonopol der Post verlängert.“
Monopol oder Kampf um ein Milliardengeschäft? Diese Frage geht jeden
Bürger etwas an. Denn nichts ist marktwirtschaftlich vernünftiger, als
dass von 2008 an drei oder vier Konzerne ihre Briefkästen aufstellen
und in die Schlacht ums Geldverdienen beim Briefzustellen ziehen.
Selbstverständlich müssen dann aber gerade die Newcomer in der neu
geschaffenen Geschäftssphäre auch alle Waffen der Konkurrenz haben, und
eine unverzichtbare ist in dieser arbeitsintensiven Branche eben die
Unterbietung des Lohnniveaus des Ex-Monopolisten bei der eigenen
Belegschaft. Aber wie sollen Springer und Co. da ihren Kapitalvorschuss
von mehreren hundert Millionen verwerten, wenn sie den eigenen
Beschäftigten glatt einen Lohn „auf europäischem Höchstniveau“ um das
Existenzminimum herum zahlen müssen? Wer übrigens immer noch glaubt,
das wären nur die Geschäftsaffären der höheren Art von drei mächtigen
Konzernen, vergisst einen weiteren Geschädigten.
Drittens der Verbraucher:
„Die Zeche zahlen die Verbraucher
durch höheres Porto.“
Von zehn Cent für den Standardbrief ist die Rede – das haut rein in den
Verbraucherhaushalten mit ihren Massensendungen!
Viertens die Wirtschaft überhaupt:
„… ’zehn Cent mehr für den Brief’
hält der SPD-Vorsitzende Beck im
Interesse auskömmlicher Löhne für gerechtfertigt. Die wahren Kosten des
Mindestlohns werden mit solchen Zahlenspielen demagogisch verniedlicht.
Niemand beziffert die Arbeitsplatzverluste, die sich durch
Wettbewerbsverzerrung nicht nur bei den Postkonkurrenten, sondern quer
durch die Wirtschaft ergeben. Schließlich fehlt das Geld, das die
Kunden zur Subventionierung höherer Postlöhne aufbringen müssen, an
anderer Stelle.“
Wenn für Deutschlands Unternehmer erst einmal das Porto billiger wird,
dann wird aber Kapital freigesetzt! Dann werden Arbeitsplätze
gestiftet, dass es kracht. Aber so, wenn die Konkurrenz um die Briefe
nicht in Gang kommt und das Geld der deutschen Wirtschaft für die
Portokasse draufgeht, gehen die schönen Arbeitsplätze alle wieder
verloren.
Damit hat auch die FAZ fünftens und schlussendlich die abhängig
beschäftigten Bürger unterer Qualifikation als Opfer eines Mindestlohns
entdeckt:
„Das Schutzversprechen des
Mindestlohns ist hohl, denn er
verschlechtert die Perspektiven gering Qualifizierter auf einen
Arbeitsplatz. Ihre Interessen werden mit der Mindestlohnpolitik der
großen Koalition erheblich verletzt.“
Aber das hatten wir ja schon, bei der Bild …