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Inhaltsverzeichnis
GegenStandpunkt 4-07
Nationale Debatte um das
Arbeitslosengeld
Ein öffentliches Lehrstück in Sachen ‚soziale Gerechtigkeit’ heute
Beck fordert Verlängerung von ALG I für ältere Arbeitslose
Ende September tritt der SPD-Vorsitzende Beck mit dem Vorschlag an die
Öffentlichkeit, aus Gründen der sozialen Gerechtigkeit solle die
Bezugsdauer des Arbeitslosengelds I für ältere Arbeitslose verlängert
werden: für über 45-Jährige von derzeit 12 auf bis zu 15 Monate; für
über 55-Jährige von bislang 18 Monaten auf bis zu 2 Jahre. Endlich hat
soziale Gerechtigkeit in diesem Lande wieder einen Inhalt! Nun wissen
wir, woran sie sich entscheidet: daran, dass die Betreffenden ein paar
Wochen länger ihr Leben und das ihrer Familien von ALG I finanzieren
dürfen; an genau drei bzw. sechs Monaten, um die für einen ausgewählten
Teil des Arbeitslosenheeres die Galgenfrist verlängert werden soll,
nach der auch für die Betreffenden der endgültige Absturz auf
Sozialhilfeniveau ansteht. Mit dieser bescheidenen Fristverlängerung,
gewährt auf der Grundlage der drastischen Verkürzung der Bezugsdauer
fürs Arbeitslosengeld I, die man mit dem Hartz IV-Gesetz durchgesetzt
hat, ist unter sozialen Gesichtspunkten wieder alles im Lot. Soweit der
schäbige Vorschlag selber.
Aus den noch viel schäbigeren Berechnungen, die seinem Vorschlag
zugrunde liegen, macht der Obersozi überhaupt kein Geheimnis. Im
Gegenteil. Er wirbt öffentlich mit ihnen für seine Initiative. Zum
einen erfährt man, dass die SPD ein „Glaubwürdigkeitsproblem“ zu
bewältigen gehabt habe, also etwas für ihr soziales Profil habe tun
müssen. Es ist nämlich so, dass Beck sich nach eigener Auskunft ständig
„in der Nähe von Betroffenen“
aufhält, und da hat er „eine gefühlte
Ungerechtigkeit aufgenommen.“ (SZ, 6./7.07) „Wir müssen schauen, wo der
Druck zu groß ist und wo er als ungerecht empfunden wird ... Diesen
Menschen kann ich nicht mit theoretischen Begründungen begegnen. Da
müssen wir nah bei den Menschen sein und Respekt vor ihren Leistungen
zeigen.“ (Zeit, Nr. 42) Ein eigentümlicher ‚Respekt’, den Beck
da den
Betroffenen der von seiner Partei mit zu verantwortenden Sozialpolitik
zollt: Recht geben will er deren ‚Gefühl’, schlecht behandelt zu
werden, keineswegs. Eher sieht er das schon so: Ohne Einsehen in die
höheren Notwendigkeiten dieser Politik hält die Mannschaft einfach ihre
Behandlung für ungerecht, bloß weil sie damit nicht zurechtkommt.
Allerdings kann es ihm und seiner Partei nicht einfach wurscht sein,
wie die Menschen im Land über ihn und seine Politik denken; schließlich
sollen sie nicht nur die politisch für notwendig erachteten Härten
klaglos hinnehmen, sondern auch noch die SPD unbeschadet aller
Maßnahmen als die ‚ihre’ wahrnehmen und der politischen Führung ihre
Stimme geben. Also hat er es sich zur Daueraufgabe gemacht, ihnen das
richtige Gefühl zu geben, und empfiehlt – in Konkurrenz zu
entsprechenden Vorschlägen von CDU-Mann Rüttgers ‑, ihrem
Gerechtigkeitsempfinden sogar ein bisschen nachzugeben, um ihnen zu
bedeuten, dass die SPD über die Empfindungen braver Bürger nicht
einfach hinweggeht. Mit der kleinen Korrektur für altgediente
Arbeitslose steht dann aber auch fest, was sie allenfalls an
‚Verständnis’ verdient haben; damit erledigt sich für Beck jedenfalls
endgültig jeder Einwand gegen die staatlich geregelte steile
Arbeitslosenkarriere nach unten in Richtung Existenzminimum.
Wie der SPD-Chef ebenfalls brühwarm mitteilt, hat er bei der
Ausgestaltung des sozialen Vorstoßes auch gleich mitbedacht, dass das
‚Reformwerk’, das die SPD
inzwischen gemeinsam mit der CDU
fortschreibt, keinen Schaden nimmt: Die Arbeitslosenbewirtschaftung
soll nichts von ihrem Zwangscharakter einbüßen; das
Erpressungspotenzial, das in möglichst knapp bemessenen und an tausend
Kautelen gebundenen Unterstützungsleistungen steckt und das man mit der
Durchsetzung der Agenda-Reformen erfolgreich gegen die Arbeitslosen in
Anschlag gebracht hat, soll bei allem „Respekt vor den Leistungen“ der
Menschen seine volle Wirksamkeit behalten. In der Hinsicht braucht er
sich nichts vorwerfen zu lassen, wie Genosse Beck klarstellt. Erstens
hat er volles Vertrauen in die Klientel, der er da ‚soziale
Gerechtigkeit’ widerfahren lässt; die weiß ohnehin aus Erfahrung,
worauf es für ihresgleichen ankommt: „Menschen,
die bis zu ihrem 45.
oder 50. Lebensjahr gearbeitet haben, muss ich nicht dauernd ermahnen:
Arbeitet!“ Und zweitens und überhaupt dient seine Korrektur nur
dazu,
dass das Arbeitsvolk mit den Zumutungen, die er und seinesgleichen ihm
keinesfalls ersparen wollen, besser fertig wird: „Ein Bogen, der aufs
Äußerste gespannt ist, kann ein bisschen nachgeben, ohne die Spannung
zu verlieren.“ (Zeit, Nr. 42)
Die Öffentlichkeit reagiert prompt besorgt: Nationale Reformpolitik
in
Gefahr!
Mit seinem Vorschlag tritt Beck eine heftige Debatte los. Die
Öffentlichkeit hält nämlich mehrheitlich von seinem Vorschlag gar
nichts. Die demokratischen Begutachter teilen zwar voll und ganz die
Gesichtspunkte, die Beck zur Kenntnis bringt, sehen sie aber keineswegs
zufriedenstellend berücksichtigt. Im Gegenteil: Sie machen sich Sorgen
um das ‚Kernstück’ der nationalen ‚Reformpolitik’. Diese Sorgen geben
sie deutlich zu Protokoll und damit ein paar unmissverständliche
Auskünfte, wie verantwortlich denkende Demokraten die ‚soziale Frage’
heutzutage politisch korrekt verstanden und beantwortet wissen wollen.
Keine wirtschaftsschädliche Zweckentfremdung von Geldern der
Arbeitslosenkassen!
Eine Zweckentfremdung der Beiträge der Arbeitslosenversicherung liegt
nach ziemlich einheitlicher öffentlicher Auffassung nämlich vor, wenn
das Geld dem Zweck zugeführt wird, dem diese staatliche Einrichtung
ihren Namen verdankt. Die Sozialkasse hat sich mit den eingezahlten
Beiträgen angesichts von ein paar Millionen Arbeitslosen nicht um die
finanziellen Überlebenssorgen der Entlassenen zu kümmern, sondern um
die Kostenentlastung für diejenigen, die gemäß ihrer unternehmerischen
Gewinnrechnung massenhaft Leute überflüssig machen und entlassen. Ganz
unvoreingenommen zitiert die SZ in diesem Sinne den
CDU-Generalsekretär: „Vorrang müsse
eine weitere Senkung des Beitrags
zur Arbeitslosenversicherung haben. Dies kostet pro Prozentpunkt etwa
7,5 Mrd. Euro.“ (SZ, 31.10.) Da nicken öffentliche Kommentatoren
nur
mit dem Kopf, wenn die Politik angesichts gewachsener
Arbeitslosenzahlen beschließt, dass die Sozialfälle für ‚die
Wirtschaft’, die sie schafft, nicht mehr hinnehmbare ‚Lohnneben’-Kosten
darstellen und auch die Arbeitslosenkasse neben anderen in den Dienst
der Lohnkostensenkung gestellt gehört. Die unabhängigen
Journalistenköpfe lassen sich da ganz selbstverständlich von der
staatlichen Kassenlogik leiten, nach der die Zunahme der arbeitslosen
und anderen Bedürftigen eine zunehmend unerträgliche Last für Staat und
Wirtschaft darstellen. Wenn durch die einschlägigen politischen
Reformen die Arbeitslosenbezüge zusammengestrichen werden und die
Arbeitsagentur Milliardenüberschüsse ansammelt, dann steht damit fest,
dass hier das finanzielle Potential für weitere wirtschaftsförderliche
Werke vorhanden ist und genutzt werden muss. Dafür kann man schließlich
sogar einen SPD-Parteitagsbeschluss zitieren: „Der Beitrag zur
Arbeitslosenversicherung soll von 4,2 auf 3,5 Prozent des
Bruttoentgelts gesenkt werden.“ (SZ, 28.10.) Solche
Verlautbarungen
sind nach Meinung des liberalen Blattes keineswegs – womöglich
kritikable - politische Absichtserklärungen, sondern ein unverrückbares
Gebot wirtschaftlicher Vernunft, dem die Politik gefälligst konsequent
zu gehorchen hat. Alles, was nicht dem Imperativ ‚Lohnkosten runter!’
verpflichtet ist, ist verkehrt: ein einziger Anschlag auf unser aller
Sorgeobjekt, die Wirtschaft, d.h. die Gewinnrechnungen der Unternehmer,
die unter anderem für die Millionen Arbeitslose sorgen. Die vertragen
keine ‚kostentreibenden’ sozialen Rücksichten - auch wenn es sich nur
um ein paar hundert Millionen aus den Überschüssen der Kasse handelt,
die hier besonders hart betroffenen Sozialfällen zugute kommen sollen.
Mit seiner „Arbeitslosengeld-Attacke“,
so die Auskunft, werde Beck „die
Abkehr vom Reformkurs einleiten und damit den Aufschwung gefährden.“
(SZ, 4.10.) „Die Politik hat damit
begonnen, die psychologischen
Bedingungen des Aufschwungs zu zerstören.“ (Zeit, Nr. 42)
Keine Abstriche vom segensreichen Erpressungswerk Hartz IV!
Noch etwas wird nach Auffassung der Öffentlichkeit durch das
verlängerte Arbeitslosengeld empfindlich gestört: der Druck, den der
beschleunigte Abstieg auf Sozialhilfeniveau auf die Arbeitslosen
ausübt. Wenn Arbeitslose sich gezwungen sehen, für so ziemlich jeden
Preis Arbeit anzunehmen und Unternehmer dementsprechend frei mit
Billigarbeitskräften kalkulieren, dann ist das kein Skandal, sondern
eine Errungenschaft, die man gar nicht genug herausstreichen kann. Der
‚Stern’ findet es erfreulich, „dass sich Arbeitslose intensiver als
früher um einen Job bemühen, weil sie Hartz IV fürchten wie ein
Damoklesschwert.“ Und die SZ lässt Experten zu Wort kommen, die nur
bestätigen können, „dass viele
Erwerbslose heute engagierter als früher
eine neue Stelle suchen und dass sie zu mehr Abstrichen bei Gehalt und
Ansprüchen an den Job bereit seien.“ (SZ, 10.10.) Die
Gleichsetzung von
Erpressung durch die Not einer staatlich regulierten
Arbeitslosenexistenz mit persönlichem Engagement, von Zwang zum
Lohnverzicht mit einsichtiger Verzichtsbereitschaft lässt aufgeklärte
Journalisten selbstverständlich nicht an der wissenschaftlichen
Redlichkeit zweifeln, sondern geht als fachmännischer Beweis für den
Segen von Hartz IV durch. Drei bis sechs Monate verlängerte
Arbeitslosenbezüge dagegen sind ein Skandal, weil eine einzige
Einladung zum Schmarotzertum und ein Freibrief für unsoziale
Drückebergerei, da sind sich Politiker und Journaille einig: „Die
Verkürzung hat ja funktioniert, und es ist ein grober Missbrauch von
Sozialleistungen, wenn jemand der Arbeit aus dem Weg geht.“
(Huber,
CSU, bei Anne Will, 28.10.) „Die
Verlängerung hingegen nimmt den
Druck.“ (Stern, Nr. 42)
Auch wenn Beck auf Nachfragen klarstellt, dass sein Vorschlag an den
‚Engagement’-förderlichen Nöten der Arbeitslosen nichts grundsätzlich
ändern will - „man muss den Druck
aufrechterhalten auf diejenigen, die sonst ihre Eigenverantwortung
nicht wahrnehmen“ (Zeit, Nr. 42) –, die kritischen Begutachter
wittern schon bei ein paar Hundert Euro mehr die Gefahr, dass es sich
Arbeitslose im Elend dauerhaft gemütlich machen. Sie machen keinen Hehl
daraus, dass sie das Arbeitslosenvolk für einen Haufen widerspenstiger
Nichtstuer halten, denen man nicht den Hauch einer Chance lassen darf,
sich nicht um Arbeitsplätze reißen zu müssen. Je weniger Aussicht auf
einen ordentlichen, halbwegs festen Job der Mensch hat, umso mehr muss
er bereit sein, Lohnansprüche aufzugeben – als ob es an der fehlenden
Bereitschaft läge, dass so viele nicht in Arbeit kommen. So wird den
Betroffenen das staatliche Kostensenkungsprogramm noch als
Motivationshilfe für den unerlässlichen Lohnverzicht anempfohlen, der
ihnen so schwer fällt und deshalb von außen aufgenötigt werden muss.
Jede Einsparung ist mithin soziale Tat, der Beck-Vorschlag aber ein
Anschlag auf die einzige soziale Errungenschaft, auf die Arbeitslose
einen Anspruch haben – ‚Beschäftigung’.
Vorsicht vor falschen sozialen Gerechtigkeitsvorstellungen!
Man kann das natürlich, das wollen die Kommentatoren gar nicht
bestreiten, auch anders sehen, je nachdem, von welchem
Politikverständnis man ausgeht. Die Süddeutsche hat da in der SPD zwei
widerstreitende Ansichten, „zwei
Arten von Gerechtigkeit“ ausgemacht und sieht darin die tieferen
Wurzeln für deren Auseinandersetzung um die Materie: „Beck und Müntefering haben
unterschiedliche Auffassungen zum Arbeitslosengeld“ (SZ,
6./7.10.) und damit über die Wirkungen von Hartz IV: „Die einen sehen darin den Erfolg der
Agenda-2010-Politik, die anderen warnen, die Menschen seien immer
leichter auszubeuten und zu erpressen.“ (SZ, 4.10.) Für
Letzteres soll ausgerechnet Beck mit seiner Initiative stehen – und
über diese kritische Einstellung, die der Mann Beck andichtet, kann er
nun aber wiederum nur den Kopf schütteln: Er „schützt damit keinen Arbeitsplatz. Aber er
glaubt, dass er den von Arbeitslosigkeit bedrohten Menschen wenigstens
mehr Sicherheit vermittelt ... Der gefühlten Ungerechtigkeit stellt
Beck eine gefühlte Sicherheit entgegen.“ (SZ, 6./7.10.) Dass
Becks Initiative selbstverständlich davon ausgeht, dass die
Arbeitskräfte Manövriermasse des Kapitals sind und bleiben sollen und
durch den Vorstoß insofern auch kein bisschen an Existenzsicherheit
gewinnen, stellt sich dem Kommentator ganz anders dar: Da beweist ein
Politiker mit der Absicht, fürs Arbeitsvolk mehr Existenzsicherheit zu
stiften, nur seine weltfremden sozialen Illusionen gegenüber der
‚Realität’. Was Beck sich da vornimmt, ist einfach unmöglich, die
versprochene Sicherheit nur eine scheinhafte! Denn was die Menschen
eigentlich brauchen, Arbeitsplätze, kriegen sie eben nur, wenn sie
„immer leichter auszubeuten und zu erpressen“ sind und auf „Sicherheit“
verzichten. Das mag man moralisch bedenklich finden, aber daran führt –
vernünftig gesehen – einfach kein Weg vorbei: „Politisch handelt es sich um ein Lehrstück
in Kurzsichtigkeit, ökonomisch ist es einfach Unsinn“, (SZ,
10.10.) was Beck da vorschlägt ‑ und insofern natürlich letztlich auch
überhaupt nicht wirklich ‚sozial’.
Wer soll das bezahlen! Und überhaupt: Wer hat hier eigentlich was
zu
fordern!
Im Gegenteil - Beck schürt wider besseres Wissen Illusionen über den
Charakter des Sozialstaats: „SPD-Chef
Beck weiß, dass es sich bei der Arbeitslosenversicherung nicht um eine
Anspar-, sondern um eine Risikoversicherung handelt. Die Auszahlung
erfolgt nicht entsprechend der Einzahldauer, sondern ... wenn der
Versicherungsfall eintritt.“ (SZ, 10.10.) Soweit hat die SZ
allerdings recht: Bei der Sozialkasse handelt es sich wirklich um keine
private Versicherung mit einem geregelten Verhältnis von Einzahlungen
und damit erworbenen Auszahlungsansprüchen. Hier sind Einzahlungen
Pflicht, und wann welche Anrechte auf Leistungen der Versicherung
bestehen, das ist staatlicher Beschluss; und mit Hartz IV ist auch die
vormals für Arbeitslose geltende begrenzte Koppelung der Anrechte an
die Einzahlungsdauer weiter gekappt worden. Dass aber ausgerechnet die
staatliche Freiheit, mit den neuen Hartz-IV- und anderen
Kassenbestimmungen den Sozialfällen unter Standortgesichtspunkten ein
neues Armutsniveau zuzudiktieren, ein unverrückbares Sachgesetz
darstellt, das durch jede noch so minimale politische Korrektur an den
beschlossenen Einschränkungen der Leistungsanrechte fundamental
verletzt wird: Darauf kommt nur jemand, der die beschlossenen
Verschärfungen und Leistungskürzungen der letzten Jahre absolut in
Ordnung findet. Der findet es auch „völlig logisch“, dass „der
Versicherungsbeitrag sich schnell verdoppeln“ würde, wenn die
Begünstigten „höhere Ansprüche“
entwickeln. (SZ, 10.10.) Zwar geht es in Wahrheit nur um punktuelle
Abstriche von einer staatlichen Streichorgie in Sachen Arbeitslosengeld
und keineswegs um laufend ‚höhere Ansprüche’; im übrigen hat sich der
Sozialstaat nie daran hindern lassen, Beiträge zu erhöhen, wo er es für
nötig und im Hinblick auf die Wirtschaft für tragbar gehalten hat. Aber
das alles zählt nicht, weil der Kommentator das Dogma von den
‚ausufernden’, unbedingt einzudämmenden Soziallasten noch radikaler
vertritt als die Politiker selber, die es zur praktischen Leitlinie
ihrer Sozialpolitik erhoben haben.
Von diesem Dogma wird auch nicht abgerückt, wenn sich in der
öffentlichen Diskussion Befürworter einer Nachjustierung der
Arbeitslosengeld-I-Bezugszeiten melden. Wenn überhaupt, dann braucht es
„seriöse Finanzierungsvorschläge“, da kann die Öffentlichkeit
Wortmeldungen der CDU nur zustimmen: „Die
längere Unterstützung sollte durch kürzere Leistungen für junge
Arbeitslose kompensiert werden“ betet die SZ (18.10.) deren
Forderung nach und lässt zustimmend die Kanzlerin zu Wort kommen: „Eine längere Auszahlung an Ältere geht
dann zwar auf Kosten jüngerer Arbeitsloser, sagte die Kanzlerin. Junge
Menschen fänden aber auch schneller wieder eine Stelle als ältere.“
(SZ, 22.10.) So gerät die Debatte über ‚soziale Wohltaten’ für Ältere
unversehens zum Forderungskatalog. Mit zusätzlichen Streichungen bei
der anderen Arbeitslosenklientel ist es da keineswegs getan. Außer dass
der „Umbau beim ALG I auf keinen Fall mehr kosten“ darf, fällt da den
Christdemokraten und ihren öffentlichen Sympathisanten wieder einmal
ein, was ihnen immer einfällt, wenn es um die eigentliche soziale
Aufgabe geht, die ansteht ‑ die Schaffung von Arbeitsplätzen: „Außerdem sollte er durch Einschnitte etwa
beim Kündigungsschutz flankiert werden.“ (SZ, 18.10.) Alles
klar: Recht besehen haben nicht Arbeitende und Arbeitslose angesichts
der Unternehmerfreiheiten Bedarf nach staatlichen Schutzrechten,
sondern Unternehmer haben Anspruch auf Befreiung von immer noch
existierenden sozialstaatlichen Einschränkungen! Den Unternehmern das
Entlassen noch einfacher zu machen, das sichert Beschäftigung!
‚Wohlfühlpolitik’, unmöglich!
Beck kann noch so sehr beteuern, an Hartz IV, der Agenda 2010 und am
ganzen prinzipiellen Standpunkt in Sachen ‚Sozialreformen’ nichts
umwerfen zu wollen – die Öffentlichkeit weiß es besser. Da werden nicht
berechnend ein paar erbärmliche Korrekturen vorgeschlagen, sondern die
Politik setzt mutwillig einen heillosen Teufelskreis in Gang, dessen
sie nicht mehr Herr wird: „Als
nächstes kommt die Rente mit 67 ... und bis zur als Sklavenarbeit
verpönten Leiharbeit ist es nicht mehr weit, obwohl diese in den
vergangenen Jahren notwendige Flexibilität in den Arbeitsmarkt gebracht
hat. All diese Maßnahmen haben eines gemeinsam: Sie lasten den
Unternehmen und den öffentlichen Kassen neue Lasten auf.“ (SZ,
10.10.) Drei Monate etwas mehr Arbeitslosengeld für ziemlich chancenlos
Ausgemusterte ‑ und die intellektuellen Meinungsführer der Nation sehen
das Schlimmste heraufziehen, was sie sich vorstellen können, nämlich
dass „nun ein Wettbewerb darum tobt, wer am schnellsten alte Zumutungen
abräumen und wer am freigebigsten neue Wohltaten verteilen kann.“
(Zeit, Nr. 42) „Wir erleben einen
Wettlauf von der Zumutungs- zur Wohlfühlpolitik“ (Stern, Nr. 42)
Dass in diesem Lande keine „Wohlfühl-“, sondern eine „Zumutungspolitik“
das einzig national Verantwortliche ist, halten demokratische
Pressevertreter nicht für einen Offenbarungseid, sondern für ein
Gütesiegel. Nach ihrer Auffassung haben nämlich nicht Beschäftigte und
Sozialfälle mit den staatlich durchgesetzten Verschlechterungen ihrer
Lohnarbeitsverhältnisse zu kämpfen, sondern der Staat hat sich lauter
Begehrlichkeiten seiner Billiglohn- und Sozialopferbevölkerung zu
erwehren. Staatsverantwortlicher als die Staatsverantwortlichen klagen
sie, da kennen sie keine Scheu, mehr Rücksichtslosigkeit der
politischen Führung ein und vermissen die notwendige politische
Entschlossenheit. In jedem Abstrich von den „Zumutungen“, die sie für
unbedingt notwendig erklären, sehen sie gleich das ganze nationale
Reformwerk in Frage gestellt durch Politiker, die sich – offensichtlich
undenkbar für Demokraten – der Masse beugen, statt ihr zu widerstehen: „Wir erleben den Zusammenbruch von
Reformpolitik ... Wir erleben den Triumph des Opportunismus.“
(Stern, Nr. 42) „Hat Beck „den
Konsens der Großen Koalition aufgekündigt, dass man gemeinsam ... auch
Härten tragen wolle?“ (SZ, 10.10.) Das Entgegenkommen, das sie
Beck andichten, ist in ihren Augen verderblicher „Opportunismus“. Die
„Härten“, die weder Beck noch die anderen regierenden Koalitionäre
„tragen“, sondern dem Arbeitsvolk verordnen, gelten dagegen als
ehrliche und mutige Politik, wie wenn die rücksichtslose Wahrnehmung
der politischen Kommandomacht eine angesichts eines uneinsichtigen
Volks schwer zu tragende Bürde wäre. Offensichtlich ist den
Propagandisten einer konsequenteren „Zumutungspolitik“ das
widerstandslose Zusammenstreichen all dessen, was mal als
Errungenschaft einer ‚sozialen Marktwirtschaft’ gegolten hat, zu Kopf
gestiegen.
Parteienprofilierung, aber immer! Doch gefälligst ohne Korrekturen
am
Verarmungsprogramm!
Als gebildete Demokraten haben sie für die parteipolitischen
Berechnungen, die Beck seinem Vorschlag mit auf den Weg gibt,
andererseits jede Menge Verständnis. Dass man als Partei erfolgreich um
die Machtposten konkurrieren muss, dass man sich dafür ein zugkräftiges
‚Profil’ zulegen muss, um die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen, dass
Wahlerfolg der demokratische Lebenszweck und das oberste Gütesiegel
einer ordentlichen Partei ist, dass kein politischer Beschluss ohne
solche Berechnungen zustande kommt: Dass alles ist den ideellen
Politprofis nicht nur bekannt; das finden sie in Ordnung, deswegen
begutachten sie kennerisch die Konkurrenzmanöver der praktischen
Akteure und deren Erfolgsaussichten. Und was das angeht, da geben sie
Beck völlig Recht, hat die SPD enormen demokratischen Handlungsbedarf,
denn um sie steht es nicht zum Besten. Andere machen ihr das
Firmenschild einer ‚sozialen’ Partei erfolgreich streitig: „Die Ergebnisse der Umfragen sind
grottenschlecht, von links fischt die Lafontaine-Partei, von rechts
christdemokratische Arbeiterführer.“ (Stern, Nr. 42) Die
Fachleute für Öffentlichkeitsarbeit nehmen Anteil an dem Dilemma der
großen Volkspartei, dass sie sich mit der Durchsetzung der Agenda 2010
bei den Wähler nicht gerade beliebt gemacht hat: „Die SPD leidet furchtbar daran, dass sie
einen Teil ihrer Agenda-Politik der Bevölkerung nie hat plausibel
machen können“ (SZ, 8.10.) Ehrlich mitfühlend oder hämisch
geheuchelt betrachten die Kommentatoren die politischen Macher als
Leidtragende ihrer eigenen Rücksichtslosigkeit beim Regieren – und
können ihnen den Vorwurf nicht ersparen, selber daran mit Schuld zu
sein. Die Politik geht voll in Ordnung, doch fehlt es der SPD an der
Kunstfertigkeit, sich mit den sozialen Einschnitten wählerwirksam zu
präsentieren.
Die SPD hat sich also um ihr ‚Vermittlungsproblem’ sprich um die
Wählergunst zu kümmern und ihr „soziales Profil“ zu schärfen. Denn ein
besseres Image, das braucht es natürlich! Aber bitte ‚verantwortlich’,
ohne Abstriche von der Agenda-Politik, die die Koalition auf ihre
Fahnen geschrieben hat und jetzt von der Öffentlichkeit als
verpflichtende Staatsrichtlinie vorgerechnet bekommt. Und nicht so, wie
Beck: „Beck ... hofft, durch
vermeintlich soziale Wohltaten die Mitglieder und Wähler zu besänftigen
und die SPD nach links zu rücken.“ (FAZ, 25.10.) Soweit die
ideellen Parteitaktiker aus den Redaktionsstuben die Linkspartei im
Auge haben, deren Klientel die große Volkspartei besser an sich binden
soll, halten sie als Mittel zum Zweck zwar eine Portion ‚Populismus’
für erlaubt; gar nicht leiden können sie aber, wenn für sie der
Eindruck entsteht, die SPD würde besagten „Wettlauf von der Zumutungs-
zur Wohlfühlpolitik“ gewinnen wollen. Das „Wässern der sozialen
Wurzeln“, das wäre „teure Kosmetik für das soziale Profil der SPD“; das
ist kurz gesagt „Populismus statt Politik“.(Anne Will) Eine bessere
Selbstdarstellung als Partei, die sich um den Bürger kümmert, der es
schwer hat, zurechtzukommen, natürlich! Aber bitte mit dem Argument,
das der Öffentlichkeit einzig sachgerecht erscheint: Wählt uns, weil
alles, was wir Euch aufnötigen, notwendig ist und letztlich Euch und
Euren Arbeitsplätzen dient! Sozialer Friede ohne schädliche soziale
Versprechungen: Das muss doch wohl zu haben sein! Wenn ein SZ-Redakteur
den sozialen Kahlschlag voll und ganz „plausibel“ findet, wird sich das
doch wohl auch noch den Betroffenen verständlich machen lassen!
Dabei berufen sich die Kritiker bereitwillig auf warnende Stimmen aus
den Reihen der SPD selber, die öffentlich für sozialdemokratische
‚Prinzipienfestigkeit’ in Sachen ‚Reform’ plädieren und fordern, „an der Agenda dürfe nicht gerüttelt werden.“
Insbesondere Müntefering und Clement insistieren in aller
Öffentlichkeit darauf, dass an die Arbeitsmarktreformen nicht gerührt
werden darf. Die betrachten sie nämlich als eine der ganz großen
Fortschrittsleistungen der SPD, an der es festzuhalten gilt – solche
„Konsequenz“ macht die Partei „glaubwürdig“. Erstens weil auch sie auf
dem Standpunkt stehen, dass es hier ums Prinzip geht: Wehret den
Anfängen, da sonst „aus der Agenda
2010 Stein um Stein herausgebrochen wird“. Zweitens weil es für
sie wie andere SPD-Obere für wenig erfolgversprechend ist, der
Linkspartei so begegnen zu wollen: „Als
‚völlig falsch‘ bezeichnete Bullerjahn Becks Pläne. Er warnte den
Parteichef davor, aus rein taktischen Gründen den Kurs zu ändern. ‚Wir
können die Linkspartei niemals links überholen‘“ (SZ, 6./7.10.)
‑ ein schlagender Einwand, wenn Stimmenfang als Argument zählt.
Drittens, weil die Streichung von Arbeitslosengeldern samt anderen
solchen Sozialstaatsreformen bekanntlich das Lebenswerk des großen
Sozialdemokraten Schröder ist, also per se ein Gütesiegel der Partei
darstellt. Viertens weil man sich ja gerade als Partei aufgestellt hat,
die mit solchem Reformradikalismus den Wirtschaftsstandort Deutschland
voranbringt und erfolgreich den Standpunkt vertritt, dass sozial ist,
was Arbeit schafft.
SPD und Deutschland am Scheideweg!
Die SPD zerstreitet sich über der Frage, ob man zur Schärfung des
sozialen Profils der Partei einen symbolischen Akt in Richtung
‚Würgegriff lockern‘ inszenieren soll, oder ob dies genau die verkehrte
Weise ist, sich zu positionieren – da ist die demokratische
Öffentlichkeit in ihrem Element: In solchen öffentlich ausgetragenen
Grabenkämpfen um erfolgreiche Wählerbetörung und Führungsansprüche
stehen die Grundsätze des nationalen Erfolgsweg zu Debatte; da wird um
die Richtlinien verantwortlicher deutscher Politik gestritten, da geht
es um Prinzipienfragen, welchen ‚Stellenwert’ das Soziale im Zeitalter
der globalen Herausforderungen noch haben kann und soll. Mit solchen
Deutungen nimmt die Journalistenmannschaft kritiklos Maß an der
Selbstdarstellung der konkurrierenden Parteipolitiker, die schwer an
ihrer Verantwortung für das Wohl des Landes tragen, und wertet deren
Konkurrenzaffäre zur nationalen Schicksalsfrage auf. Sie glaubt der
Beckschen Propaganda aufs Wort, versteht seinen Vorstoß wie einen
generellen politischen Richtungswechsel und verkündet ein paar Wochen
lang täglich: „Es geht um die
Richtung des Landes“! Sie entdeckt allen Ernstes einen
„kollektiven Run nach links“ (Zeit, Nr. 42) und sieht sich aufgerufen,
zu warnen. Als Fanatiker der inzwischen durchgesetzten Lesart von ‚Reform’ halten die öffentlichen
Beobachter die Regierenden glatt für fähig, aus lauter
parteipolitischen Berechnungen die Staatsnotwendigkeiten zu verraten,
die sie doch selber zur national verbindlichen Direktive erhoben haben.
Quer durch alle Zeitungen wägen sie kritisch ab, ob hier Deutschland in
die richtige Richtung vorankommt oder durch falsche Freigiebigkeit
gegenüber dem Volk geschädigt wird, und begutachten zugleich
teilnahmsvoll die spannende Frage, ob die SPD diese „Zerreißprobe“
aushält und welche ihrer Führungsfiguren unbeschädigt aus der Affäre
herauskommt. So bekommt Becks Vorstoß dank einer einfühlsamen
Öffentlichkeit den Charakter, der demokratisch Sinn macht.
Der demokratische Ertrag: Ein neues soziales Profil der SPD
Die Christdemokraten lassen die Gelegenheit nicht verstreichen, aus
Sorge um Deutschland in aller Öffentlichkeit vor dem neuen gefährlichen
Irrweg ihres Koalitionspartners so gründlich zu warnen, wie die Sache
es ihrem Selbstdarstellungsbedürfnis gemäß verdient: „Die Kanzlerin sieht den Koalitionspartner
auf dem Weg zum Sozialismus à la DDR“ (Anne Will)– und der ist
ja bekanntlich abgrundtief schlecht und erledigt.
Die Mehrheit der SPD hingegen feiert Becks Idee und ihren Schöpfer auf
dem Parteitag als neues Gütesiegel der SPD: „Mit einer langen Rede hat
Parteichef Kurt Beck die SPD auf seinen Kurs eingeschworen ... Die SPD
sei das Maß, an dem sich die anderen orientieren müssten, sagte Beck
auf dem Hamburger Parteitag. ‚Die SPD
ist Benchmark für Gerechtigkeit, für Erfolg und für eine friedliche
Zukunft‘, rief Beck den Delegierten des Parteitags in Hamburg
zu. Die Sozialdemokratie bestimme ihren Weg selbst "und sogenannte
Linke oder vorübergehende Verbal-Sozialdemokraten, die müssen sich
wieder an uns messen", sagte er. Wieder einmal steht die SPD also
tatkräftig für Besseres ein und bricht auf zu neuen gerechteren, linken
Ufern – mit Hartz IV und allen beschlossenen sozialen Einschnitten hin
zum „demokratischen Sozialismus“.
So haben wir uns den schon immer vorgestellt!