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GegenStandpunkt 3-04
Von der sozialstaatlichen Neuregelung
der Armut
und vom internationalen Vergleich der Arbeitslöhne
Ende Juni ist es soweit. Regierung und Opposition haben in einem
Gemeinschaftsakt der Nation endlich mit dem „Großprojekt Hartz IV“ den
Ruck auf dem Arbeitslosenmarkt beschert, nach dem alle maßgeblichen
In-stanzen seit Jahr und Tag seufzen. Gleichzeitig organisieren
Deutschlands Unternehmer, allen voran die führen-den Großbetriebe, mit
der Drohung eines Standortwechsels neue Lohn- und Leistungsverhältnisse
in ihren Be-trieben, bestehen Daimler, Siemens, VW und andere auf mehr
Arbeit für weniger Lohn – und sparen damit be-zahlte Arbeit, also
„Arbeitsplätze“ ein. Die Staatsagenten aller Couleur werden ihrerseits
tätig im Sinne einer Neubestimmung der nationalen Bedingungen, unter
denen das Arbeitsvolk hierzulande Arbeit verrichtet und Lohn verdient
oder auch nicht. Der radikale Umbau der überkommenen
Sozialstaatsregelungen in Sachen Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit
wird vorangetrieben, nach dem Motto, dass für Staat und Unternehmer die
Lasten des Sozialen nicht mehr tragbar sind. Politische Regelungen
bezüglich Arbeitszeit, Kündigung usw. wer-den als ein einziges Hemmnis
für unternehmerische Erfolge in Frage gestellt.
Die Kreise, die schlicht „die Wirtschaft“ repräsentieren, sowie die
Staatsagenten, die sich um „unser nationa-les Wachstum“ sorgen, sind
sich einig: Ohne grundsätzliche ‚Reformen’ der einzelnen Unternehmen
wie des Standort Deutschlands insgesamt geht es nicht voran – mit dem
„Wachstum“, von dem „wir alle“ abhängen: der Staat mit seinem Haushalt,
vor allem aber das arbeitssuchende Volk mit seinem Bedarf an
„Arbeitsplätzen“. Es wird also nicht verschwiegen, dass dieses Gut, um
das angeblich alle Bemühungen kreisen, kein Versprechen, sondern einen
Forderungskatalog beinhaltet, dessen Erfüllung Wirtschaft und Politik
keineswegs denen überlas-sen, die an solchen Plätzen arbeiten sollen
und wollen. Und es wird auch kein Hehl daraus gemacht, woran das liegt:
Der Standort muss konkurrenzfähig bleiben bzw. noch ganz anders als
bisher werden, um aus der „Krise“ zu kommen. Immerhin ein Auskunft
darüber, dass die Standortverwalter sich dem Auftrag verschrieben
haben, den Kapitalisten auf ihrem Standort und von ihm aus unschlagbar
gute Bedingungen für erfolgreiches Konkur-rieren zu stiften. Und ein
Bekenntnis dazu, dass dabei nach geltender Auffassung der
rücksichtslosen Senkung der Lohnkosten die alles entscheidende
Bedeutung zukommt, die Bedürfnisse der „Arbeitnehmer“ daher
zurückzustehen haben hinter dem Bedarf der „arbeitgebenden“ Unternehmer
an rentabler Arbeit.
Das bekommen die Gewerkschaften, vor allem aber die nicht wenigen zu
hören, die sich zumal im Osten enttäuscht zu Wort melden und im Namen
des Volkes nach einer besseren Behandlung und irgendeiner Einlö-sung
des Arbeitsplatz-Versprechens verlangen, das ihnen Politik und
Wirtschaft einmal gegeben hätten. Aller-dings bekommen sie noch ganz
anderes zu hören: dass nämlich das noch so matte Verlangen nach
irgendeiner „gerechteren und sozial verträglicheren“ Regelung der
„notwendigen Reformen“ unter ungehörigen „Populismus“ zählt, dass sich
Demokratie und Anspruchsdenken von unten nicht miteinander vertragen,
dass also Zu-stimmung und nicht Beschwerde ansteht, wenn die Führung
die nützliche und unnütze Armut ihres Volkes sor-tiert und regelt;
schließlich ist sie demokratisch gewählt. So erhält das Volk zu den
Auskünften über die Erfor-dernisse der freien Marktwirtschaft auch noch
eine Lektion in Sachen Demokratie gratis mitgeliefert.
Der Fanatismus, der die Wirtschafts- und Sozialstaatspolitik von einer
„Strukturreform“ zur nächsten treibt, ist keineswegs bloß eine deutsche
Errungenschaft. Auch andere Nationen arbeiten mit einschlägigen
Methoden daran, sich in der internationalen Standortkonkurrenz neu und
erfolgreich zu behaupten und verweisen ihrerseits auf die „Sachzwänge“
der Globalisierung, die einschneidende Maßnahmen unerlässlich machen –
jedenfalls was die Lebens- und Arbeitsumstände ihrer
Lohnarbeitermannschaft angeht.
Der GEGENSTANDPUNKT widmet dieses Heft
deshalb nicht nur den Fortschritten der Sozialpolitik in Deutschland
und den Konsequenzen, die Gewerkschaft und betroffenes Volk daraus
ziehen. Er behandelt nicht nur die theoretischen Dummheiten und
Gemeinheiten, mit der eine parteiergreifende Öffentlichkeit für eine
neue passende Moral im Land sorgt. Er legt auch in Fortsetzung zum
letzten Heft die Prinzipien und Vorgehenswei-sen dar, mit denen andere
europäische Länder sich entsprechend in der Standortkonkurrenz der
Nationen aufstel-len. Und er handelt „Vom internationalen Vergleich der
Arbeitslöhne in den Zeiten von Krise und Antiterror-Krieg“, behandelt
also die kapitalistischen Gründe und imperialistischen Perspektiven,
denen diese nationalen Konkurrenzprogramme gehorchen, an denen sich
jeder Ruf nach mehr ‚sozialer Gerechtigkeit’ blamiert.
©
GegenStandpunkt Verlag 2004