Titel.pdf | Titel.eps | Plakat.pdf | Werbetext.rtf | Werbetext.pdf| Inhalt.pdf | Inhalt.txt

GegenStandpunkt 4-03


Die Mehrheit der professionellen Begutachter in Europa, und in Deutschland schon gleich, ist befremdet über die Militanz, mit der die USA die Staatenwelt neu zu ordnen beginnen. Andere stellen immer noch und immer wieder die von Amerika ausgegebene Kriegsbegründung in Frage und entdecken ein paar Lügen und dahinter niedere Motive. Oder man bezweifelt den Erfolg amerikanischer Nachkriegsbemühungen im Irak; angesichts der täglichen Anschläge und Toten sieht man sich zur Skepsis berechtigt, ob es Amerika gelingt, ‚Frieden' und ‚Demokratie' zu stiften. Man ist erfreut über kritische Stimmen aus den Vereinigten Staaten, die am ‚stupid white man' im Weißen Haus die politische Verantwortlichkeit vermissen, und verbucht sie als Ausweis der Berechtigung zu eigener, europäischer Kritik am Vorgehen der Supermacht.

Bei all diesen Zweifeln und Einwänden nimmt die kritische Öffentlichkeit keinen Augenblick Abstand von der Vorstellung, es ginge erstens darum, gemeinsam einer um sich greifenden ‚Bedrohung durch den Terror' Herr zu werden, und es ginge zweitens darum, oder müsste doch wenigstens ‚eigentlich' darum gehen, dem irakischen Volk und anderen Völkern auch eine ‚bessere', eine ‚demokratische' Herrschaft zu verschaffen - wie wenn ‚Terrorbekämpfung' und ‚Stiftung von Demokratie' ungefähr ein und dasselbe wären. Die Mittel, die die USA für dieses doppelte Anliegen in Anschlag bringen - diplomatische Erpressung, kriegerische Gewalt -, die Folgen - ein durch überlegene Kriegsmacht zerstörter Irak, in dem unter der Regie einer aufsichtsführenden Besatzungsmacht alles andere als ‚Frieden' und ein ‚ziviles demokratisches Leben' einkehrt - und die Perspektiven - die Ächtung und Drangsalierung weiterer Länder unter amerikanischer Regie, die endgültige Eingemeindung der Palästinenser in den ‚weltweiten Terrorismus' und ihre entsprechende Behandlung durch Israel - das alles ist offensichtlich nicht dazu angetan, grundsätzliche Zweifel in dieses Programm einer neuen ‚Weltfriedensordnung' zu stiften. Eher an der Tagesordnung sind Einwände der Art, dass Amerika sich übernimmt und über uns, die Europäer, allzu sehr hinweggeht, statt diese globale Aufgabe mit uns gemeinsam zu bewältigen. Denn dass ‚wir', der Westen, das europäische Abendland insbesondere und in dem wiederum vor allem Deutschland, eigentlich dazu berufen sind, dort, wo Amerika mit Krieg und Drohungen unterwegs ist, mit für ‚Ordnung' zu sorgen, das steht bei aller Kritik fest. Der Maßstab der USA, den sie bei ihrer Ausrufung des globalen ‚Kampfs gegen den Terrorismus' an eine ihren Ansprüchen genügende und von ihnen zu stiftende Weltordnung angelegt haben: verlässliche Ausrichtung der Staatenwelt an den Interessen der auswärtigen Aufsichtsmacht, ist offenkundig durchgesetzt, so dass der Weltmacht mit Vorliebe nur die Erfolgsfrage und der eigenen nationalen Führung die Frage nach ihrer ‚Rolle' bei dieser ‚Gestaltung' neuer Staatenverhältnisse gestellt wird.

Was dieses Programm einer mit Gewalt durchgesetzten globalen Weltkontrolle im Nahen Osten- im besiegten Irak, im alltäglichen Krieg Israels gegen die Palästinenser - an Umwälzungen zustandebringt und auf die Tagesordnung setzt; wie sich ein Land wie die islamische Republik Iran die Feindschaft Amerikas verdient und zu einem weiteren Fall des Antiterrorkriegs (gemacht) wird; wie Amerika im Innern auf die neue Weltmachtrolle praktisch eingestellt wird und wie das patriotische amerikanische Volk sowie das ‚andere Amerika' eingestellt sind; wie sich die europäischen Konkurrenten herausgefordert sehen und wie sich ein deutsches Nachrichtenmagazin prompt und beispielhaft um das passende Feindbild ‚Islam' verdient macht: wie sie also beschaffen ist, die schöne ‚neue Weltordnung', die da mit Krieg und Kriegsdiplomatie vorankommt - das alles findet sich im neuen GegenStandpunkt.


© GegenStandpunkt Verlag 2003