GegenStandpunkt 2-03
A. Vor dem Krieg: Letzte Anfragen und diplomatische Machtkämpfe
Die ebenso verlogene wie blöde Frage, "ob der Krieg nun kommt oder vielleicht noch zu verhindern ist”, hat Hochkonjunktur. Sie bildet den öffentlichen Abgesang auf die diplomatische Kampagne, mit der gewichtige Staaten ihre Rolle als Partner und Konkurrenten der USA, als Mitglieder von NATO und UNO geltend machen, um die Vereinigten Staaten von ihrem Kriegsprogramm abzubringen. Den zuständigen Regierungen ist im Verlauf dieser Kampagne in der Meinung aufgeregter Bürger der Ruf zugewachsen, "für Frieden und gegen Krieg” zu sein - was sie nicht verdient haben. Immerhin ist ihnen kein Einwand gegen die lautstark propagierte "Notwendigkeit” gekommen, den Gewaltapparat der irakischen Nation den Sicherheitsbedürfnissen auswärtiger Mächte entsprechend abzurüsten. Für diese Gewaltaktion hat ihnen allerdings ein anderer Veranstalter vorgeschwebt als "die einzige verbliebene Supermacht”, die das Thema überhaupt aufgebracht hat, die vollständige Vernichtung des inkriminierten Apparats einschließlich seiner Befehlshaber vorbereitet und ultimativ Zustimmung und Unterstützung einfordert. Die Amerika-kritischen Mächte pochen auf eine kollektive Rechtfertigung des Vorgehens gegen den Irak, bezweifeln bis zuletzt Notwendigkeit und Nutzen der geplanten und in die Wege geleiteten militärischen Großaktion - und erheben auf die Art Einspruch gegen den Kurs der USA. Die wiederum sind unbeirrbar entschlossen, ihre überlegenen militärischen Potenzen zu nutzen und die Staatenwelt noch ganz anders als bisher gemäß ihren Interessen zu "säubern” und zu ordnen, zu disziplinieren, aufzumischen und zu kontrollieren. Solcher Selbst-Ermächtigung der Weltmacht treten die degradierten Konkurrenten, zusammen mit betroffenen Nationen anderen Typs, gewaltfrei entgegen. Sie bemühen das Völkerrecht und die Geschäftsordnung der UNO, um die Zulässigkeit des kriegerischen Aufbruchs der USA zu einer gründlich erneuerten "Weltordnung” in Frage zu stellen - und handeln sich eine rücksichtslose Absage ein. Der Krieg "kommt”, beantwortet alle diesbezüglichen Erkundigungen und macht dem eskalierenden Zank der Diplomaten ein Ende. Fürs Erste jedenfalls. Denn die Opposition gegen das amerikanische Vorgehen ist damit keineswegs vorbei.
B. Der Krieg: Die Weltmacht kämpft und argumentiert mit "shock and awe”
Seitdem es kracht, der "Krieg gekommen ist”, fragen die nicht teilnehmenden Konkurrenten ziemlich nervtötend, ob er's bringt. Jetzt bezweifeln sie weniger, ob die USA den Irak erledigen und der Staatenwelt ihre Regime aufherrschen dürfen - ihr Feinsinn verlegt sich auf die Prüfung der amerikanischen Gewaltorgie daraufhin, ob die USA "es” auch können.
Das Material für diese Prüfung liefern der Kriegsverlauf und seine wirklichen wie erwarteten Ergebnisse. Als Maßstab dienen sämtliche Ansagen, mit denen die USA ihren Aufbruch begründet und gerechtfertigt, in denen sie ihre Kriegsziele umschrieben und den Erfolg, den sie meinen, bebildert haben. So gestalten sich Wahrnehmung, Berichterstattung und Kommentare recht übersichtlich. Dem Kriegsgeschehen lässt sich prima entnehmen, ob die Freiheitlichen mit ihren Aktionen im Plan liegen, ob die versprochenen Errungenschaften in greifbare Nähe rücken, inwieweit sich die Segnungen abzeichnen, auf die die Welt warten soll. Oder dass der Verlauf des Zerstörungs- und Tötungswerks ganz im Gegenteil offenbart, dass dieser Krieg ein Irrweg ist, weil die USA gar nicht vermögen, was sie sich an unanfechtbarer Kontrolle zum Zwecke der Weltverbesserung vorgenommen haben. So hauen sich die verschiedenen Lager in wohlausgewogenen Lagebeurteilungen öffentliche Belege dafür um die Ohren, wie viel bzw. wenig der eingeschlagene Weg taugt, um den Irak zivil und die terrorverdächtige Staatenwelt handlicher zu machen. Der Krieg wird zum Material für den fortgesetzten Streit um die richtige Welt- und deren Geschäftsordnung.
C. Nach der Schlacht: Opfer, Sieger, Verlierer und ein neu eröffneter Streit zwischen den einen und den anderen Aufbauhelfern
Für manche Nationen zeigt das Ende des Krieges wie schon sein
Anfang, wie dringend erforderlich die Mitwirkung Europas und die
Schirmherrschaft der UNO sind, wenn es gilt, die zweifelhafte
Hinterlassenschaft des amerikanischen Feldzugs im Nahen und Mittleren
Osten zu verwalten. Die Vertreter dieser Richtung berufen sich für ihren
Antrag, das Procedere nach dem Sieg betreffend, wie selbstverständlich
auf die Kriegsziele der Alliierten, die echten wie die verlogenen Titel
für deren Unternehmen - die Heuchelei aus der Vorbereitungsphase wird
eisern beibehalten. Wie zuvor sehen die Veranstalter das jedoch ganz
anders. In dem Antrag, zur alten Geschäftsordnung "zurückzukehren” und
die "Völkergemeinschaft” mit Hilfe und mit "nation building” im Irak zu
beauftragen, erkennt die US-Regierung unschwer den Drang ihrer
widerspenstigen Partner und Rivalen, sich nach Abwicklung des
Kriegsprogramms als Weltordner zurückzumelden und ihr die
Rücksichtnahme wieder aufzunötigen, die sie gerade gekündigt hat: Sie
lehnt dankend ab. Ganz im Sinne ihres kriegsvorbereitenden Entwurfs für
einen entwaffneten und Saddam-losen Irak besteht sie auf der
Zuständigkeit der Sieger - derer, die weder Kriegsmühen noch -kosten
gescheut haben - für die Zurichtung des besiegten Staates. Von der
Warnung, das irakische Volk würde die Ausübung der Staatsgewalt durch
die Besatzungsmacht wie ein Besatzungsregime empfinden, lassen die USA
sich jedenfalls nicht beeindrucken. Ungerührt planen sie die künftige
Ausübung der Macht am Golf und versäumen es nicht, die Reparationsfrage
anzugehen: Das Öl versprechen sie dem irakischen Volk, dem sie auch
gleich die passenden Partner für Förderung und Handel zuweisen.