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GegenStandpunkt 4-02
Friedensnobelpreis für Jimmy Carter, Ex-US-Präsident
Jimmy Carter erhält den Friedensnobelpreis 2002 "... für seinen
beharrlichen Einsatz über mehrere Jahrzehnte zur friedlichen Lösung
internationaler Konflikte, für Demokratie und Menschenrechte sowie
für wirtschaftliche und soziale Entwicklung.” (Begründung
des Nobelpreiskomitees, sueddeutsche.de/dpa, 11.10.02). Das hat der Mann
verdient.
Als
Präsident der USA, 1977 - 1981,
der er erst einmal werden musste, weil man ja zum Friedenstiften ein bisschen
mehr als peanuts mitbringen muss, nimmt er sich unverzüglich der "Weltkriegsgefahr”
an. Die kommt für ihn - wie für jeden im Westen - von den Waffen
her, die Amerika und die Freiheit auf dem Rest der Welt bedrohen, und da
ist ihm eines sonnenklar: Von denen gibt es einfach zu viele und von den
amerikanischen zu wenig. Also sorgt er gleich dafür, dass im Haushalt
für Verteidigung die nötigen Mittel für eine effektive "Abschreckung"
durch ein "heißes” Weltkriegsszenario, atomare Abteilung inklusive,
bereit gestellt werden. Er weiß aber auch noch etwas anderes: Mit
der leidigen "Rüstungsspirale”, die sich da zwischen Amerika
und der zweiten "atomaren Supermacht” vor sich hindreht, kann es keinesfalls
weiter gehen. Und wenn man den Sowjets schon die Waffen, die den "Weltfrieden”
gefährden, nicht einfach so wegnehmen kann, dann will er doch wenigstens
dafür etwas tun, dass sie nicht immer mehr davon in die Welt stellen.
Dafür können sie sich auch voll und ganz darauf verlassen, dass
Amerika bei seinen neuen Raketen den eigenen Bedarf definitiv nicht überschreiten
wird. Und so, mit Rüstungskontrolle und SALT-II-Vertrag,
in dem die beiden unschlagbaren Weltfriedensmächte sich Obergrenzen
beim Aufrüsten genehmigen - der westlichen also auch Raum für
die hoffnungsvolle Berechnung, dass der sowjetische Koloss mit seinen bekannt
tönernen Füßen dabei letztlich doch nicht richtig mithalten
kann -, sind "die Risiken eines atomaren Schlagabtausches” nicht mehr ganz
so "unkalkulierbar” wie vorher. Dieser erste große Schritt hin zu
einer doch besseren Abschätzbarkeit der radioaktiven Nebenwirkungen,
die der unabdingbare Fortschritt von Frieden und Freiheit auf der Welt
mit sich bringt, ermutigt den Präsidenten. Vielleicht, denkt er, wird
der Frieden noch sicherer, wenn sich die Russen noch zu einem weiteren
Schritt ermuntern lassen. Wenn er sie z. B. ausdrücklich vor einigen
zusätzlichen Risiken eines Atomkriegs verschont - und sie zum Ausgleich
dafür das Risiko einfach selbst aus der Welt schaffen, das ihre Waffen
darstellen. Bestellt sind Pershings und Cruise Missiles zwar schon, aber
für den Frieden, d.h. für seine berühmte Null-Lösung
in Europa, disponiert der Präsident jederzeit gerne um. Ganz zur atomwaffenfreien
Zone wäre Europa damit zwar nicht geworden, aber vor SS-20-Raketen,
die die Russen selbst abrüsten sollten, schon einmal sicher. Leider
aber haben die schwerfälligen Russen erst noch die Botschaften des
nächsten US-Präsidenten gebraucht, um den guten Sinn ihrer einseitigen
Abrüstung zu kapieren, und Carter den Erfolg seiner Mission erst nach
seiner Amtsperiode gegönnt.
So unkonventionell, wie Carter über die Waffen des Gegners denkt
- verschrotten, was denn sonst? - verfährt er auch in Bezug auf den
- völkerrechtlich an sich verbrieften - Respekt, den die Staaten der
Welt sich gewöhnlich gewähren. Er hält es jedenfalls für
ein Unding, wenn Staaten, die grundverkehrt regiert werden, dafür
noch belohnt werden und sein Land sich mit denen auf eine Stufe stellen
soll. Insbesondere dieser einen Macht, die sich mitsamt ihrem Block nachhaltig
der Freiheit, dem demokratischen Regieren und der Marktwirtschaft verschließt,
muss er ein ums andere Mal mitteilen, dass es höhere, nämlich
moralische, Rechte gibt als die, die sie sich herausnimmt. Das sind - nein,
nicht die Schweizer:
Er hat's erfunden! - die Menschenrechte,
und ein Staat, der beim Umgang mit seinen Bürgern auf selbige nicht
achtet, hat allein schon deswegen sein Existenzrecht verwirkt. Darauf macht
der Präsident ein ums andere Mal aufmerksam und zeigt damit, dass
ihm ein sicherer Frieden auf der Welt viel wichtiger ist als nur eine Ära
der Entspannung zwischen ihm und den Russen. Mit dem ur-amerikanischen
Impetus des Laien-Predigers beruft er sich zum moralischen Richter über
das herrschaftliche Innenleben aller anderen Staaten; sortiert die, die
sich nicht ins freiheitliche Lager der Guten hinein sortieren wollen, eigens
noch einmal heraus - und sorgt sich dann um die weltdiplomatische Ächtung
und weltpolitische Ausgrenzung dieser Staaten, die sein kongenialer Nachfolger
im Amt dann nur noch ‚Reich des Bösen' zu nennen braucht. Und wie
richtig schon Präsident Carter liegt, beweisen ihm die Russen unverzüglich:
Ihre Rote Armee schicken sie nach Afghanistan, nur um noch ein Volk mehr
zu unterjochen, das unter ihrer Knute gar nicht leben will! Das fordert
ihn und mit ihm eine eindeutige Antwort der Weltgemeinschaft heraus, einen
Boykott der olympischen Spiele 1980 in Moskau
zuallererst, denn
mit Staatsverbrechern kämpft man nicht auch noch um die Medaillen
der nationalen Ehre. Man macht mit ihnen aber auch keine Geschäfte,
weder rüstungsdiplomatische noch sonst welche, also weg mit SALT-II,
stattdessen ein Weizenembargo - und viel Geld, CIA und Raketen für
den Freiheitskampf in Afghanistan! Dass er mit seinem Engagement
für die Freiheit am südlichen Rand Russlands seinen späteren
Nachfolgern gleich die Gelegenheit stiftet, sich in derselben Angelegenheit
genau andersherum auszuzeichnen, weiß der Ziehvater der Taliban zu
diesem Zeitpunkt natürlich nicht. Ganz sicher aber weiß er schon
damals, was der Weltfrieden dort und überhaupt braucht: 1980 stellt
er dem Kongress seine
"Carter-Doktrin” vor - "Jeder Versuch
einer fremden Macht, die Kontrolle über die Region am Persischen Golf
zu erlangen, wird als Angriff auf die lebenswichtigen Interessen der Vereinigten
Staaten angesehen. Jeder Angriff dieser Art wird mit allen Mitteln zurückgeschlagen
werden, auch mit militärischen” - und seitdem muss nur der jeweils
amtierende Chef des Weißen Hauses seinen Namen in "...-Doktrin” einsetzen,
damit das Weltfriedenswerk der USA auf den jeweils aktuellsten Stand gebracht
ist. Beinahe en passant gelingt ihm mit dem Abkommen von Camp David
1978 ein weiterer großer Beitrag zum globalen Frieden. Halb überzeugt
ist Ägyptens Sadat nämlich schon, dass am Frieden mit Israel
für ihn kein Weg mehr vorbei führt - Feindschaft gegen Israel,
das zeigen die verlorenen Kriege ja, lohnt sich für die Araber nicht.
Aber ganz überzeugt eben doch noch nicht, und da ist wieder die Kunst
unseres großen Friedensstifters gefragt: Der muss schon noch anmerken,
dass sein mächtiges Land auch in Zukunft alles tun wird, damit Israel
seinen Staat zu Ende gründen kann, im übrigen aber auch Ägypten,
wenn es den Friedenswillen Israels nicht mehr stört, sich der freundschaftlichen
Unterstützung Amerikas erfreuen könne. Da ist Sadat endgültig
überzeugt und leitet mit seiner Unterschrift den Friedensprozess im
Nahen Osten ein, wie er heute noch im Gange ist. Und dann macht der Präsident
sich um des Friedens willen auch noch mit einer ganz bescheidenen - wie
sich leider herausstellt: allzu bescheidenen - Mannschaft an die Befreiung
der amerikanischen Botschaftsgeiseln - und den Vorwurf, daran gescheitert
zu sein, wird er trotz aller seiner Verdienste nicht mehr los. Verbittert
beschließt er, dann eben als
Ex-US-Präsident
seinem Land weiter zu dienen. Frei von den Lasten des weltpolitischen Alltagsgeschäfts,
das er bei allen seinen Nachfolgern prinzipiell in guten Händen weiß,
kümmert er sich als Privatmann darum, dass die bei ihrem Einsatz für
den Frieden in Freiheit alles richtig machen. Als Wahlbeobachter
sorgt er dafür, dass auch noch in solchen Staaten, in denen man das
kaum mehr für möglich hält, gut, also von einer korrekt,
ohne allzu viel Gewaltexzesse und Betrügereien zustande gekommenen
Herrschaft regiert wird, und die Völker, wenn schon von sonst nicht
viel, immerhin davon leben können. Bei den diversen
Krisenherden
auf dem Globus muss er schon allein deswegen vorbeischauen, weil von denen
sein Land ja immer unmittelbar betroffen ist. Und wo das der Fall ist,
ist immer auch der Frieden höchst gefährdet, J. Carter also sehr
gefragt. Z. B. 1994 in Haiti, wo er stellvertretend für seine weniger
höflichen Landsleute einreist und den Herrscher der Insel davon in
Kenntnis setzt, was der "zur Vermeidung einer amerikanischen Invasion”
alles Gutes tun kann. Oder in Nordkorea im selben Jahr, wo er die Regierenden
davon überzeugt, "zur Vermeidung eines Krieges” mit Amerika
doch besser nicht so stur auf dem Besitz von Atomwaffen zu insistieren.
Und eigentlich immer und überall, wie er in seiner privaten Jimmy-Doktrin
wissen lässt: "Diese kleinen Burschen, die vielleicht Atomwaffen
bauen oder die Menschenrechte verletzen, brauchen jemanden, der ihnen zuhört,
ihre Probleme versteht und ihnen hilft, zu kommunizieren.” (FAZ, 12.10.)
Er glaubt halt an das Gute in den Schurken der Schurkenstaaten; und vor
allem daran, dass sie, wenn er ihnen die Beichte abnimmt, allesamt vom
Einbiegen in den rechten Weg zu überzeugen sind. Er hört ihnen
zu, um ihnen dann ein wenig von dem großen, mächtigen Land zu
erzählen, das Atomwaffen anderswo nicht ausstehen und es auch nicht
leiden kann, wenn wo verkehrt regiert wird. Früher oder später
werden sie ihn schon verstehen - und so auch, welche Probleme sie bekommen,
wenn sie Amerika welche bereiten. Das hilft ihnen, sich zu bessern. Und
weil er so der Welt immer den Frieden aus Amerika bringt, den sie so lieb
gewonnen hat, und weil er das auch noch dann unverdrossen weiter tut, wenn
der gerade amtierende Präsident dieses Landes im Namen der Freiheit,
die ihm über alles geht, die Welt mit einem anderen Exportartikel
beglücken muss, kriegt er seinen Preis: "In der heutigen, von drohender
Machtanwendung geprägten Lage hat Carter auf dem Prinzip beharrt,
dass Konflikte in größtmöglichem Umfang durch Vermittlung
und internationale Zusammenarbeit auf Basis des Völkerrechts, Respekt
vor den Menschenrechten und wirtschaftlicher Entwicklung gelöst werden
müssen.”
(Begründung, sueddeutsche.de/dpa) Die regierenden
Amis im Weißen Haus stiften die Konflikte, damit ein nicht mehr regierender
Ami sie dann beharrlich mit einem größtmöglichen Umfang
an kommunikativer Hilfestellung lösen kann: So kommt immer ein Frieden
heraus, der sein Preisgeld wert ist.
© 2002 GegenStandpunkt Verlag