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GegenStandpunkt 4-02
Anspruchsvolle Auftragslage für den neugewählten Präsidenten
im bankrotten Brasilien:
Lula, Sie schulden uns was!
Das brasilianische Volk darf wählen, und es wählt glatt Lula
da Silva, den Kandidaten der oppositionellen Arbeiterpartei (PT) und ehemaligen
Gewerkschaftsführer. Und schon fragt sich die gesamte Fachwelt für
freie Wahlen, ob die Brasilianer denn da auch richtig gewählt haben:
Ausgerechnet Lula, den "Börsenschreck”, wollen sie haben, der
von Anbeginn seiner Kandidatur für "die Finanzmärkte den schlimmsten
aller denkbaren Fälle darstellt”(FAZ, 8.10.02). Es geht also gar
nicht darum, was die Brasilianer sich mit der Wahl eingehandelt
haben und ob eine "Regierung Lula” ihnen irgendwelche sozialen Vor- oder
nur neue Nachteile bringt:
Die Sorgen des internationalen Freundeskreises für gutes Regieren
und gute Geschäfte
gelten dem in Brasilien engagierten Finanzkapital und dessen ungewissem
Schicksal unter der neuen Regierung. Die Finanzwelt betrachtet Lula als
einen höchst unberechenbaren Zeitgenossen, der sie auf Grund seiner
Herkunft, seiner zeitweise sozialreformerischen Rhetorik und seiner befürchteten
Nachgiebigkeit gegenüber den nach der Wahl erwarteten Forderungen
seiner Wähler noch vor dem zweiten Wahlgang "auch weiterhin in
Alarmstimmung”
(SZ, 25.10.02) versetzt. Mit einem aus diesen Kreisen,
als
"fatal für das stagnierende Brasilien” an die Wand gemalten
"Anstieg
der seit Jahren sinkenden Reallöhne und einer schnelleren Landreform”
(SZ, ebd.), stiftet man eben kein Vertrauen, sondern nur Unsicherheit für
die internationale Geschäftswelt, die sich "Haushaltskonsolidierung”
und Schuldenbedienung wünscht und keine alternativen nationalen Flausen.
Deshalb haben die einschlägigen Herrschaften von Beginn an gegen Lula
gehetzt - "die Situation ist schon dramatisch, aber jetzt hat man auch
noch Sorgen wegen der Ideologie!”
(George Soros, SZ, 30.9.) - und ihrerseits
im Vorfeld der Wahlen schon eine eigene kleine Abstimmung abgehalten:
"Die Finanzmärkte haben in den zurückliegenden Wochen bereits
abgestimmt - und das Ergebnis ist besonders an der fortschreitenden Abwertung
des Real zu erkennen. Sie drückt Nettokapitalabflüsse aus.” (FAZ,
7.10.)
Das ist gedacht als ein Stück Orientierungshilfe für den verantwortungsbewussten
demokratischen Wähler: Die Brasilianer sollen beim Abstimmen über
ihren künftigen Chef nicht kurzsichtig irgendwelche eigenen sozialen
oder nationalen Interessen verfolgen, sondern das große Ganze, das
wirklich Wichtige im Auge behalten: Mit ihrer Stimmabgabe sollen sie Vertrauen
stiften für die beunruhigte Spekulantengemeinde, sonst nichts. Und
wenn sie das nicht einsehen, dann, so die unmissverständliche Drohung,
wird das Unglück des beschädigt abziehenden Kapitals auf jeden
Fall Brasilien treffen. Bei solch wohlmeinenden wirtschafts- und sozialkundlichen
Lektionen lässt es der IWF allerdings nicht bewenden.
Eine politisch funktionelle Bewirtschaftung des brasilianischen Kredits
muss nach dem Willen der Behörde sein, und darum kümmert sie
sich praktisch. Nachdem schon im August vor der Wahl internationale Anleger
einige Dollarmilliarden abgezogen hatten, genehmigt der IWF einen Kredit
über 30 Mrd. Dollar, um nicht durch die Zahlungsunfähigkeit Brasiliens
das Kreditsystem in ganz Lateinamerika und womöglich weltweit in Schieflage
geraten zu lassen. Brasilien soll funktionsfähig erhalten werden -
vor und während der Wahlen und auch nach ihrem Ausgang. Dazu wird
der Kredit durch ein handfestes Erpressungsszenario ergänzt, das für
alle
zur Auswahl stehenden brasilianischen Führungsfiguren verbindlich
ist und von ihnen unterschrieben werden muss: Die Konditionen des vom IWF
in Aussicht gestellten Kreditpakets gelten unabhängig vom Wahlausgang;
in jedem Fall wird der Kredit nur in Tranchen von jeweils 3 Mrd. Dollar
ausgezahlt, die darauf berechnet sind, die anfallenden Schuldendienste
zu begleichen, und die Auszahlung der Tranchen wird daran gebunden, dass
gleichzeitig im brasilianischen Staatshaushalt ein Überschuss
von 3,75 % des BIP zu erwirtschaften ist.
Damit trägt der IWF dafür Sorge, dass das Abstimmungsergebnis
an der Zurichtung Brasiliens als weiterhin funktionierender Dauerschuldner
möglichst nichts ändert. Er macht sein Programm einerseits vom
Erfolg eines bestimmten Kandidaten unabhängig, treibt andererseits
kräftig Wahlhilfe für Lulas Konkurrenten, indem er keinen Zweifel
daran lässt, dass dem "bürgerlichen Lager” die seriöse Erfüllung
der Kreditbedingungen und damit die Rettung der brasilianischen Zahlungsfähigkeit
eher zugetraut wird.
Die vordringlichen nationalen Aufgaben von Regierungen in Schuldnerstaaten
wie Brasilien stehen nämlich grundsätzlich fest, und zwar unabhängig
von den "Aufträgen”, die sie sich in ihren mehr oder weniger gelungenen
demokratischen Wahlveranstaltungen bei ihren Wählermassen abholen:
Wenn ein Land wie Brasilien nach Argentinien die höchsten Schulden
in Lateinamerika hat, dann ist es erstens zuvorderst seinen Gläubigern
verpflichtet und nicht irgendeinem "Wählerwillen”. Deren Anspruch
auf Schuldendienst hat es zu entsprechen, für die Ableistung der Zinspflichten
sind die Reichtumsquellen der Nation zu mobilisieren, und diesem Zweck
hat sich das Regieren in Brasilien unterzuordnen - wie der Wahlsieger
das hinbekommt, ist seine Sache und die der von ihm herbei zu regierenden
Opferbereitschaft seines Volkes. Insofern haben die Wahlen in jeder Hinsicht
alternativlos
zu sein: Welche Figur auch an die Macht kommt, sie bekommt ihre Auftragslage
von den internationalen Verwaltern des brasilianischen Schuldenberges mitgeteilt
und darf ihrem Volk dann die Notwendigkeiten nahe bringen, denen es zu
gehorchen hat.
Zweitens halten alle Beteiligten an diesem großkalibrigen Kreditgeschäft
eines für grundsätzlich ausgemacht: Wenn, wie im Fall Brasiliens,
wegen der seit Jahren akkumulierten Schulden bereits der größte
Teil des nationalen Reichtums den Gläubigern verpfändet oder
- wie Telefongesellschaften, Wasserkraftwerke und Anteile an der heimischen
Erdölindustrie - bereits veräußert worden ist; wenn weiterhin
schlechte Geschäfte im Land ebenso wie rückläufige Exporte
im Zuge der weltweiten Krise die Einnahmen des brasilianischen Staates
weiter sinken lassen, dann bekommt man einen Haushaltsüberschuss als
Voraussetzung der Kreditauszahlung - wenn überhaupt - nicht anders
hin als durch die radikale Kürzung der staatlichen Ausgaben.
Brasilien hat zu sparen und soll sich die Rettung vor dem Staatsbankrott
nach den Vorschriften des IWF durch flächendeckende Einschnitte in
alle Budgets des Landes erkaufen. Das trifft - wen sonst - natürlich
zuerst die notorisch "nicht investiven” Sozialhaushalte, die sich mit den
Armen im Lande befassen, zu denen die nationale Statistik jetzt schon mehr
als die Hälfte der Brasilianer zählt. Das brasilianische Volk
ist als Opfer dieser internationalen Rettungsaktion zugunsten gefährdeter
Zahlungsansprüche an das Land allemal vorgesehen. Aber nicht nur die
- angesichts des in Brasilien erreichten Elendsniveaus - ohnehin bescheidenen
sozialstaatlichen Ambitionen des größten Staates Lateinamerikas
unterliegen jetzt dem prüfenden Urteil des multinationalen Gläubigerausschusses.
Alle anderen Vorhaben der Nation werden über das vom IWF auferlegte
Haushaltsregime dahingehend überprüft, ob sie mit der wichtigsten
Aufgabe aller Brasilianer vereinbar sind: Denen, die auf Brasilien ihr
Geld gesetzt haben, möglichst viel davon zurückzuzahlen.
So wird der brasilianischen Politik und ihrer gesamten Haushaltsführung
ein sehr einsinniges Rechnungswesen auferlegt, ganz im Geiste der alternativlosen
Unterordnung der Nation unter den Dienst an ihren Gläubigern. Und
jede einzelne Kredittranche dient als Anlass, den von der Nation geforderten
Unterwerfungswillen erneut auf den Prüfstand zu stellen.
Allerdings:
Eine etwas verwegene Anspruchshaltung gegenüber Brasilien
macht sich da schon geltend. Tatsächlich ist weder Lula da Silva noch
einer der anderen Kandidaten für die Bedingungen verantwortlich, unter
denen in Brasilien Geschäfte laufen oder nicht und die für wachsende
Unzufriedenheit bei den internationalen Kapitalisten sorgen. Bekanntlich
herrscht eine weltweite Krise und die Spekulanten machen die "Gefahr”,
der Kredit des Landes könnte zusammenbrechen und Brasilien zahlungsunfähig
werden, schon längst selbst wahr, weil sie ihre Rechnungen
nicht mehr bedient sehen. Jahrelang aufgehäufte Schulden können
nicht mehr aus neuen, auf weitere gute Geschäfte rechnenden Kreditzuflüssen
bedient werden, so dass manche Spekulation auf den Erfolg eines brasilianischen
"Investments” nicht aufgegangen ist. Deshalb sind die ausländischen
Geldgeber jetzt so sehr um die Rettung ihrer Kredite besorgt, dass sie
Brasilien jeden weiteren verweigern, das Land ähnlich wie Argentinien
in eine Zahlungskrise treiben und sich der IWF zur Rettung des Kreditsystems
veranlasst sieht. Für die Lage haftbar gemacht wird allerdings das
Land und seine Regierung. An sie geht die Forderung, ihre Mittel gefälligst
so einzuteilen, dass zusammen mit dem Kredit des IWF der Schuldendienst
weiterlaufen und neues Vertrauen und neuer Kredit gestiftet werden können.
So wird der politischen Führung die Aufgabe gestellt, die Krisenfurcht
der Anleger zu therapieren, als handle es sich bei der Frage der Wiederherstellung
kapitalistischen Erfolges mitten in der Krise lediglich um eine Frage der
politischen Vertrauenswürdigkeit und des verlässlichen Willens
zu "gutem Regieren”. Finanzkapitalisten allerdings ticken offenbar so.
Und deswegen fordern sie von jeder künftigen brasilianischen Regierung,
endlich den Misserfolg ihres Geschäftes ungeschehen zu machen.
Dabei werden ihre Ansprüche an die politischen Leistungen des Landes
zur Rettung ihrer Geschäftsbedingungen umso rigoroser, je mehr ihre
Rechnungen nicht aufgehen und sie durch den Abzug ihres Kapitals und die
Verweigerung neuer Investitionen und Kredite alle Rechnungen Brasiliens
über den Haufen werfen.
Prinzipiell haben auch alle Kandidaten, die sich um das Amt des Präsidenten
bewerben, nichts anderes im Sinn, als den Erfolg und die Rettung der Nation
in der Fortsetzung des Weges zu suchen, der sie in den Bankrott geführt
hat: Sich dem internationalen Kapital weiterhin als zuverlässiger
Standort für gute Geschäfte anzubieten, dessen Ansprüchen
also so gut wie möglich gerecht zu werden. Insbesondere Lula da Silva
versteht sich auf einen
Vertrauenskampf auf allen Ebenen
so gut, dass sogar den eingefleischtesten Hetzern gegen ihn eine "wundersame”
Läuterung nichtentgangen ist: "Der wundersamste Wandel vollzog
sich im Schoße von Lulas Arbeiterpartei und in der Person des linken
Kandidaten selbst. Mit seinem Seriosität suggerierenden Äußeren,
dem gepflegten Bart und den Maßanzügen gibt sich Lula staatsmännisch
gelassen, den kämpferischen Habitus hat er fast völlig abgelegt
(FAZ, 1.10.). ‚Wundersam' allerdings ist der Wandel nicht, den der Mann
hingelegt hat, und ein bisschen mehr als einen ‚kämpferischen Habitus'
hat er damit auch abgelegt. Der ehemalige Gewerkschaftler hat längst
Abstand von dem Ansinnen genommen, gewerkschaftliche Macht für die
Interessen von Lohnarbeitern zu mobilisieren und sich stattdessen vorgenommen,
die Staatsmacht zu erobern, um mit der die Interessen der Nation voranzubringen.
Deren Krise will er bewältigen, und das geht nur - zu der Überzeugung
ist er gelangt - mit dem internationalen Kapital, nicht
gegen
es. Um damit auf die internationalen Kreditgeber den entsprechenden Eindruck
zu machen, unterschreibt er demonstrativ die Auflagen des IWF für
den Dreißig-Milliarden-Kredit und stellt eine anerkannte Unternehmerfigur
als Vizepräsident auf. Die vom IWF geforderte Unterschrift leisten
zwar alle anderen Kandidaten auch. Aber wenn einer wie er, der als Sozialkämpfer
groß geworden ist, dies tut, fällt die symbolische Geste der
Vertrauenswerbung für Brasilien eben besonders aus. Zumal er nicht
allein dem IWF gegenüber zu verstehen gibt, dass eine von ihm geführte
"Regierung des Volkes” allen Auflagen willig nachkommen wird, die im Zuge
der weiteren Konsolidierung des brasilianischen Schuldendienstes fällig
werden. Wenn schon ein erprobter Gewerkschaftsführer und ehemaliger
Organisator einer für antikapitalistisch gehaltenen
Gegenmacht
mit der Einsicht aufwartet, dass wirklich alles, was er sich für sein
Land und dessen Insassen an "ökonomischer Entwicklung” noch vorstellen
kann, bloßes Derivat der Rendite ist, auf die internationale Finanziers
bei ihrem (Wieder)Einstieg in Brasilien setzen -
"es muss klar sein, dass, wenn man über die Kapitalmärkte
spricht, man über die Finanzierung von Produktion und Beschäftigung
spricht. Es ist möglich und erwünscht für eine Regierung
des Volkes, sicherzustellen, dass das Risikokapital ein neues Projekt der
ökonomischen Entwicklung finanzieren kann” (R. Berzoini, Mitverfasser
einer "Denkschrift” der Arbeiterpartei "für die Kapitalmärkte”,
El País, 20.10.) -
dann ist eines sicher: Andere Risiken als die, die zu den Eigentümlichkeiten
ihres eigenen spekulativen Geschäfts gehören, haben die internationalen
Risikokapitalisten in Brasilien nicht zu gewärtigen. Und noch eines
macht diese Botschaft glaubwürdig, wenn sie von einem wie Lula da
Silva kommt. Einer wie er, der selbst aus dem Volk kommt, kennt nicht nur
die Härten besonders gut, die er ihm zur Rettung Brasiliens zu verordnen
gedenkt, wenn er an der Macht ist: Er kann sie ihm auch besonders gut verkaufen.
Als einer, der schon einmal selbst gearbeitet hat und ihre Nöte kennt,
vermag er seine brasilianischen Massen extrem glaubwürdig davon zu
überzeugen, worin alle ihre sozialen Anliegen aufgehoben sind -
darin nämlich, dass die Nation sich aus der Notlage befreit,
unter der sie leidet: Sein eigener Lebenslauf, seine erfolgreiche
Karriere vom Kämpfer für Soziales zum Retter der Nation sollen
seine Landsleute als Exempel für die korrekte Reihenfolge nehmen,
in der sie auch ihre Anliegen zu gewichten haben - und den Dienst an der
Nation, den er von ihnen verlangt, als vollständige Bedienung aller
Interessen begreifen, die sie haben.
Erste Erfolge der volksnahen Krisenbewältigung
stellen sich prompt ein. Kaum dass seine Volksbetörung verfangen und
er die Wahl gewonnen hat, bricht Zuversicht aus:
"Lula wird sich mit dem System verstehen und die Banken werden merken,
dass die Welt nicht untergeht...” (M. Bernardi, Unternehmer, SZ, 30.9.)
Sogar den staatlichen Almosen zur Betreuung von Hunger und Elend vermag
man etwas abzugewinnen - Geld, das wieder Wachstum an der richtigen Stelle
schafft, ist eben nicht zweckentfremdet:
"Der größere Stellenwert des Sozialbereichs unter Lula
könnte der Lebensmittel- und Baubranche Vorteile bringen, meinen Analysten.
So könnten etwa die Papiere der Supermarktkette Pão de Açucar
oder des Getränkeriesen AmBev mittelfristig profitieren” (SZ,
30.10.)
Sicher ist nur eins: Angesichts der an die neue Regierung gestellten
Ansprüche wird auch das künftige Urteil, ob Lula nun "gut regiert”
hat oder "gescheitert” ist , am wenigsten davon abhängen, wie er
sein Präsidentenamt versehen hat, sondern davon, welche Anlageentscheidungen
die Finanzwelt in Sachen Brasilien fällt.
© 2002 GegenStandpunkt Verlag