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GegenStandpunkt 3-02
Ein neuer Bildungsnotstand nach "PISA":
Sind die Deutschen zu blöd?
Ein paar Sommerwochen lang beherrschen zwei Themen die Öffentlichkeit:
Das deutsche Abschneiden bei der Fußball-Weltmeisterschaft einerseits,
bei der Pisa-Studie andererseits. Was das idiotische Fan-tum betrifft,
so kann es dem offiziellen Deutschland gar nicht radikal genug ausfallen.
Die Medien unterlassen jeden Versuch, den fanatischen Nationalstolz zu
bremsen oder erzieherisch zu veredeln, den sie in anderem Zusammenhang
schon mal dumpf, primitiv, gar gefährlich finden. Beim Fußball
darf und soll er hemmungslos ausgelebt werden. Die distanzlose Parteinahme
für deutsche Siege samt dem dazugehörigen präpotenten Gehabe
und dem Urschrei "Deutschland, Deutschland" wird als ein wunderbares Lebensgefühl
gefeiert. Demonstrative Dummheit steht hoch im Kurs. Zeter und Mordio aber
wird geschrieen, wenn ein internationaler Leistungsvergleich der Schulen
eine überdurchschnittliche Dummheit der deutschen Jugend enthüllt.
Ein Widerspruch? Natürlich nicht. Die eine Dummheit, der Patriotismus,
tut Deutschland gut. Die andere, Defizite der geschätzten Patrioten
im Rechnen, Schreiben, Lesen steht im Ruf, Deutschland zu schaden.
Die Bildung - eine Ressource der Nation
Der Tatbestand, den "Pisa" offen legt, ist an sich keine Neuigkeit. Lehrer
und Arbeitgeber wissen längst, dass ein beachtlicher Teil der Jugend
die Schule nach 8-10 Jahren Unterricht
sehr dumm verlässt -
ein rundes Viertel kann kaum lesen, schreiben und rechnen und das nächste
Viertel kommt über ganz einfache Aufgaben auf diesen Feldern nicht
hinaus. Das war lange Jahre kein Skandal. Niemand störte sich groß
an der Verwahrlosung dieser "sekundären", also durch die Schule erzeugten,
Analphabeten, denen jeder intellektuelle Zugang zur Welt verschlossen bleibt.
Neu ist die Bewertung des Faktums, die sich auf die Pisa-Studie hin einstellt:
Mindestens 25% der Schulabgänger sind zu dumm. Wofür? Für
die Funktionen und Dienste, die man von ihnen will, - es sind diese Funktionen,
nicht die Jungendlichen, die nach allgemeiner Auffassung durch zu viel
Dummheit Schaden nehmen. Der internationale Vergleichstest ergibt einen
deutschen Tabellenplatz im Leseverstehen, der peinlich ist für ein
Land, das sich in jeder Hinsicht zur Spitzenklasse zählt; es belegt
den Platz 22 noch hinter Polen und Russland. Öffentliches Erschrecken
brandet auf, weil man davon den deutschen Tabellenplatz in einer ganz anderen
Disziplin gefährdet sieht. "Wir" müssen schleunigst, nämlich
in höchstens 5 Jahren, auf wenigstens den Platz 5 aufrücken;
sonst wird, Arbeitgeberpräsident Hundt zufolge, eine "führende
Industrienation im Mittelmaß versinken"; Möllemann bangt um
"Reputation und Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts". Man kann
dasselbe auch menschenfreundlicher ausdrücken und sich Sorgen um die
Erwachsenen von morgen machen, von denen viele schon am Ende ihrer schulischen
Laufbahn von allen Lebenschancen abgeschnitten sind und in der modernen
Welt keinen Platz finden. Dass sie für sich selbst und ein gescheites
Leben zu dumm sind, wird als Problem insofern anerkannt, als es für
dieselbe Sorge um ihre kapitalistische Funktionalität steht, die Unternehmervertreter
von ihrer Seite her artikulieren: Für die Arbeitswelt in einem modernen
High-Tech-Land muss die Jugend schon taugen, sonst taugt sie auch für
sich selbst nichts. In der einen wie in der anderen Fassung geht es um
die Nützlichkeit des Nachwuchses für den deutschen Kapitalstandort.
Aber nicht die Bildung eines jeden!
Sogar dieser brutale Funktionalismus tut dem dummen Nachwuchs noch zu viel
der Ehre an. Die Sorge um Bildung und Standort tut so, als stehe und falle
die Nation mit dem Bildungsstand noch des letzten ihrer Bürger. Die
Sprüche vom rohstoffarmen Land haben Konjunktur, das von Findigkeit
und Kreativität seiner Bewohner lebt. Und wenn schon nicht von jedem
Mitglied der "Wissensgesellschaft" so richtig Wissen verlangt ist, müssten
doch wenigstens die elementaren Kulturtechniken von allen beherrscht werden,
wenn Wohlstand und Zukunft nicht verspielt werden sollen. Daher seien die
Enthüllungen der Pisa-Studie ein wahres Menetekel.
Sieht man sich die tatsächliche Rolle an, die die untere Hälfte
der Schulabgänger im Wirtschaftsleben spielt und den Maßstab
der Funktionalität, dem sie tatsächlich unterworfen wird, ergibt
sich ein anderes Bild. Bei den Leuten, deren gravierende Defizite im Grundwissen
"Pisa" aufdeckt, kommt es auf das auch nur sehr relativ an. Zwar schränkt
es die Verwendungsfähigkeit einer Arbeitskraft ein, wenn sie nicht
lesen kann; daran mag sich entscheiden, wo sie eingesetzt wird, ihren Gebrauch
- sofern überhaupt Bedarf da ist - verhindert es nicht. Beständig
verjüngen Betriebe ihre Belegschaften, werfen ältere Beschäftigte,
denen sie Wissen und Erfahrung zugute halten, raus und ersetzen sie durch
Junge. Deren Vorzüge - jugendliche Konstitution, weniger Krankheitstage,
leichtere Kündbarkeit, niedrigere Löhne - wiegen das Berufswissen
der Alten offenbar ohne weiteres auf. Schreiben, Lesen und sonstiges Wissen
sind eben nur ein Faktor der Leistungsfähigkeit normaler Arbeitnehmer.
Von ihrem mehr oder weniger gebildeten Verstand, von der praktischen Betätigung
möglichst weitreichender Kenntnisse und Fertigkeiten, lebt das Land
jedenfalls nicht. Es geht da um eine Leistung anderer Art, die nicht mit
der kompetenten Abwicklung einer zweckmäßigen Tätigkeit
erbracht ist, sondern erst dann, wenn das Produkt dem Unternehmer Profit
abwirft; also mehr Geld einspielt, als das, welches der Arbeiter als Lohn
nach Hause trägt. Die dafür nötige "Qualifikation"
geht
nicht auf in intellektuellen Techniken und Berufswissen, sie wächst
auch nicht einfach durch mehr davon, sondern besteht in dem möglichst
ausgiebigen Einsatz von Muskel, Nerv und Hirn nach dem Kommando und zum
Nutzen des Arbeitsanwenders - und diese Anwendung der Arbeitskraft durchs
Kapital kommt bei einem nicht geringen Teil der Arbeiterschaft sogar ganz
ohne alle normalen Verständigungsmöglichkeiten aus. Millionen
ausländischer Arbeitskräfte, die der deutschen Sprache gar nicht
mächtig sind, spielen ihre Rolle als Ausbeutungsobjekte einwandfrei.
Den Klagen über eine unzureichende Brauchbarkeit des Arbeiternachwuchses
widerspricht denn auch der tatsächliche Gebrauch, der von der
aktuellen Arbeitergeneration gemacht wird. Die Hartz-Kommission der Bundesregierung,
die sich mit den Millionen vom Kapital ausgemusterten und nicht gebrauchten
Arbeitskräften beschäftigt, jedenfalls klagt nicht über
einen Mangel an Elementar- oder Fortbildung bei den Arbeitslosen; sie macht
im Gegenteil das überreichliche Berufswissen und die - nicht
nachgefragten - und deshalb überflüssigen Qualifikationen,
über die diese verfügen und auf die sie Erwartungen an zukünftige
Arbeitsstellen und Bezahlung gründen, für die Schwierigkeiten
bei ihrer Wiedereingliederung verantwortlich. Schnelle Dequalifizierung,
die Zumutung von schlechterer und schlechter bezahlter Arbeit fördern
die kapitalistische Brauchbarkeit der "Überqualifizierten". Gewiss
auch die "Unterqualifizierten" machen den Arbeitsmarktpolitikern Probleme.
Dabei wird deren mangelnde Tauglichkeit aber nie anders ermittelt als durch
die hartnäckige Nicht-Nachfrage der Unternehmer nach ungelernten Arbeitslosen.
Ob und in welchem Maß diese für irgendwelche Anforderungen wirklich
untauglich sind, weiß niemand, denn sie sind einfach diejenigen,
die übrig bleiben, wenn Unternehmer sich aus einem Überangebot
von Arbeitskräften frei bedienen und schon für einfachste Tätigkeiten
Bewerber mit abgeschlossener Berufsausbildung bekommen können, denen
sie dann Hilfsarbeiterlöhne zahlen. Die Abhilfe, auf die Arbeitsmarktpolitiker
bei den Niedrigqualifizierten sinnen, besteht denn auch gar nicht darin,
ihren Wissensstand zu heben und fehlende Befähigung herzustellen,
sondern darin, sie den Unternehmern zu einem Niedriglohn anzubieten, der
denen eine zusätzliche Beschäftigung attraktiv machen soll.
Wäre Wissen die bestimmende Voraussetzung für erfolgreiches
Arbeiten, dann könnte es davon nie zuviel geben. Auf dem freiheitlichen
Arbeitsmarkt aber gibt es nicht nur zuwenig, sondern ebenso gut zuviel
Bildung. Sie ist schädlich, wenn ein Arbeitsplatz sie nicht braucht
und die angebotene Entlohnung sie nicht berücksichtigt. Im Idealfall
gelungener ‚Qualifikation' lernen und wissen die Leute genau das, was das
Kapital gerade von ihnen braucht, und nicht mehr. Bildung kostet schließlich,
sollte also knapp gehalten und nur nach Bedarf verabreicht werden. Bei
allen Klagen über die Dummheit des Nachwuchses geht es mithin nur
ums rechte Maß von Ausbildung und Unwissen. Nach "Pisa" herrscht
die Sorge, dass dieses Maß bei einem Teil des Nachwuchses allzu sehr
unterschritten wird.
Die Unzufriedenheit mit den Konkurrenzleistungen des Standorts findet einen
Sündenbock: Das "Human Capital" taugt nichts!
Woher diese Gewissheit, woher das Maß? Wie viel Analphabeten passen
zu einem High-Tech-Kapitalismus? Wie viel Bildung für die breite Masse
bzw. wie viel Aufwand dafür lohnt sich? Einerseits gibt die tatsächliche
Nachfrage der Unternehmer nach qualifizierten Arbeitskräften eine
sehr negative Auskunft: Schon der bisherige Bildungsaufwand lohnt sich
nicht, weiterer erst recht nicht: Dass es längst zu viele Bewerber
aller Qualifikationsniveaus gibt, dokumentieren sie dadurch, dass sie sich
von den vier Millionen Arbeitslosen nur sehr wenige abholen. Mehr Arbeitskräfte,
als sie beschäftigen, kann ihre Profitmacherei weder brauchen noch
bezahlen. Sie müssen keine Geschäftsgelegenheit auslassen, auf
keine Investition verzichten, weil sie die Leute nicht finden können,
die sie für die Erledigung bestimmter Arbeiten brauchen. Auf der anderen
Seite klagen sie zwar darüber, dass viele Schulabgänger, die
sie in die Lehre nehmen, "nicht ausbildungsfähig" seien; aber diese
Klagen sind nicht zum Nennwert zu nehmen und in der Öffentlichkeit
bisher auch nicht genommen worden - immerhin sind das Klagen, welche die
Lehrlingsausbildung begleiten und nicht beenden. Es wäre ja auch absurd:
Ausgebildete Erwachsene können Deutschlands Unternehmer massenhaft
nicht gebrauchen, klügere Anwärter auf einen künftigen Arbeitsplatz
aber schon?! Im übrigen ist der jeweils aktuelle Bedarf des Kapitals
ohnehin kein brauchbares Maß für den Bildungsbedarf der Nation;
schließlich soll der die Zukunft des Standorts sichern - und ihre
morgige Nachfrage wissen die Unternehmer heute selber noch nicht. Weder
aus dem tatsächlichen Gebrauch, noch aus der Nichtbenutzung der Arbeiterbevölkerung,
weder aus dem aktuellen noch aus einem vermuteten zukünftigen Arbeitskräftebedarf
ist also ein Maß für den nationalen Bildungsbedarf abzuleiten.
Und dann soll eine internationale Studie, die sich mit der Frage nach dem
rechten Maß an Ausbildung zur Sicherstellung einer kapitalistisch
brauchbaren Arbeiterschaft sowieso nicht befasst, sondern mit einem Vergleich
der Leistungsfähigkeit nationaler Schulsysteme, auf einmal die Antwort
geben. Sie tut es: Nach "Pisa" bekommen die berufsmäßigen Klagen
der Unternehmerverbände plötzlich offiziell Recht und die jahrzehntelange
Verwahrlosung Jugendlicher durch Schule und Erziehung gilt jetzt als untragbarer
nationaler Missstand. Freilich, in Wahrheit liegt das nicht daran, dass
die ‚Erkenntnisse' der Studie den Zuständigen jetzt plötzlich
die Augen geöffnet hätte. Die Studie - von ihrer Art hat es schon
mehrere still abgelegte Vorläufer gegeben - bekommt nationales Gewicht
und breite Popularität, weil sich die Elite der Nation von ihr eine
Frage beantworten lässt, die sie angesichts von Wirtschaftskrise,
stagnierenden Arbeitslosenzahlen und der roten Wachstums-Laterne in Europa
umtreibt: Was läuft verkehrt in diesem Deutschland? Bei "uns" hätte
das Wachstum zu klappen, auch wenn es sonst überall auf dem Globus
kriselt. Und, so die vom nationalen Erfolgsanspruch diktierte Antwort,
das würde es gewiss auch, wenn nicht irgendeine Standortbedingung
der Nation den Dienst schuldig bliebe. Dank "Pisa" weiß man welche:
Deutsche Schüler lesen und rechnen schlechter als Finnen, Schweden
und sogar Amerikaner - da kann aus Deutschland ja nichts werden. Für
diese Einsicht muss man das oben angesprochene Verhältnis nur umdrehen
und von der Nachfrage nach Arbeitskräften, welche die Unternehmer
nach ihren Konjunkturen ausüben, auf die Qualität des Produktionsfaktors
schließen, der da - viel zu wenig - nachgefragt wird. Man schließt
vom national-kapitalistischen (Miss-)Erfolg auf die (Un-)Brauchbarkeit
des dafür eingespannten Menschenmaterials zurück und lastet
der Dummheit der Massen die Wachstumsschwäche des Standorts an.
Bildungskrise ist, wenn die Schule für einen Misserfolg des Wirtschaftsstandorts
verantwortlich gemacht wird.
Diese verkehrte "Erklärung" der deutschen Misere wird jetzt zur Richtschnur
der Kritik an der Institution, die für die Herstellung eines nützlichen
Arbeitsvolkes zuständig ist. Die Schule erledigt ihr Geschäft
schlecht, wenn sie der Wirtschaft nicht die richtigen Leute liefert.
Sie versäumt es, die Jugend an die Anforderungen des Kapitals anzupassen,
bereitet sie also schlecht auf das Leben vor - was ja wohl dasselbe
ist. Diese Kritik enthält einerseits ein Eingeständnis hinsichtlich
der Rolle des Wissens in unserer modernen "Wissensgesellschaft". Die gnadenlose
Gleichsetzung der kapitalistischen Brauchbarkeit der Arbeitskraft mit Bildung
rückt ja das eingangs zitierte Selbstbewusstsein der "Wissensgesellschaft"
einigermaßen zurecht: Während man es immer wieder gerne so sieht,
dass das Wissen die Leistungsfähigkeit der Bürger definiert,
gehen diese Klagen davon aus und halten es für selbstverständlich,
dass der vermutete Bedarf des Kapitals definiert, was als Wissen gilt und
deshalb Bildungsauftrag der Schule zu sein hat. Zweitens pflegt die Kritik
von dieser Selbstverständlichkeit ausgehend allerdings einen ziemlich
anmaßenden Idealismus: Sie misst die Leistungen der Schule an den
Wachstumserfolgen der Wirtschaft, die diese Erfolge gar nicht herbeiführen
kann; und sie sieht dabei geflissentlich darüber hinweg, dass die
Funktionalität des von der privaten Benutzung der Arbeitskräfte
getrennten öffentlichen Ausbildungswesens für den nationalen
Kapitalismus anderer Natur ist. Seine Produktion von Absolventen ist nicht
besser oder schlechter, sondern - qualitativ wie quantitativ - gar nicht
auf den aktuellen Bedarf des Kapitals bezogen und bedient ihn gerade dadurch.
Schließlich unterrichten die verschiedenen Schulen Kinder und
Jugendliche getrennt von den Anforderungen des späteren Arbeits-Einsatzes,
der ja noch gar nicht fest steht, in einem
eigenen Kanon der Elementar-
und Allgemeinbildung. Der ergibt sich aus den grundsätzlichen
Kulturtechniken, dem staatsbürgerlichen Moralkodex und Fertigkeiten
wie Schreibmaschineschreiben und Computerbedienung, die in mehr oder weniger
allen Berufen dazu gehören. Die Schule tut ihren nationalen Dienst,
indem sie die Vermittlung auch des bescheidensten Grundwissens nicht übertreibt
und nicht etwa darauf besteht, dass kein Zögling die Schulbank verlässt,
ehe er nicht wenigstens dieses einwandfrei beherrscht. Sie konfrontiert
die Schüler mit ihrem Angebot und sieht zu, wie gut die einzelnen
damit fertig werden. Sie bereitet ihre Zöglinge aufs "Leben" vor,
indem sie der "echten" Konkurrenz des Erwerbslebens eine schulische Konkurrenz
um Noten vorschaltet. Und sie bedient dadurch private und staatliche Arbeitgeber
mit vorsortierten Jahrgängen junger Menschen, die in Noten und Abschlüssen
dokumentieren, wie gut sie sich an den Anforderungen der schulischen Konkurrenz
bewähren konnten. Das Ausbildungswesen berücksichtigt dabei den
fiskalischen Standpunkt, dass Bildung kostet, Steuerzahler, Wirtschaft
und Staatshaushalt belastet, und daher sparsam zu verabreichen ist. Es
vermittelt Wissen nach Maß eines funktionalen Minimums und bildet
in seinen hierarchischen Stufen grob die Pyramide der Einkommens- und Verantwortungspositionen
der Klassengesellschaft nach, der es dient: wenige oben, viele unten. Die
Differenzierung ihrer Schüler erzeugt die Institution dadurch, dass
sie schlechte Schüler nicht extra fördert, um deren Lücken
auszugleichen, sondern sie am durchschnittlichem Tempo und Erfolg des Wissenserwerbs
in der Klasse misst, sie daran scheitern lässt und wegen erwiesener
Unfähigkeit von weiterer Unterrichtung ausschließt. Mehr Zeit
zum Lernen und Studieren gewährt das System denen, die sich dabei
von vornherein leichter tun und geschickter anstellen. Der beschränkte
Wissensstand der Mehrheit der Schüler ist kein Versagen der Schule,
sondern ihr systemkonformes und legitimes Resultat ebenso wie die Herausbildung
einer als ‚gebildet' anerkannten Schüler-Elite auf der anderen Seite.
Beides ist die passende Zubereitung der Jugend für ihre späteren
Rollen. Selektion und gestaffelte Ausbildungszeiten versorgen die Wirtschaft
national kostengünstig mit Leuten, die zu dem taugen, wofür man
sie haben will - und das sogar mehr oder weniger in den richtigen quantitativen
Proportionen.
Wenn dann die tatsächliche Benutzung, die das Kapital von den Produkten
des Schulsystems macht, dazu führt, dass die Proportionen der Nachfrage
durch die davon getrennte, staatliche Ausbildung nicht voll getroffen sind,
hagelt es die ungerechte, und zugleich einzig gültige Kritik, die
es am kapitalistischen Ausbildungssektor gibt: Er hat zu viele Leute zu
weit kommen lassen oder zu wenige; er hat ihnen das Falsche beigebracht
oder überhaupt zu viel oder zu wenig; er hat insgesamt zu viel gekostet
oder zu wenig Qualität geliefert. Die Pisa-Studie hat ermittelt, dass
das Schulwesen hierzulande die Scheidung zwischen den höher Gebildeten
und den halben und ganzen Analphabeten radikaler durchführt als anderswo;
das kann von seiner Effizienz zeugen oder vom Gegenteil. Erst die Interpretation
der Studie aus dem Geist der Unzufriedenheit mit den Leistungen des Standorts
ergibt das eindeutige Urteil: Diese Scheidung fällt zu radikal aus,
also Schulversagen auf der ganzen Linie.
Blödsinn und politischer Streitwert einer Bildungsdebatte
Soviel steht damit fest: Die Schule hat sich zu ändern. Bildungspolitiker
fordern die Wiederherstellung eines Entsprechungsverhältnisses, das
es nie gegeben hat; zwischen einem Bedarf des Kapitals nämlich, der
überhaupt nicht feststeht, und einer Nachwuchsproduktion, die sich
ohnehin nicht daran orientiert und nicht daran orientieren kann. Das -
angeblich verletzte - Entsprechungsverhältnis übersetzen sie
in ein immanentes Versagen der Schule und leiten aus dieser Diagnose pädagogische
Konzepte, Lehrmethoden und Schulformen zu ihrer Besserung ab. Zuerst wirft
man die Frage nach den Bildungszielen auf: Was will die Gesellschaft vom
Nachwuchs? Es wäre richtiggehend einfach, wenn es nun hieße:
Alle Jugendlichen sollen gescheit Schreiben, Lesen und Rechnen lernen;
da wüssten die Lehrer wenigstens, was sie zu tun hätten. Aber
die Defizite, die "Pisa" aufdeckt, stehen ja längst für mehr:
Der Nachwuchs taugt nicht für den Konkurrenzerfolg der deutschen Industrie.
Die elementaren Kulturtechniken werden umgedeutet in allgemeine Schlüssel
zum Erfolg und als solche propagiert; zunächst als Schlüssel
des schulischen Erfolgs: Schreiben und Lesen werden zur "Schlüsselqualifikation"
für alle anderen Fächer aufgewertet, "Kompetenz-Kompetenz" oder
"Lernen-Können" genannt. Dann, der Mensch lernt schließlich
für das Leben, bekennen sich die Nationalpädagogen dazu, dass
sie weniger auf Schreiben und Lesen, sondern überhaupt mehr auf diese
Universalkompetenz als solche abzielen: Sie drücken, was die Arbeitswelt
den ihr Ausgelieferten zumutet - unbestimmte, schnell wechselnde Anforderungen
- als Fähigkeit aus, mit ihnen zurechtzukommen; und von dieser schönen
Fähigkeit möchten sie bei der Jugend mehr sehen. Die Schule soll
"Problemlösungskompetenz" vermitteln, d.h. sie zur flexiblen Anpassung
an alle ihnen aufgemachten Anforderungen befähigen. Von da her sprechen
sich einige Bildungspolitiker dann sogar im Namen dieser methodisch konstruierten
"Fähigkeit" gegen die Vermittlung von Wissen aus, dessen generelle
Defizite die Pisa-Studie, Kronzeuge aller Klagen, zum Gegenstand hatte.
"Der Erwerb von Lösungskompetenz und Lebenstüchtigkeit ist
im Zweifelsfall wichtiger als die Anhäufung von Quiz-Wissen" (Der
Spiegel 20/02, S. 118). Nur für Ratespiele nützlich findet Frau
Schavan, Kompetenzfrau im Stoiber-Team und Schulministerin in Baden-Württemberg,
Wissen für die Masse der Hauptschüler, ein Luxus, von dem sich
die Schule längst zu viel leistet. Ihr zufolge "kommen wir mit
reinem Faktenwissen nicht weiter, wir brauchen die Bildung von Persönlichkeiten"
mit jenen Werten und Tugenden, die den braven Dienstmann auszeichnen.
Endgültig wird die Leseschwäche zum Resultat und Sinnbild einer
moralischen Schwäche, der die Schule konsequenter vorzubeugen hätte:
Leistungswille, Leistungsorientierung und Disziplin fehlen der heutigen
Jugend: "Dass die ‚Kultur der Leistung' weniger entwickelt ist als anderswo
auf der Welt, hat offenbar zu den schweren Rückständen deutscher
Schüler im Schreiben und Rechnen beigetragen; denn gerade diese Kulturtechniken
sind ohne Fleiß und beharrliches Üben nicht zu erlernen."
(Ebd., S. 104)
Der zweite Teil der Reformdebatte befasst sich mit den pädagogischen
Wegen, mit denen das schöne Ziel zu erreichen wäre. Die Beiträge
sind getragen von einem grenzenlosen Manipulationswillen und -wahn: Man
muss, so die Vorstellung, nur die richtigen Motivationen setzen, didaktischen
Methoden anwenden und schon zeigt die Jugend die erwünschte Reaktion.
Der Pluralismus der Beiträge verrät dann wieder, dass von den
beschworenen Mechanismen keine Rede sein kann: Soll die Bildungspolitik
die erfolgreichen
"Pisa"-Länder zum Vorbild nehmen, in denen ein ordentlicher
Drill herrscht, oder lieber interessanten Unterricht verordnen? Sollte
die Notengebung schon in den ersten Schuljahren beginnen, damit sich die
Schüler an die Leistungsgesellschaft und ihre Niederlagen besser gewöhnen,
oder lieber erst später, damit der kindliche Wissensdrang nicht zu
früh frustriert wird? Sind Gesamtschulen geeigneter, die Breite eines
Jahrgangs zu mehr Leistung zu bringen, oder kann gerade das dreigliedrige
System der südlichen Bundesländer jeden auf seinem Niveau besser
fordern? Sollten Ganztagesschulen die Kinder länger unter Kontrolle
ihrer Lehrer halten; oder sollten lieber ins Schulleben eingebundene Eltern
das häusliche Lernumfeld verbessern? Sollte die Politik die Schulen
und die Leistungen der Schüler strenger an einem bundesweit einheitlichen
Maßstab kontrollieren, oder ihnen mehr Raum zur Gestaltung einer
attraktiven Schulidentität lassen? Alle diskutierten "Methoden" lassen
erkennen, dass sie den Umgang der Institution mit Desinteresse und Unwillen
der Schüler zu optimieren trachten. Dass die Schule mit ihrer Selektion
selbst das größte Hindernis für die Wissensvermittlung
ist, kommt dabei sogar vor, gilt aber natürlich nicht als Einwand.
Diese Leistung der Schule für die Gesellschaft ist unverzichtbar.
Die Debatte um Techniken der Lenkung und Führung, mit denen der
Jugend mehr Leistung entlockt werden soll, kommt so auf ihren Kern: die
nationale Führungsfrage, die im Wahlkampf ausgefochten wird. Für
den bayrischen Herausforderer beweist "Pisa" ein Führungsversagen
der SPD und die Schädlichkeit ihrer Werte. Er sieht eine linke "Schmusepädagogik"
und einen vermeintlich antiautoritären Erziehungsstil durch den internationalen
Leistungsvergleich bloßgestellt, die konservativen Werte - ‚Leistungsorientierung',
‚Disziplin' - und die in Bayern übliche strikte Trennung der ‚Dummen'
von den ‚Gescheiten' schon nach vier Klassen umgekehrt glänzend bestätigt:
Bayrische Schüler bringen auf allen Niveaus mehr Leistung. Die SPD-regierten
Bundesländer reden den bayrischen Pisa-Vorsprung klein und legen den
Finger auf das schlechte Anschneiden aller deutschen Regionen etwa im Verhältnis
zu den Skandinaviern. Der Kanzler verteidigt nichts, sondern beweist Tatkraft
bei der Korrektur der Fehlentwicklungen: Er wirft schnell mal 4 Mrd. Euro
für die Einrichtung von Ganztagesschulen in den "sozialen Brennpunkten"
einiger Großstädte aus, die von der christlichen Opposition
umgehend als Angriff auf ihre Kulturhoheit zurückgewiesen werden.
Das führt zu Streit über einen noch höheren deutschen Wert:
Ist der Föderalismus in Sache Unterricht und Kultus das größte
Hindernis einer gescheiten Bildungspolitik, oder ist er die Voraussetzung
eines fruchtbaren Bildungswettbewerbs, wie die CDU ihn haben will?
Das kommt heraus, wenn die politischen Führungsfiguren an Lesen
und Schreiben den nationalökonomischen Erfolg thematisieren und sich
dabei Versagen vorwerfen. Die Frage, ob die Schüler genug und das
Richtige lernen, löst sich voll auf in die grundsätzlichere,
wie das Volk anzupacken, zu erziehen, und zu führen sei. Das um so
mehr, als Deutschland ja gar kein Problem mit seiner Bildungselite, ihrem
Ausbildungsstand und ihrer Leistungsfähigkeit hat, sondern den Bodensatz
der Bildungs- und Berufshierarchie bezichtigt, dem Vaterland die fällige
Leistung schuldig zu bleiben. Die Bewerber um die politischen Führungsposten
streiten vor dem Volk darüber, wie es besser auf die ihm gebührenden
Dienste an Wirtschaft und Staat zu verpflichten und zu höherer Leistung
zu kommandieren sei. Und das Volk darf wählen, welchem Führer
es lieber folgen will. Für diese Entscheidung liefern ihm die Konkurrenten
mit ihrer Bildungsdebatte Hilfestellung.
Kein Wunder, dass dieses Wahlkampfthema bald vom Hochwasser und den
Vorschlägen der Hartz-Kommission zur ‚Bekämpfung der Arbeitslosigkeit'
verdrängt wird. Das sind schließlich die öffentlich ausgemachten
aktuellen Standortprobleme, die schon wieder und nach allgemeiner Auffassung
noch viel dringlicher nach entschiedener Führung verlangen.
© 2002 GegenStandpunkt Verlag