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GegenStandpunkt 1-02
WTO-Konferenz in Doha erfolgreich:
Der "Wohlstand für alle” ist nicht mehr aufzuhalten!
In einem Ölscheichtum am Persischen Golf treffen sich Abgesandte der
WTO-Mitgliedsländer zu einer Ministerkonferenz und liefern der Welt
ein einziges Dementi des Gerüchts, das ihre "Welthandels-Organisation”
und ihre Bemühungen um ein weltweites Geschäftsleben dennoch
hartnäckig begleitet: der Legende vom "wechselseitigen Nutzen des
freien Handels”. Diese wahre und wahrhaftige "Quelle des Wohlstands für
Familien, aber auch für Städte und Regionen, wobei der überregionale
Handel ... die Angebotspalette bereichert und den Kontakt zu fremden Sitten
und Gebräuchen eröffnet” (Gabler Wirtschaftslexikon, 12. Auflage
1988, S. 2305), stellt sich in Doha als erbitterter kleinlicher Streit
zwischen den beteiligten Mächten dar, namentlich zwischen den von
etwas unterschiedlichen "Sitten und Gebräuchen” geprägten Gruppen
der "Industrie-” und der "Entwicklungsländer” - schließlich
geht es um eine "Entwicklungsrunde”! -; die "völkerverbindende Funktion
des Handels” (ebda.) tobt sich aus in einem tage- und nächtelangen
Gezerre um eine Tagesordnung für eine auf ca. 3 Jahre angelegte Verhandlungsrunde
über Neuerungen bei der Regulierung des weltweiten Wirtschaftens.
Es muss schon ein merkwürdiger "Wohlstandsgewinn für alle und
besonders für die weniger entwickelten Staaten” (SZ, 16.11.) sein,
wenn bereits dessen Vorbereitung, das "Ringen um die Zukunft der Weltwirtschaft”,
"fünf Tage und Nächte” andauert und immer "haarscharf an einem
Debakel vorbeischrammt” (HB, 15.11.), wie es zuletzt zwei Jahre zuvor in
Seattle tatsächlich eingetreten ist (hierzu: GegenStandpunkt 3-2000,
S.113-129); wenn zwischendrin die Gefahr an die Wand gemalt wird, dass
im Falle nochmaligen Scheiterns "früher oder später ein Handelskrieg
drohe”, bis dann in einer "multilateralen Zangengeburt” doch noch ein Abschlussdokument
das Licht der Welt erblickt (NZZ, 15.11.). Aber so geht es eben zu, wenn
Staaten wild entschlossen sind, zum "Segen der Menschheit” miteinander
Handel zu treiben: Dann müssen sie sich am Ende eben auch noch auf
einer Ministerkonferenz über die Vorbereitung einer Verhandlungsrunde
über das Regelwerk für die ordentliche Abwicklung ihrer Interessengegensätze
herumstreiten, nur um sich über den gemeinsamen Wunsch nach lauter
echt großartigen "Chancen für weltweites Wachstum und Wohlstand
für alle” (SZ, 15.11.) einig zu werden. Bis zur totalen Erschöpfung
verhandeln sie dann - und einigen sich schließlich "in letzter Sekunde”
darüber, ob und in wie konstruktiver Absicht, nach welchem Zeitplan
und in welcher Reihenfolge ein mittelgroßes Heer von Diplomaten sich
in den kommenden 36 Monaten um Alternativen des folgenden Kalibers streiten
soll:
-
Soll der "Marktzugang für nicht-landwirtschaftliche Produkte” jetzt
endgültig weltweit völlig freigegeben werden, damit jeder Kunde
auf dem Globus beim billigsten Anbieter zugreifen kann? Oder muss nicht
doch ein gewisses Recht auf Restriktionen erhalten bleiben, weil die "Entwicklungs-”
und "Schwellenländer” sonst keine Chance gegen Billigimporte aus den
"Industrieländern” haben und "weiter zurückfallen”?
-
Soll man die Exportsubventionen für Agrargüter, die die "reichen
Industrieländer” sich leisten,
auslaufen lassen, damit die Billiganbieter
aus der "3. Welt” eine Chance haben, daheim und auswärts auf dem Weltmarkt
zum Zuge zu kommen? Oder muss ein moderner Kulturstaat nicht doch noch
das Recht behalten, etwas für seinen andernfalls konkurrenzunfähigen
Bauernstand zu tun?
-
Soll man den Handel mit Industriegütern, bei deren Herstellung die
Umwelt eklatant verwüstet, Kinderarbeit eingesetzt und gegen jede
"soziale Mindestnorm” verstoßen wird, behindern dürfen? Oder
muss man den "Schwellen-” und "Entwicklungsländern” - und den "Industrienationen”
damit natürlich auch - nicht doch das Recht einräumen, bei der
Belieferung des Weltmarkts so wüst zu Werk zu gehen, wie ihre Konkurrenzkalkulationen
es ihnen gebieten?
-
Sollen die weltweiten Vermarktungsrechte für Pharma-Produkte beim
Erfinder und Patentinhaber bleiben und lückenlosen internationalen
Schutz genießen? Oder muss ein Land im Katastrophenfall nicht auch
auf Generica aus eigener Produktion zurückgreifen dürfen?
Und anderes mehr von der Art.
Das alles verspricht noch heiße Debatten und ein langwieriges
diplomatisches Ringen - zwischen den professionellen Erpressern, die im
Interesse der Bereicherung einer nationalen Kapitalistenklasse und ordentlicher
staatlicher Haushalte, gestützt auf die Wirtschaftsmacht und die Weltmarktanteile
ihrer Nation, ihren jeweiligen Kontrahenten Regelungen zu Gunsten des jeweils
eigenen Ladens aufs Auge zu drücken versuchen. Und das ist auch völlig
in Ordnung so. Denn die Alternativen, um die es da geht,
sind eine einzige abschreckende Klarstellung über die ganze Veranstaltung,
deren einvernehmliche Regelung immer so viel erpresserischen Aufwand erfordert:
-
"Nicht-landwirtschaftliche Produkte”, deren "Marktzugang” so strittig ist,
gibt es offenbar weltweit im Überfluss - und ausgerechnet das ist
ein Riesenproblem! Dass in der Welt mehr nützliches Zeug hergestellt
als nachgefragt wird, schafft kein leichtes Leben für alle, keine
allseitige Bequemlichkeit, sondern verschärft die weltweite Konkurrenz
um die Monopolisierung
des Nutzens und stiftet komplementär
dazu massenhaft wachsendes Elend! Warum? Weil es beim "Handel zum
wechselseitigen Nutzen” eben nicht um die bequemst mögliche Versorgung
der Menschheit geht, sondern um den per Warenverkauf bewerkstelligten Zugriff
auf fremdes Geld. Auf der Grundlage tobt zwischen den zuständigen
Staatsgewalten der diplomatische Kampf um Regelungen, die gar nichts anderes
bezwecken als Modifikationen bei der nationalen Verteilung dieses
Nutzens und die auch nichts anderes bewirken als die eine oder andere Korrektur
bei der Verteilung der Not, die nach der Logik der Marktwirtschaft
aus dem Überfluss an Gütern erwächst. Der unabschließbare
Streit der Nationen um derartige Modifikationen und Korrekturen ist, umgekehrt,
die Art und Weise, wie die Grundlage des ganzen Elends: die lückenlose
universelle Herrschaft des Geldes über die Versorgung, unverbrüchlich
in Kraft gesetzt und gehalten wird.
-
Zerstörung der Lohnarbeiter durch ihre Arbeit, Löhne unter dem
Existenzminimum, Vergiftung und Verwüstung elementarer Lebensbedingungen
- das sind so ein paar der Formen des Elends, das der globale Konkurrenzkampf
um Gelderlöse aus im Überfluss vorhandenen oder zu schaffenden
Waren mit sich bringt. In manchen Nationen sind ziemlich verheerende Ausprägungen
dieses Elends geradezu das Mittel der zuständigen Staatsgewalt, ihre
Klassengesellschaft überhaupt weltmarktwirtschaftlich nützlich
zu machen und sich die Subsistenzmittel ihrer Macht zu beschaffen. Auf
der Basis wird dann darum gerechtet, ob es sich bei den brutalsten derartigen
Verhältnissen um ein gerechtes Geschäftsmittel handelt, das man
den "armen Staaten” nicht wegnehmen darf, oder um einen ungerechten Konkurrenzvorteil,
den man ihnen um der armen Opfer willen wegnehmen müsste. Massenelend
fürs Geschäft oder Massenelend durch Geschäftsruin: Das
ist die heiße Frage.
-
Agrargüter scheint es erst recht überreichlich zu geben: Die
"3. Welt” könnte sich selbst und den "industrialisierten” Norden zu
guten Teilen noch dazu durchfüttern, umgekehrt der "Norden” sich selbst
und den "südlichen” Rest der Welt. Und - warum geschieht nichts dergleichen?
Warum gerät im Gegenteil die "Versorgung” fremder Länder mit
billigem Essen automatisch zum Nachteil oder sogar zum Desaster ausgerechnet
für die so billig belieferten Länder? Warum stiftet ausgerechnet
die mit freigebigen Subventionen bewerkstelligte Vermarktung von "nördlichen”
Agrarüberschüssen im "Süden” des Globus dort Armut bis zur
Hungersnot? Warum können die im "Süden” sich nur dann eine Überlebenschance
ausrechnen, wenn sie die Nordlichter mit viel Arbeitsaufwand billig verköstigen?
Eben: weil die Marktwirtschaft auch die pure Subsistenz zur Nebenwirkung
gelungener kapitalistischer Geldvermehrung degradiert und das entsprechende
Geschäft gerade auf Basis weltweiten Überflusses nur den Kapitalkräftigsten
gelingt. Und weil die politischen Gewalten, die alle nach bestem Vermögen
an der gewaltsamen Kontrolle des Weltgeschehens mitwirken, ausschließlich,
dafür aber erbittert darüber herumrechten, wie die Regelungen
im Einzelnen aussehen sollen, nach denen auch noch die letzte Mahlzeit
eines Erdenbürgers ein Beitrag zur Mehrung und nationalen Zurechnung
kapitalistischen Reichtums ist - oder erst gar nicht stattfindet.
-
Menschen hungern nicht bloß, obwohl es genug zu essen gibt - und
verhungern sogar nach allen Regeln der Marktwirtschaft,
weil
es mehr als genug zu essen gibt -. Sie leiden unter und sterben
an den schaurigsten Krankheiten, in vielen Weltgegenden sogar massenhaft,
obwohl es wirksame Vorbeugungsmethoden und Heilmittel gibt. Der Grund,
schon wieder: Die Patienten haben das Geld nicht, das die Weisheit der
weltmarktwirtschaftlichen Ordnung als unerlässliche Voraussetzung
vor ihre Überlebenschance gesetzt hat. Die für sie zuständigen
Staaten haben für ihre Versorgung kein Geld übrig; und die Staaten,
die Geld haben, haben es für die Versorgung auswärtiger Epidemieopfer
nicht übrig. Denn menschenrechtlich gesinnte Regierungen sind erst
einmal mit Geldvermehrung und -beschaffung beschäftigt. Und in dem
Zusammenhang kommt die medizinische Kunst ganz anders vor: nicht als Versorgungsgut,
das dahin geschafft wird, wo es am nötigsten gebraucht wird, sondern
als geistiges Eigentum, ausgestattet mit einem Preis, der die Bestimmung
an sich hat, kapitalistische Unternehmer reich und deren nationalen Standort
erfolgreich zu machen. Nur für den Fall eines nationalen Notstands
wollen die nationalen Machthaber sich das Recht auf eine Ausnahme von der
Regel vorbehalten, die sie machtvoll ins Werk setzen; um die Regulierung
dieser Ausnahme wird gestritten. Allen Ernstes wird nach der gerechten
Mitte gesucht zwischen dem Recht der Gesundheitsindustrie auf eine gesunde
Rendite und der Ermessensfreiheit einer Regierung, ein Massensterben irgendwann
als nationales Problem zu definieren und als Notstandsfall anerkannt zu
kriegen.
Das sind so die Interessengegensätze, um die nach dem in Doha glücklich
beschlossenen Fahrplan demnächst ausgiebig gestritten werden soll.
Die Streitfragen selbst sind unstrittig: Ausschließlich innerhalb
der vorgegebenen Alternativen kommen Alternativ-"Lösungen” in Frage.
Dafür stehen alle 140 + x Staaten ein, deren Diplomaten sich
in Doha ihre Arbeitsplätze bis auf weiteres gesichert haben; ganz
gleich, ob sie daheim eine "Entwicklung” regieren, die sich im Weltvergleich
immer rückwärts "entwickelt”, oder eine "Schwelle”, über
die ihre Klassengesellschaft nie hinweg kommt - jedenfalls nie so gut wie
der Reichtum der Reichen der Nation -, oder eine "Industrie” samt Börsenkursen
und Arbeitslosen. Sie streiten miteinander um je für sie vorteilhafte
Regelungen, die allesamt ein und dieselbe Sache regeln: eine Weltwirtschaft,
in der es um die Konkurrenz um Eigentum und um sonst gar nichts geht. Ihre
Interessengegensätze, die zu so ausgiebigen handelsdiplomatischen
Kontroversen Anlass geben, und zwar alle ihre Gegensätze, beruhen
auf dem einen alternativlosen Konsens: Auf dieser Welt wird kapitalistisch
gewirtschaftet - oder gar nicht. Umgekehrt ist
dieser Konsens, ist
diese Sache für die übelsten Streitereien zwischen den
Staaten gut; für Wirtschafts- und auch andere Sorten Krieg.
Dass es dazu keine Alternative gibt: Das hat die Ministerkonferenz
von Doha wieder einmal machtvoll festgeklopft.
© 2002 GegenStandpunkt Verlag