GegenStandpunkt 1-02
”Afghanistan hat nunmehr eine große Chance zum Frieden und
Wiederaufbau, die Chance zu einem einigen, unabhängigen Afghanistan.
Jetzt gibt es die Chance für eine Zukunft, in der Terrorismus und
Gewalt keinen Platz mehr haben. ... Niemand will und niemand kann Ihnen
diese Verantwortung abnehmen...Die Staatengemeinschaft ist zu einer großen
Anstrengung bereit. Sie verbindet damit klare Erwartungen: Erstens: die
Einigung auf verbindliche Regeln für einen friedlichen politischen
Neuanfang und auf eine breite, ausgewogene Übergangsregierung. Zweitens:
die Achtung und den Schutz der Menschenrechte. Dazu gehört an vorderster
Stelle, den Frauen ihre Rechte und ihre Würde zurückzugeben.”
Um Laissez faire handelt es sich bei dieser Zueignung der Verantwortung
nicht, mehr um ein "In-die-Verantwortung-nehmen”. Die freie Presse jedenfalls,
die Selbstregierung über alles schätzt, versteht den Außenminister
auf Anhieb und wundert sich kein bisschen, dass die Formierung eines afghanischen
Souveräns keine ”innerafghanische Angelegenheit” ist : ”An den
Konferenztischen gelten freilich die Regeln des Westens. Gleich zu Beginn
hatte der aus Berlin eingeflogene Bundesaußenminister Joschka Fischer
in seinem Grußwort die Teilnehmer diplomatisch verbrämt auf
die harten Tatsachen hingewiesen: Mit finanzieller Unterstützung könne
das verwüstete Land am Hindukusch nur rechnen, wenn es sich auf die
von den Vereinten Nationen diktierten Bedingungen einlasse - Geld gegen
Frieden.” (Der Spiegel 49/01, S. 194)
Als ”Rahmen für den politischen Prozess und als Garant innerafghanischer Vereinbarungen” werden die Vereinten Nationen eingesetzt. Ihr Sonderbeauftragter Brahimi wird "die Verwirklichung der Übereinkünfte überwachen und die neue Regierung in allen Fragen beraten”. Die Kandidaten der provisorischen Regierung werden von den Aufsichtsmächten eigenhändig ausgesucht: eine Hand voll afghanischer Stammesfürsten; diverse Mudschahidin, die ursprünglich von den USA gegen die Sowjetunion aufgerüstet wurden, seit dem Sieg der Taliban im Ausland sitzen, und nun aus ihrem Exil in Rom, Iran oder Zypern reaktiviert werden; sowie Krieger der Nordallianz, die bekanntlich die Schmutzarbeit im US-Krieg erledigt haben und deswegen Machtansprüche anmelden. Die ”Gäste” bekommen eine 8-Tage-Frist, um "die vorher geschmiedeten Befriedungspläne aus dem UNO-Hauptquartier” samt Zeitplan zu unterschreiben und sich auf eine Verteilung der Posten zu einigen, die von den Aufsichtsmächten genehmigt wird. Die Nordallianz, die sich ihre im Krieg erworbene Machtposition nicht streitig machen lassen will und gegen Einmischung von außen opponiert, wird damit bedroht, die amerikanische Unterstützung zu verlieren. Das vom Westen anerkannte Staatsoberhaupt Rabbani beharrt allzu hartnäckig darauf, dass "Entscheidungen über eine künftige Regierung letztlich in Kabul und nicht im Ausland getroffen werden müssten”, - damit ist er "aus dem Geschäft”. Schließlich berufen die Delegierten wunschgemäß den ”CIA-geprägten” Paschtunen Karzai zum Interimsregierungschef.
Diese Karikatur einer Konferenz, bei der es nichts zu verhandeln gibt, definiert Inhalt und Umfang der Kompetenzen der afghanischen Regierung. Sogar der zukünftige demokratische Staatsaufbau, der entsprechende Regierungen hervorzubringen hat, wird in Bonn detailliert in Auftrag gegeben: Die Regierung Karzai soll nur für eine Übergangszeit amtieren, während der eine Loya Dschirga, die große Stammesversammlung einzuberufen ist, die ihrerseits eine Regierung zu bestellen, eine Verfassung auszuarbeiten und für 2004 allgemeine Wahlen anzusetzen hat. Die internationalen Demokraten legen ausgesprochen großen Wert darauf, dass die Afghanen, die sie zur Führung der Amtsgeschäfte bestellen, auswärtige Direktiven ”nicht nur akzeptieren, sondern sogar als ihre eigenen ausgeben” (ebd.). Die Mentoren der afghanischen Selbstbestimmung haben schon an alles gedacht, so dass dieses hohe Gut offen als der imperialistische Oktroi dasteht, der es ist: Eingeborene Afghanen sollen sich als von ihrem Volk getragene, autonome Funktionäre der Weltordnungsmächte bewähren, die sie ins Amt hieven. Zur verordneten Souveränität gehört es schließlich, dass die versammelten Afghanen ”zum Schutz der Verwaltung den UN-Sicherheitsrat um ein Mandat für eine internationale Schutztruppe bitten”.
Der "Bitte” kann entsprochen werden. Die internationalen Aufpasser wissen
schließlich, was für Leute sie sich da angelacht haben und worin
deren Selbstbestimmung sich verwirklichen würde, wenn man sie ließe.
Schließlich haben vor allem die Amerikaner Entscheidendes dazu beigetragen,
dass der letzte Versuch, aus den Bergstämmen am Hindukusch eine Nation
zu formen, blutig gescheitert ist - der Versuch der linken Regierungen
nämlich, die 1979 die Russen zu Hilfe riefen. Seit dem Rückzug
der Schutzmacht und bis zum Sieg der Koranschüler kämpften die
einst verbündeten Feinde eines Zentralstaates - Clans, Warlords und
Räuberbanden, nach Völkerschaften sortiert - endlos und in wechselnden
Koalitionen gegen einander um Macht und Geländebesitz. Allen Beteiligten
ist klar, dass es nach dem Ende des von den Taliban erzwungenen Friedens
damit wieder von vorne losgeht, wenn "der Westen noch einmal den Fehler
macht, Afghanistan sich selbst zu überlassen.” Um die "echte Selbstbestimmung”,
die da unterdrückt wird, ist es also nicht schade. Es fragt sich nur,
was der fürsorgliche Westen an ihre Stelle setzt.
Dass es gelungen ist, die verfeindeten ethnischen Fraktionen und
Kriegsherren binnen einer Woche auf die Zustimmung zu einer neuen Staatsführung
in Kabul zu verpflichten, wird von stolzen deutschen Kommentatoren als
"Wunder von Petersberg” gefeiert. Dieses Wunder hat freilich eine andere
Ursache als die guten Worte Fischers oder die in Aussicht gestellten Gelder
für den Wiederaufbau. Es ist die Leistung des Gewaltmonopols, das
die USA über das Land herbei gebombt haben und das sie in denkbar
negativer Weise ausüben: Sie können alles vernichten, was sie
als Terroristen, d.h. als Feinde Amerikas betrachten - und sie tun das
auch.
Die formelle Wiedergeburt eines afghanischen Staates samt Regierung und Hauptstadt hält die Amerikaner überhaupt nicht davon ab, ihren Krieg gegen die überlebenden Stützen der alten Macht oder andere störende Widersetzlichkeiten überall dort fortzusetzen, wo sie das angebracht finden. Einsprüche ihres Mannes in Kabul der Art, dass nun seine Regierung für die Ausübung der Macht zuständig sei, die territoriale Integrität seines Landes respektiert werden solle und die Luftangriffe mal wieder aufhören - oder wenigstens angekündigt werden - müssten, überhört die Weltmacht nicht nur, derlei verbittet sie sich. Karzai hat seine Forderung denn auch schnell wieder zurückgezogen und sich dazu bekannt, dass die Afghanen nichts so sehr wünschten wie eine endgültige Vernichtung des Terrorismus und dass sie bereit seien, dafür weitere Opfer zu bringen - Opfer unter der Zivilbevölkerung, versteht sich.
Der jederzeit drohende Bombenterror ist der Humus, auf dem der Einigungs-
und Friedenswille der afghanischen Repräsentanten in Bonn so überraschend
gediehen ist. Die USA behalten es sich nämlich vor, zu entscheiden,
wer in Afghanistan Terrorist ist. Unter diese Definition können autonome
Lokalmächte fallen, vor allem dann, wenn sie sich der Jagd auf fliehende
Taliban und dem Ausräuchern der letzten Verstecke der Al Qaida nicht
voll und ganz zur Verfügung stellen. Das Gleiche muss nicht, kann
ihnen aber blühen, wenn sie es an Kooperation mit der internationalen
Aufsicht fehlen lassen. Als sich in Jalalabad nach der Flucht der Taliban
lokale Rivalen Kämpfe um die Herrschaft über die Stadt liefern,
wirft die US-Luftwaffe schon mal Bomben auf die Streitparteien.
Dabei stellt Amerika seine allgegenwärtigen Bomber keineswegs
in den Dienst der neuen Kabuler Regierungsmannschaft und ihrer landesweiten
Durchsetzung. Von der Art ist das Interesse an dem unterworfenen Land und
seiner neuen Führung dann doch nicht. Die großzügige Übereignung
der Verantwortung an Einheimische bedeutet vor allem eines: Die wahre Macht
über die Region erspart sich den Aufwand und die Risiken eines Besatzungsregimes.
Sie schafft sich einen Statthalter, der im Interesse seiner Selbstbehauptung
das "Machtvakuum”, das sie geschaffen hat, nach seinen Möglichkeiten
ausfüllt und damit mehr oder weniger für das sorgt, was Außenminister
Powell vom neuen Afghanistan will: "Terroristen und Drogenhändler
dürfen in Afghanistan nie wieder florieren können.” Eine
andere als die negative Rolle, kein Ort antiamerikanischer Umtriebe mehr
zu sein, hat die Supermacht für das Land nicht vorgesehen. Die einheimische
Mannschaft ist der Adressat für diesen Auftrag, an sie richten sich
Forderungen und Vorwürfe, wenn die Auftragserfüllung zu wünschen
übrig lässt. Ob Karzai zur Erledigung der ihm zugeteilten Aufgabe
überhaupt in der Lage ist, interessiert die Supermacht wenig. Sie
ist einerseits so frei, ihre Kabuler Kreation mit Afghanistan gleichzusetzen
und den Rest weitgehend zu ignorieren. Andererseits verlässt sie sich
für ihre Sache überhaupt nicht auf ihren Statthalter. Sie durchdringt
Afghanistan selbst mit Geheimdiensten, schickt Spezialkommandos zum Terroristenfang
durchs Land und setzt sich dauerhaft auf Luftwaffenbasen im Land und in
seiner Umgebung fest, um sicherzustellen, dass sich dort nie mehr Amerikafeindliches
regt.
Natürlich ist mit der Verpflichtung afghanischer Stammespolitiker
auf die Bildung einer gemeinsamen Regierung die Frage der Haltbarkeit dieser
Konstruktion wie die Frage ihrer Unkosten auf dem Tisch. Amerika aber lehnt
jede Zuständigkeit dafür ab. Für "nation building” in Afghanistan
steht es nicht zur Verfügung. Es hat, wie es die Sache sieht, mit
dem Bombenkrieg gegen die Taliban schon den übergroßen Teil
der Aufgabe erledigt. Für die Begleichung der Folgekosten und Folgelasten
verweist Präsident Bush seinen afghanischen Premier an andere: formell
an die UNO, diesen Formalismus einer gemeinsamen Verantwortung der Nationalstaaten;
praktisch an die westlichen Verbündeten. Bei der Geberkonferenz in
Tokio halten sich die USA zurück, aus der "internationalen Schutztruppe”
halten sie sich ganz heraus. Auch nach Bitten des UNO-Repräsentanten
Brahimi, Amerika solle der Schutztruppe Autorität und Durchsetzungskraft
durch eine eigene Beteiligung verleihen, haben sie keinen Dollar und keinen
Mann dafür übrig.
Bei den europäischen Imperialisten stoßen die Hilfsgesuche Karzais nicht gleich auf taube Ohren. Die wissen eines nämlich ganz genau - auch wenn das Land am Hindukusch bis vor wenigen Monaten nicht zur nächsten Sphäre ihres Interesses zählte: Wo auch immer geschossen wird, wo Amerika die Welt neu ordnet und das Kräfteverhältnis verschiebt, da müssen sie unbedingt mitmischen. Sie dürfen den Casus der Supermacht nicht alleine überlassen. Es heißt Flagge zeigen und europäische Handlungsfähigkeit demonstrieren! Wenn "Europa” schon beim Bombenkrieg zuschauen musste, soll wenigstens der Frieden die "europäische Handschrift” erkennen lassen.
Andererseits ist mehr als ein abstraktes "Dabei-Sein” nicht drin. Die USA haben die Macht über die Region inne und alle entscheidenden Positionen - Flugplätze, Lufthoheit - längst besetzt; und sie sind nicht bereit, das Kommando mit irgendwem zu teilen. Dadurch ist das militärische Engagement der Europäer darauf festgelegt, eine untergeordnete Hilfsfunktion für die amerikanische Beherrschung der Region zu erfüllen - und das dämpft ihre Bereitschaft, für das unverzichtbare Dabei-Sein Aufwand zu treiben.
Die europäischen Mit-Weltmächte lassen sich also von der UNO ein "robustes Mandat” für ihr Expeditionskorps erteilen, das ”zur Durchsetzung seines Auftrags und zur Absicherung der Regierungsgeschäfte militärische Gewalt anwenden darf”. Zugleich reduzieren sie den finanziellen Aufwand und die Größe der Verbände, die sie entsenden, so weit, dass übermäßige Anwendung von Gewalt gegenüber afghanischen Bewaffneten gar nicht erst zu erwarten steht. Viel mehr, als dass die europäischen Truppen in Kabul sich selbst verteidigen und ihre Lager sichern, kriegen sie ohnehin nicht zustande. Wenn dann noch deutsche, britische, französische und andere Truppen in Kabul als Ordnungsmacht patrouillieren, die Stadt, den Flugplatz und die Straße dorthin halbwegs sicher machen, dann ist der Zweck des Aufmarschs erreicht. Damit investieren Europas Mächte immerhin so viel internationale Autorität, dass sich die von keiner politischen Kraft vor Ort gewollte, von keiner lokalen Macht getragene Koalitionsregierung Karzai in der Hauptstadt vorerst halten kann und nicht gleich von den in ihr zusammengezwungenen Fraktionen gesprengt wird. Jenseits der Stadtgrenzen von Kabul hat sie sowieso nichts zu melden. Daran stört sich abgesehen von Regierungschef Karzai niemand. Der will aus der Fassade, der er vorsteht, mehr machen und vertritt in seiner Person das einzige existente Interesse an einem Gewaltmonopol über das Land. Er fordert, die Schutztruppe solle ihr Mandat ausdehnen und auch außerhalb der Hauptstadt "Frieden schaffen”, d.h. ihm helfen, sich in der Provinz durchzusetzen. Dafür gibt sich aber keiner der europäischen Verteidigungsminister her, die alle in Kabul antanzen. Ihnen genügt es offenbar, mit ihrer Militärpräsenz den vorläufigen Schein eines afghanischen Staates zu erzeugen.
Darauf scheint auch die Wiederaufbauhilfe der Weltgemeinschaft berechnet
zu sein. Die knapp 5 Mrd. Euro, die dem neuen Afghanistan über fünf
Jahre versprochen, also keineswegs sicher sind, mögen in diesem Land
eine Menge Geld sein, wenn es darum geht, die Wasser- und Stromversorgung
der Hauptstadt zu reparieren, ein paar Ministerien und Schulen wieder in
Betrieb zu nehmen und Polizisten auszurüsten. Als der gesamte Staatshaushalt
eines Land, das überhaupt erst wieder unter die Kontrolle einer Regierungszentrale
zu bringen wäre, ist das Geld ein Witz - und andere Quellen wird ein
Finanzminister in Kabul sich wohl kaum erschließen können.
Das Halbseidene dieses imperialistischen Flagge-Zeigens neben und
unter dem fortgesetzten Bombenterror der Amerikaner macht die Aktion für
ihre europäischen Auftraggeber gefährlich und fragwürdig:
Zur Hälfte basiert die Haltbarkeit ihrer "robusten Truppe” auf der
Rückendeckung, zur Not auf der Feuerkraft der US-Air-Force, zur Hälfte
auf der Bereitschaft der politischen Kräfte und der Bevölkerung
in Kabul, sie als Ordnungsgewalt zu akzeptieren. Den "Mann auf der Straße”
beeindruckt das eingeflogene Militär mit Demonstrationen einer zivilen
Nützlichkeit seiner Präsenz und repariert Straßen, Stromversorgung,
die städtische Fußballkultur und anderes. Die bewaffneten Kräfte
sind weniger leicht einzuwickeln. Um die Verbände der Nordallianz
von der Regierung fern, diese also von militärischem Druck ihrer Fraktionen
frei zu halten, ist die Truppe vor Ort. Ihre ursprüngliche Forderung
nach Rückzug oder Entwaffnung dieser Verbände aber versucht sie
gar nicht erst durchsetzen. Tausende Kämpfer mitsamt ihren Waffen
stehen in der Stadt und kontrollieren die "Friedentruppe” nicht weniger
als sie diese.
Diese Lage schürt den Streit unter den europäischen Entsendestaaten um die Konstruktion ihrer Schutztruppe und um die nationalen Beiträge zu ihr. Die Briten wollten die Schutztruppe an das amerikanische Oberkommando anbinden, d.h. ihm unterstellen - einerseits im Interesse ihrer Abschreckungsmacht, andererseits im Sinne des Auftrags, wie London ihn versteht, nämlich als verlängerter Arm der amerikanisch-alliierten Anti-Terror-Streitmacht zu fungieren. Genau das Letztere wollten vor allem die Deutschen ganz entschieden nicht: Den USA als Bodentruppe dienen, die - neben den gemeinsamen Spezialkommandos zur Terroristen-Vernichtung - die wüsten Verhältnisse kontrolliert, die der Sieg der US-Bomber über die Taliban freigesetzt hat, das würde nach kontinentaleuropäischer Kalkulation endgültig jedes vertretbare Verhältnis zwischen militärischem Aufwand und imperialistischem Ertrag sprengen. Europa soll schon für etwas Eigenes, Positives, von den Ami-Bomben Unterscheidbares stehen - für seine eigene autonome, selbstdefinierte, vom amerikanischen Engagement sichtbar getrennte "strategische” Zuständigkeit. Für den selbständigen Auftritt will dann aber keines der Länder, die unbedingt dabei sein müssen, die Verantwortung übernehmen. Die Briten kündigen an, sich, sobald es irgend geht, von der Rolle der "lead nation”, die sie zunächst beanspruchen, zu verabschieden. Deutschland erklärt sich von der Ehre dieser Rolle, die ihm von den USA wie von den Afghanen angetragen wird, überfordert. Auch sonst findet sich kein potenter EU-Staat, der sie will. So schaffen die europäischen Hilfs-Sheriffs es am Ende womöglich doch noch, ihren amerikanischen Auftraggeber in das Geschäft des Ordnung-Stiftens hereinzuziehen, das sie unter berechnenden Vorbehalten übernommen haben - und das sich dann allerdings bestimmt nicht mehr auf die Straßenverkehrsordnung in Kabul beschränken würde.
Doch wie auch immer die imperialistischen Alliierten sich streiten und einigen, so viel steht fest: Mit der genialen Kombination aus amerikanischer Lufthoheit samt jederzeit abrufbarem Bombenterror, punktueller Erledigung antiamerikanischer Restposten im Hinterland, einer machtlosen afghanischen Marionette in Kabul, einer besorgten UNO im Hintergrund und einer Hand voll europäischer Gendarmen mit "robustem” Aufsichtsmandat befördern sie das vom Terror befreite Afghanistan und allen voran die weibliche Bevölkerung ganz ohne Zweifel in eine glückliche demokratische Zukunft.