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Der stereotype Vorwurf der Ahnungslosigkeit, Dummheit und Cowboymentalität ergeht an jeden neuen US-Präsidenten. Dieser Vorwurf kündet von nichts als ziemlich ohnmächtiger Betroffenheit: durch die Tatsache nämlich, dass der jeweils neue erste Mann Amerikas dem Rest der Welt nicht mit der berechnenden Erkundung der eigenen Chancen gegenübertritt, die sich der eigenen Nation in Abhängigkeit von den Interessen der übrigen Staaten bieten, sondern dass er politische Fakten setzt, welche die anderen mit ihren Berechnungen zur Anpassung nötigen. Die Berechnungen, mit denen der neue Mann antritt beziehen sich kritisch auf vermeintliche Schwachstellen in der Politik des Vorgänger: auf fehlende Erfolge, die nach amerikanischer Auffassung von mangelhafter Durchsetzung amerikanischer Rechte in der übrigen Welt und gegen sie zeugen. Damit erledigt sich auch die heiße Frage: Kontinuität oder Wende? Zur US-Politik gehört allemal kritische Selbstprüfung - nach Erfolgskriterien, die es in sich haben. Amerikas Weltmacht ist nämlich kein Zustand, sondern ein Dauerprogramm. Und da ist Bush gleich einiges eingefallen, was die Welt von China bis Berlin betrifft.
Zur Erinnerung. Neulich hat die Republik aufgeregt die Frage diskutiert, was Fischer, was Trittin sich damals, nach 68 geleistet haben und ob sie sich damit nicht für ihr Amt heute disqualifiziert haben. Das hat eine muntere Debatte ausgelöst, bei der sich Gesinnungsgenossen zu Wort melden durften, die es inzwischen auch zu gewissen Amt und Würden gebracht haben, und andere, die sich nie einen Al-Fatah-Besuch zur falschen Zeit haben zuschulden kommen lassen. Ausgangspunkt des heftigen Erinnerns an "die 68er" ist also eine Zulassungsfrage: Dürfen solche Typen die Geschicke unseres teuren Landes verantworten? Die Antwort der Beschuldigten fiel passend aus: Ja, wir dürfen, denn ohne 68er wäre die Republik nicht das, was sie ist: unser teures Land. Wo frühere Kritiker sich und ihre Karriere als Beitrag zur Gestaltung der Nation anpreisen, ohne den die Republik nur halb so wohnlich wäre, da erlaubt sich der GegenStandpunkt die Gegenfrage: Wie wohnlich sind die Verhältnisse eigentlich mit ihrem Beitrag und was haben die 68er wirklich an der BRD verändert. Soviel sei verraten: Nichts grundsätzliches - und doch eine ganze Menge.
Nun also ist er abgeräumt, demnächst wird er wohl an Den Haag ausgeliefert - der Mann, der nach einhelliger Auffassung von Berlin bis Washington für all die Ungeheuerlichkeiten verantwortlich ist, die sich in den letzten 10 Jahren auf dem Balkan abgespielt haben. Das letzte große Hindernis für Frieden und Stabilität in den ehemaligen südslawischen Gebieten ist beseitigt, in Serbien ist die "Wende zur Demokratie" erfolgt - und nichts ist es mit Frieden und Stabilität in der Region. Statt eines "friedlichen Zusammenlebens der Völker" grassiert immer noch das "Gift des Nationalismus", und das - so die Legende - geht schon wieder und immer noch auf das Konto dieses Mannes. Ein bisschen unglaubwürdig ist das schon als Erklärung, warum jetzt, nach Milosevics unfreiwilligem Abgang und unter unbestrittener Nato-Aufsicht, albanische Milizionäre, kroatische Soldaten, die mazedonische Armee, die montenegrinischen Parteien mit ihrem jeweiligen nationalen Anliegen unterwegs sind und aneinandergeraten. In Wahrheit ist es ja auch ganz anders. Genau das, was der Westen Titos "Vielvölkergefängnis" übel genommen hat - Völker "bloß mit Gewalt" zum Zusammenleben "zwingen" - das will er in anderer Form durchsetzen. Dieselben völkischen Selbstbestimmungsrechte, zu deren Anwalt er sich gemacht hat, will er mit seinem Kommando zusammenschweißen - und dieser Widerruf ihrer Rechte ist nicht gerade die nationale Emanzipation, die den Völkerschaften vorschwebt. Also haben die Nato-Mächte viel zu beaufsichtigen.