2.
Der Westen "durchschaut" den "Trick": Er schließt messerscharf darauf, dass es Milosevic bloß um seine Ermächtigung geht. Was der Zweck so ziemlich aller demokratischen Wahlen ist, hat man in dem Fall als verwerflichen Anschlag auf die Demokratie zu begreifen, die in Serbien vor und unabhängig von jeder Wahl die Entmachtung Milosevics gebietet. Folglich dekretiert der Westen - der sich in der jugoslawischen Verfassung wieder einmal besser auskennt als die Rest-Jugoslawen -, dass die Wahlen einen Verfassungsbruch darstellen: Klar ist, dass "von einer echt demokratischen Wahl nicht gesprochen" werden kann, da Milosevic seinen "Machtmißbrauch" bis ins Jahr 2009 fortschreiben wolle. (Fischer, FAZ 28.7.)
Bei diesem Urteil bleibt es aber nicht. Der Westen findet nämlich Gefallen an der Idee, die Veranstaltung in seinem Sinne umzudrehen - die Wahl müsse dazu benutzt werden, "Milosevic endgültig von der Macht zu vertreiben" (Fischer, FAZ 9.9.) - und sie zu einem Instrument für die Entscheidung der Alternative zu machen, die er seit dem Krieg über das Land verhängt hat: Hörigkeit oder Ächtung, entweder Serbien beugt sich oder es hat mit weiterer Zerstörung zu rechnen. Er stellt klar, dass, wie immer die Wahl ausgeht, nur ein Ergebnis akzeptiert wird, die Abwahl Milosevics; nur dieses Ergebnis ist demokratisch. Jedes andere wäre ein Beweis für Wahlfälschung und zöge weitere Strafmaßnahmen der NATO nach sich.
3.
"Also vollzogen die Opposition
und der Westen eine Kehrtwende - und sie machten dies im Grunde genommen
nicht einmal ungeschickt. Der zerstrittene Haufen der Milosevic-Gegner
einigte sich auf einen Präsidentschaftskandidaten, der sich als Volltreffer
erweist. Vojislav Kostunica ist als aufrechter Nationalist nur schwer erreichbar
für die Diffamierungen des Regimes, das seine Kritiker sonst so gerne
als fünfte Kolonne der NATO vorführt." (SZ 20.9.)
Mit Kostunica - "Nein zu Amerika, nein zu Milosevic!" heißt seine Wahlkampfparole - gelingt es der Opposition, den Vorwurf des Vaterlandsverrats kongenial und glaubwürdig an Milosevic zurückzugeben. Seine hiesigen Sponsoren bekennen sich dabei offen zu dem manipulativen Manöver, mit dem ein nationalistischer Wählerhaufen bedient werden soll, um ihn zur Wahl einer prowestlichen Regierung zu bewegen: "Kostunica wird die Rolle zufallen, die Fahne des Serbentums hochzuhalten, Djindjic dagegen die Schlüsselstellung, um mit einem pragmatischen Kurs das Land zurück nach Europa zu führen." (SZ, 7.10.)
Die wachsenden Aussichten, dass der "aufrechte Nationalist" an der Spitze des Oppositionsbündnisses Milosevic schlägt, sichern ihm hierzulande die Qualität eines "demokratischen Nationalisten", was soviel besagt wie: ein serbischer Nationalist, aber unserer, nämlich gegen Milosevic, also ein Demokrat. Seine Aussichten werden nicht nur durch die westlichen Wahlkampfgelder untermauert, sondern auch durch das Versprechen, dass die Abwahl Milosevics mit der Aufhebung der Sanktionen belohnt wird.
Begleitet wird die Wahlkampagne von der sachkundigen Prognose, dass Milosevic, so wie man diesen Diktator kennt, die Macht nie und nimmer freiwillig abgeben werde, "nur weil der Westen es wünscht und der Wähler es will." (SZ, 26.9.) An das serbische Volk ergeht der Auftrag, sich "in keinem Fall den zu erwartenden Wahlfälschungen zu beugen." (NZZ 28.9.) So geben die Siegermächte schon im Vorfeld des Wahlgangs zu Protokoll, dass das Wahlergebnis in jedem Fall die gewaltsame Entmachtung Milosevics legitimiert - entweder findet sich in Serbien eine Mannschaft für die vom amerikanischen Außenministerium propagierte Ceausescu-Lösung oder die NATO wird die entsprechende Antwort erteilen, wie der englische Außenminister prophylaktisch bekannt gibt.
4.
Das von der Opposition dergestalt bekannt gegebene Resultat wird umgehend von der EU bestätigt, die sich am Montag nach der Wahl "auf die Niederlage von Milosevic verständigt". Denn "auch ohne Ergebnisse" sei ja klar, dass das Volk gegen Milosevic und für den "demokratischen Wandel gestimmt habe". (FR, 26.9.) Der Westen vollzieht die offizielle Anerkennung von Kostunica als neuem Präsidenten. Weil die offizielle serbische Wahlkommission zu einem anderen Ergebnis kommt - ihre Auszählung ergibt keine absolute Mehrheit für Kostunica -, ist klar, dass es sich bei ihr um ein Machtinstrument des Milosevic-Regimes handeln muss. Der von ihr geforderte zweite Wahlgang sowie die Tatsache, dass nach geltendem Recht Milosevics Präsidentschaft auch nach seiner Abwahl noch ungefähr ein dreiviertel Jahr dauert, genügen, um das angekündigte Procedere als Machenschaft zu verurteilen, mit der sich Milosevic an der Macht halten will. Der Westen erklärt, dass er Milosevic keinen Tag länger im Amt dulden werde. Gleichzeitig halten die USA und Großbritannien Seemanöver in der Adria ab, und der englische Außenminister Cook erinnert "den jugoslawischen Präsidenten auch daran, dass der Westen ansehnliche Streitkräfte in der Region stationiert hat." (SZ, 27.9.) Die Deutschen wirken wieder einmal konstruktiv auf den Kreml ein, so dass der russische Präsident nach seiner Rückkehr aus Indien auch nichts Besseres zu tun hat, als den Beschluß des Westens abzunicken. Politik und Öffentlichkeit verlangen gebieterisch, dass nunmehr die von ihnen schon mit der Prognose der Wahlfälschung angeordnete Konsequenz ansteht und das dekretierte Wahlergebnis per Bürgerkrieg durchgesetzt werden muss.
Und wie reagiert der Diktator, dessen Unberechenbarkeit und Gefährlichkeit seit Wochen schon in allen Schattierungen ausgemalt wird, von dem man längst weiß, dass er zur Erhaltung seiner Macht vom "Bürgerkrieg auf Belgrads Straßen" bis zum "Bruderkrieg in Montenegro", von einer Militärdiktatur bis zu einem neuen Krieg alles an Gewaltexzessen in petto hat, was sich das westliche Feindbild nur ausdenken kann? Nichts von dem, was alles vorhergesagt wurde, trifft ein. Er versagt vor diesen hochgestellten Erwartungen aufs jämmerlichste und beantragt die Durchführung des zweiten Wahlgangs. Und nachdem ihm der nicht zugestanden wird und Anhänger der Opposition mit dem Sturm aufs Parlament ein Stück des vorgesehenen Bürgerkriegs anzetteln, gibt er schlichtwegs auf. Ja, wo sind wir denn hier? Ein Diktator, der einen Machtkampf mit der formvollendet-demokratischen Demission aus dem Amt einfach für beendet erklärt, dem Wahlsieger gratuliert und ankündigt, sich künftig um seine Partei und die Arbeit der Opposition im Parlament zu kümmern?
Man will es im Westen kaum glauben, dass der Sieg so glatt über die Bühne geht und auf so wenig Gegenwehr stößt; ungefähr eine Woche lang wird die Frage gewälzt, welche Manöver Milosevic nun im Schilde führt, ob er den Gegenschlag aus der Provinz vorbereitet oder die Armee zum Putsch aufruft. Aber es bleibt dabei, der Gewalthaber rechnet sich von der Alternative Bürgerkrieg offenkundig nichts mehr aus und der von ihm kommandierte Machtapparat ebensowenig. Die Ära Milosevic ist damit zu Ende.
5.
- In Gestalt von Zweifeln, ob der Machtwechsel bereits gelungen ist und ob er gründlich genug durchgeführt wird, werden der neuen Führung ihre nächsten Aufgaben zugewiesen: Die Entmachtung Milosevics muss ein für allemal erledigt sein, sich auf alle seine Anhänger im Staat erstrecken, umfassende Säuberungen sind fällig, damit der Machtwechsel hin zu einer prowestlichen Staatsausrichtung auch endgültig und irreversibel feststeht. Die Aufgabe wird von der neuen Mannschaft, die ihren Sieg sichern will, auch in Angriff genommen. Angesichts der Vielfalt von gewählten Selbstverwaltungsorganen, die die Diktatur Rest-Jugoslawien besitzt und die jetzt alle auf demokratische Einheitslinie gebracht werden müssen, gibt es da einiges zu tun. Immerhin haben die Wähler ja auch mehrheitlich Milosevics Parteienbündnis ins Bundesparlament gewählt, in Serbien regiert überhaupt noch die Milosevic-Partei und der gesamte Staatsapparat ist mit seinen Funktionären durchsetzt - das bietet den demokratischen Aufpassern im Ausland unentwegt Anlass zu Warnungen vor neuen Intrigen der unterlegenen Fraktion sowie zu Zweifeln an der neuen Führung, ob die ihren Auftrag auch entschlossen genug durchführt. Es gibt immer wieder Stimmen im Westen, denen das Aufräumen viel zu friedlich vonstatten geht.
- Des weiteren fordert man von der neuen Führung die Auslieferung der Kriegsverbrecher, Milosevic an erster Stelle, an Den Haag. Weil man im Westen weiß, was man der neuen Führung da zumutet, gewährt man ihr für die Erfüllung zwar gnädig einen gewissen Aufschub - in der offen bekannt gegebenen Berechnung, dass sie noch nicht fest genug im Sattel sitzt. Die Forderung aber und die Unausweichlichkeit ihrer Erfüllung stehen vom ersten Tag an unerschütterlich fest. Daran bemisst der Westen nämlich die Tauglichkeit der neuen Regierung: Mit diesem Akt hat sie ihre Bereitschaft zu dokumentieren, die Anerkennung der Niederlage, die die Nato ihrem Staat beigebracht hat, zum Ausgangspunkt für alles zu machen, was sie sich so unter der 'Zukunft Serbiens' vorstellen mag. Bereitschaft zur Unterordnung unter die Weltordnungsansprüche des westlichen Bündnisses ist zuallererst verlangt als Bedingung für die Beilegung der Feindschaft und die Wiederaufnahme 'normaler Beziehungen' - unabhängig davon, was auf der Grundlage aus Serbien noch werden kann.
- Keines der Probleme, für
die man Milosevic haftbar gemacht hat, ist mit dessen Entmachtung bereinigt.
Kein Wunder, die sind ja nur die Resultate der erfolgreichen Zermürbung
des widerspenstigen Staatswillens durch die Zerschlagung der jugoslawischen
Staatsmacht. Deshalb kommen sie nun alle neu auf die Tagesordnung. Die
Sezessionisten in Montenegro, die dem Westen als Hilfstruppe zur Schwächung
Rest-Jugoslawiens recht waren, auch wenn er ein unabhängiges Montenegro
gar nicht brauchen kann, sehen sich herausgefordert; dasselbe gilt auf
niedrigerer Stufenleiter für die Vojvodina und den Sandschak. Was
das 'Zusammenleben' in Serbien angeht, so hat der Krieg des Westens lauter
nationalistische Frontstellungen erzeugt, und zu denen hat der Westen jetzt
vor allem eines beizutragen, nämlich die gebieterische Forderung,
es sollte nun stabil zugehen. Was schließlich den Kosovo betrifft,
kann die neue Regierung auf dessen prinzipielle Zugehörigkeit zu Rest-Jugoslawien
pochen, de facto verbürgt die Stationierung der NATO-Truppen die Abtrennung,
und die albanischen Nationalisten setzen unter diesem Schutz alles daran,
das völkerrechtliche Provisorium unhaltbar und die Trennung in ihrem
Sinne unumkehrbar zu machen.
Was auch immer sich der serbische
Wähler unter dem Titel "Annäherung an Europa" vorgestellt haben
mag, welche Zukunft für ihr Land sich die Mannschaft, die nun regiert,
von der Unterwerfung unter die westlichen Wohlverhaltensgebote verspricht
- mit den Erwartungen hat das westliche Programm nichts zu schaffen.
Unterordnung ist auch schon der gesamte und ausschließlich negative
Inhalt, dem der Balkanfeldzug auch in dieser letzten Etappe gegolten hat.
Der "Wiederaufbau", den man während der Zeiten des Wahlkampfs für
die Abwahl Milosevics in Aussicht gestellt hat, ist mit den Geldern, die
man in den Wahlkampf gesteckt hat, in der Hauptsache erst einmal erledigt.
Keine Rede ist mehr von den 4 Mrd. DM Soforthilfe, die der EU-Balkanbeauftragte
Hombach vor der Wahl "in der unabhängigen Belgrader Zeitung Blic
offerierte". Und damit dürften nun auch die Bauchschmerzen erledigt
sein, die das Preis-Leistungs-Verhältnis der Süddeutschen Zeitung
damals bereitet hat: Die Summe "kann durchaus als Kopfgeld auf Milosevic
verstanden werden, der damit zum teuersten mutmaßlichen Kriegsverbrecher
aller Zeiten avanciert." (23.9.) Es wird unter Garantie kein Geld verschwendet.
Was an weiteren Hilfen mittlerweile zugesagt worden ist, dient rein den
Berechnungen der Aufsichtsmächte: 1 Million DM Soforthilfe zur Beseitigung
der Bombentrümmer in der Donau genehmigt die Bundesregierung, das
europäische Geschäfts mit der Donauschifffahrt soll wieder losgehen.
Zwei Sanktionen aus dem umfänglichen Sanktionskatalog sind aufgehoben
worden, Belgrad darf wieder angeflogen werden und der Staat darf wieder
Öl kaufen. Er kann es aber kaum - über die internationale Zahlungsfähigkeit
des jugoslawischen Reststaats, seine Zuständigkeit für blockierte
Konten und aufgelaufene Schulden, ist noch nicht entschieden -, weshalb
wiederum die Bundesregierung ein paar Zuschüsse gewährt. Laut
der offiziellen Zweckbestimmung handelt es sich um Überlebenshilfen
für den Winter. Schließlich stehen im Dezember noch einmal Wahlen
in Serbien bevor, und der prowestliche Umsturz soll nicht sofort wieder
durch das fortgesetzte Elend gefährdet werden.
All das steht in gar keinem
Verhältnis zu dem ökonomischen Desaster, das mehrere Jahre Embargopolitik
plus Nato-Krieg angerichtet haben. Man mag sich in Belgrad zwar Hoffnungen
darauf machen, dass nun die früheren guten Beziehungen zu Europa und
insbesondere zu Deutschland, die ja vor der Zerschlagung des Vielvölkerstaats
schon gut unterwegs waren, wiederhergestellt werden, einzubringen in die
guten Beziehungen hat man allerdings nurmehr einen ziemlich kaputten Teil
des alten Jugoslawien. Und der soll nach westlicher Auffassung schon damit
gut bedient sein, dass er zum normalen Handel und Wandel wieder zugelassen
wird. Für alles weitere wird Rest-Jugoslawien auf Hombach und dessen
gloriosen Stabilitätspakt verwiesen: Gute Führung und ganz viel
Zusammenarbeit untereinander, das ist der Weg zum Wiederaufbau, den Europa
seinem Balkan verordnet.