Vorläufige Fassung für GegenStandpunkt 1-2000
Anfang des Jahres übernimmt Amerika turnusmäßig die Präsidentschaft im UN-Sicherheitsrat und läßt sich etwas ganz Besonderes einfallen. Unter dem Motto: "Ein Monat für Afrika" werden dort den ganzen Januar über "so viele Probleme Afrikas debattiert wie sonst in Jahren nicht." (SZ, 12.1.) Vor allen blutigen Konflikten, die den klassischen Diskussionsstoff des Gremiums abgeben, besteht US-Vizepräsident Al Gore darauf, die Debattenserie mit dem Thema "Aids in Afrika" zu eröffnen:
"Wenn eine einzelne Krankheit alles, von ökonomischen Anstrengungen bis hin zur Friedenssicherung, bedroht - sind wir mit einer Sicherheitsbedrohung von größter Wichtigkeit konfrontiert." (Eröffnungsrede, 10.1.)
1. 20 Millionen HIV-infizierte Afrikaner, das sind zwei Drittel aller Infizierten weltweit; jede Minute stecken sich weitere 10 Menschen an; erste Hochrechnungen zufolge sterben in 5 Jahren täglich 13 000 Afrikaner an Aids: Wovon Gore Bericht erstattet, zeugt von der gänzlichen Abwesenheit von so etwas wie einem staatlichen Gesundheitswesen in den betreffenden Ländern. Die Ausbreitung der Seuche ist also Ausdruck - sicher nicht Grund - des allgemeinen Zustands, in dem sich die Staaten Afrikas befinden.
2. Diesem Zustand widmet sich Gore als Vertreter der amerikanischen Weltmacht: Grundsätzlich für alles zuständig, was auf der Welt passiert, bezieht die es sogar noch auf sich, wenn auf einem ganzen Kontinent die Staatenwelt verfällt. Betroffen blickt die reichste Nation der Welt in Gestalt ihres Vizepräsidenten auf das restlos verschuldete Armenhaus des Weltmarkts, dessen Erträge aus dem Rohstoffexport mitsamt ihrer Quellen längst allesamt dutzendfach an irgendwelche amerikanischen und europäischen Konzerne verpfändet sind - nach dem Motto: Was machen die uns schon wieder für Probleme!
3. Bei diesen hätte man freilich schon gerne erfahren, welche Anstrengungen zur Verbesserung der ökonomischen Lage und zur Beförderung friedlicherer Verhältnisse in Afrika der Mann aus Amerika eigentlich im Auge hat, wenn er darüber Klage führt, daß dieselben durch die Ausbreitung der Krankheit allesamt zum Scheitern verurteilt seien. Er redet gar nicht über existente Bemühungen; vermutlich erinnert er sich mit Grausen an den UN-Somalia-Einsatz unter amerikanischer Beteiligung oder an die Aufbruchsstimmung, die Clinton auf seiner letzten Afrika-Reise verbreiten wollte - jedenfalls legt er entschieden wert auf die Mitteilung, daß derlei Anstrengungen, was Afrika betrifft, von vornherein gar nicht wert sind, in Angriff genommen zu werden.
4. Zur Begründung seiner Absage an jegliche Vorstellung von 'Entwicklung', da hat der Mann schon recht, paßt nun Aids freilich wie der Deckel auf den Topf: Man kann ja verschiedene 'Ursachen' für den Zustand afrikanischer Staaten verantwortlich machen. Gegenüber dem Standardvorwurf 'korrupte Regierung', dem immer noch irgendwie die Forderung nach Dingfestmachen der Schuldigen innewohnt, hat die Vorstellung einer grassierenden Seuche, die einfach naturwüchsig um sich greift und jede wohlgemeinte Hilfe zur Selbsthilfe schon im Keim zunichtemacht, zweifellos den Vorteil, daß aus ihr absolut keine praktische Konsequenz folgt.
5. Wenn Amerika diesen Standpunkt einnimmt, dann folgt daraus freilich schon was. Wenn die USA Afrika abschreiben, dann bleibt es garantiert dabei, daß dort ganze Völkerschaften an einer Krankheit krepieren.
6. Der Ober-Ami läßt es sich nicht nehmen, seinen Beitrag zum Thema "Aids in Afrika" in eine "neue Sicherheitsagenda für das 21. Jahrhundert" einzukleiden, weil es ihm noch auf eine weitere Botschaft ankommt. Eine Krankheit als Herausforderung des Sicherheitsrates - diese Aufgabenstellung paßt zwar nicht so recht auf das UN-Institut, das satzungsgemäß für "bewaffnete Konflikte zwischen Nationen" zuständig ist. Umso mehr aber paßt sie zu dem, was Amerika von diesem Institut hält. Mit der verächtlichen Statuszuweisung, die den Sicherheitsrat in die Nähe der WHO rückt, stellt Gore einmal mehr klar: Damit mag sich die UNO befassen, Weltpolitik ist und bleibt Entscheidungssache der USA.
7. Gores Auftritt hat schließlich noch die Wirkung, daß sich die Weltöffentlichkeit wieder einmal für einige Tage für "Aids in Afrika" interessiert. Nach dem Motto: 'Was lehrt uns die Seuche?' zeichnet sie liebevoll und im Hinblick auf die spannende Frage, ob die wohl aufgehen, die schäbigen Berechnungen des amerikanischen Wahlkämpfers nach: "Natürlich möchte Al Gore als Präsidentschaftskandidat der Demokraten ins Rennen gehen, und dieses Thema kann die Stimmen der schwarzen Wähler bringen." Umfassend wird die Menschheit unterrichtet, daß "die Sterberate unter den Eliten zahlreiche Länder in ihrer Regierungs- und Verteidigungsfähigkeit bedroht", Aids aber insgesamt nicht das ausufernde Bevölkerungswachstum in Afrika zum erliegen bringen wird. Man erfährt außerdem manches über das Sexualverhalten von Negern, aber auch über die Verantwortungslosigkeit der katholischen Kirche, die einfach keine Kondome zulassen will. Man ist also wieder einmal bestens informiert.
© 2000 GegenStandpunkt Verlag